#Prosa

Fremde Frauen

Stanislav Struhar

// Rezension von Susanne Eichhorn

Der Titel, der die beiden Erzählungen in diesem Buch vereint, stellt bereits vor dem Lesen Assoziationen her, die sich teilweise bestätigen sollen, jedoch vor allem überraschen werden. Gerade die Fremde  erhält hier in ihren kontextualisierten Zuschreibungen ein Potpourri an unterschiedlichen Bedeutungen, die während der Lektüre zu mehrmaligem Umdenken herausfordern.

In der ersten Erzählung begegnen sich Alan und seine Studienkollegin Bernadette vorerst nur am Rande eines gemeinsamen Freundeskreises. Alan flüchtete ein paar Jahre zuvor aus der noch kommunistisch regierten Tschechoslowakei nach Österreich, auf der Suche nach einem besseren Leben: Von Freiheit träumte ich und war dabei der festen Überzeugung, sie nur in der Fremde finden zu können (S. 8). Der in Wien teils unterschwelligen, teils ganz offen ausgetragenen Ausländer-feindlichkeit – der  „Angst vor dem Fremden“ – begegnet Alan nicht nur bei anderen, sie wird ihm selbst oft unverblümt unter dem Deckmantel des Wohlwollens als Tugend präsentiert und gedankenlos in seiner Gegenwart von Kommilitonen praktiziert: Dabei hatte Christian auf das Taschenbuch in Bernadettes Hand gewiesen und gefragt, ob sie die slawische Herkunft des Autors nicht störe (S. 18). Inzwischen ist Tschechien ein eigenständiges und freies Land, Prag zu einer vielbereisten Stadt geworden, aber sich bei seiner Mutter zu melden, schafft Alan trotzdem nicht, obwohl ihn Sehnsucht und schlechtes Gewissen plagen. Als Bernadette nach einem Streit mit ihren Eltern dringend eine Unterkunft sucht, zieht sie bei Alan ein. Die erzwungene räumliche Nähe lässt Skepsis und Distanz nicht sofort verschwinden.

Die Geschichte des jungen Deutschen Stefan thematisiert in der zweiten Erzählung die Problematik von Flüchtlingsschicksalen nur peripher. Nachdem Stefan mit seiner Freundin Arianna nach San Remo gezogen ist, hat diese ihn für ihre Jugendliebe verlassen. Er bleibt trotzdem in Italien und beginnt im Geschäft ihres Onkels zu arbeiten. Dessen Tochter Francesca begegnet ihm ablehnend, da sie die Entscheidung des Onkels, einen Ausländer anstelle eines der vielen arbeitssuchenden Italiener einzustellen, nicht gutheißt. Abgesehen von Francesca wird Stefan allerdings von seiner Umgebung positiv empfangen und wohlwollend in die italienische Gesellschaft integriert. Seine anfänglichen Zweifel an seiner Anpassungsfähigkeit an – fremde – regionale Gepflogenheiten werden rasch entkräftet: [Girardi] tätschelte Stefans Arm und bemerkte: „Du wirst bald einer von uns sein.“ (S. 96) Doch auch ihn quälen Erinnerungen an seine Vergangenheit.

In beiden Erzählungen sind die TitelheldInnen zuerst gezwungen, Zeit miteinander zu verbringen, bis sie zueinander finden und es den Anschein hat, dass es den Frauen schließlich gelingt, unsichtbare Grenzen aufzubrechen. Wenn die den beiden Texten überschriebene Fremde also jene Grenzen sind, die die beiden Protagonisten Alan und Stefan auf der Suche nach Freiheit erst noch einmal überschreiten müssen, so sind es gerade die Frauen, die den Entwurzelten, den Männern auf der Flucht schließlich das Gefühl von Ankunft in ihrer neuen Heimat vermitteln – diese Erkenntnis lässt den vom Autor gewählten Titel Fremde Frauen unverkennbar ironisch verstehen.

Wie auch schon mit seinem vorangegangenen Roman Eine Suche nach Glück (2005) gelingt es Stanislav Struhar hier, transnationale Erfahrungen, wie etwa Identitätsverlust und -gewinn oder Fremdheit und Anpassung, literarisch umzusetzen. Der aus der ehemaligen Tschechoslowakei stammende Autor reiht sich mit seinen Texten in jenen Bereich der österreichischen Gegenwartsliteratur ein, der Anfang dieses Jahrtausends als Migrationsliteratur bekannt geworden ist. Deren Vertreter konnten mit kritischen Gesellschaftsbildern ihrer Herkunftsländer während und nach der kommunistischen Herrschaft bereits Erfolge in Österreich feiern. Auch Struhar ist auf dem besten Weg dorthin, wenn er als Autor mit Migrationserfahrung den Blick der österreichischen Gesellschaft weg von teils noch festgefahrenen Perspektiven auf eine durch Globalisierung im Umbruch befindliche transkulturelle Hybridität lenkt. Mit dem „Schreiben in der Fremde“ gehen durchaus noch immer der europäischen Realität entsprechende Erfahrungen wie Flucht und Verfolgung, aber auch Identitäts- und Sprachwechsel einher, die das öffentliche Bewusstsein Österreichs – meist unbewusst – mitprägen. Der in Wien lebende Autor entstammt einer literarischen Tradition, die sein Erzählen vor allem darin beeinflusst, dass vordergründig Geschichten erzählt werden. Auch hat er bis vor einigen Jahren noch auf Tschechisch geschrieben, das macht sich zwar manchmal in syntaktischen Unregelmäßigkeiten bemerkbar, doch der mit dem Sprachwechsel einhergehende reflektierte Umgang mit der Sprache lässt diese direkter und klarer in ihrem Ausdruck erscheinen, so werden etwa kaum rhetorische Mittel oder komplexere Stilfiguren eingesetzt. Die Ästhetik seiner  Sprache verschiebt sich somit in der Weise, dass in Fremde Frauen der Fokus nicht so sehr auf österreichischen Themen, als vielmehr auf der Lust am Erzählen selbst liegt. Somit findet mit den vorliegenden Texten ein ebenso positiver wie erfrischender „Rückweg nach vorne“ zum Geschichtenerzählen in der österreichischen Literatur statt, indem Fremde Frauen genau das sind und halten, was sie zu Beginn versprechen: zwei Erzählungen, wie sie ihrer gattungstypischen Spezifizierung am nächsten kommen.

Stanislav Struhar Fremde Frauen
Erzählungen.
Klagenfurt / Celovec: Wieser, 2014.
160 S.; geb.
ISBN 978-3-99029-050-7.

Rezension vom 01.04.2013

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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