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Fragmente einer anarchistischen Poetik

Günter Eichberger

// Rezension von Alexander Kluy

„Wir sind unbewaffnete Individualanarchisten austriazistischer Prägung, die es immer als ihr höchstes Ideal ansahen, Tradition und Zukunft in einer poetischen Gegenwart zu vereinen, das heißt, das Menschenrecht auf anarchistische Un-Tätigkeit zu verteidigen.“ So die Begründung von H. C. Artmann, Helmut Eisendle und Peter Rosei, mit der sie 1978 die Grazer Autorenversammlung verließen.
Mit dieser Selbstzuschreibung setzt sich Günter Eichberger, der literarisch 1988 debütierte, in seinem Band Fragmente einer anarchistischen Poetik auseinander.

Günter Eichbergers Fragmente einer anarchistischen Poetik ist ein längerer Essay, eine Umkreisung. Dabei balanciert der 1959 in der Obersteiermark geborene und 1984 in Graz im Fach Germanistik promovierte Experimentalautor auf den Schultern Oswald Wieners, der einst sich mit Max Stirner, dem anarchistischen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts, auseinandersetzte, und auch auf denen des französischen Sozialdemokraten Paul Lafargue, aus dessen Schrift Das Recht auf Faulheit Eichberger in dem Band mehrfach zitiert. Dabei ist ihm nicht planer anti-utilitaristischer Antikapitalismus angelegen, vielmehr Poesie und Poetisches. Nicht umsonst verweist er auf den englischen Romantiker John Keats, der den Menschen als „dichterisches Wesen“ ansah: „Nichts Bestimmtes im Sinne einer Identität.“ (S. 13)

Der Band ist auch ein Memorial zu Ehren einiger Freunde und ein Streifzug durch Anekdoten und Erinnerungen. So zitiert er den Soziologen und Autorenkollegen Gunter Falk (1942–1983), dessen poetisches und essayistisches Werk Eichberger für den Ritter Verlag in zwei Bänden edierte, die 2015 und 2022 erschienen, und dessen Einschätzung von Utopia als einer Anderswelt: „Paradies, Millennium, klassenlose Gesellschaft, Anarchie – oder wie immer die utopischen Fluchtziele heißen mögen – sind in dieser Welt vielleicht nicht oder nie vollends realisierbar, aber als Wegweiser unabdingbar, soll Leben mehr sein als Sisyphosleiden, als Warten auf Godot.“ (S. 19)

Eichberger nimmt auch andere österreichische Schreibende in den Blick wie Konrad Bayer, den selbsterklärten Bewohner eines „Einmannstaates“. Wolfgang Bauer, mit dem er gut befreundet war, widmet er eine schöne Vignette. Eine sacht distanziertere räumt er dem heute vom Literaturbetrieb gleichermaßen ins Vergessen abgeschobenen Helmut Eisendle ein. Von diesem gelangt er zu Peter Rosei, der sich von den beiden nicht nur durch ausdauernde Verlagskontinuität unterscheidet, sondern auch durch das literarische Insistieren auf Abweichung von Norm, ja von Normen überhaupt, die die Protagonisten einiger seiner Bücher aus der mittleren Schaffensphase verkörperten. Präzis nennt Eichberger sie „Außenseiter, die sich nach Selbstauflösung sehnen.“ (S. 39) Ein Zwischen-Fazit findet sich fast in der Mitte des Bandes. „Der österreichische Individualanarchismus“, heißt es da, „mit seiner Distanz zu Tagespolitik und gesellschaftlichem Status quo wird von manchen als extreme Ausformung von Bürgerlichkeit kritisiert und erschöpft sich mitunter in einer vorgelebten Schrulligkeit, die auch den letzten Spießer zu amüsieren vermag. Das absolut gesetzte Private aber verweist ständig auf das alles Private relativierende Politische.“ (S. 48)

Zunehmend erweisen sich diese „Fragmente einer anarchistischen Poetik“ als Fragmente einer literarischen Würdigung der anarchistischen Grazer Spätboheme – etwa des Konzept- und Medienkünstlers Claus Schöner (1951–1999) oder von Helmut Schranz (1963–2015), Autor der Work in progress-Bände BIRNALL, Es ist unter der Haut(2009) und BIRNALL. suada (2015), oder von Max Höfler, der wie Schranz (und Eichberger) beim Klagenfurter Ritter Verlag anarchisch-verspielt andocken konnte. In einem kurzen Schlenker geht Eichberger auch noch auf Stefanie Sargnagel und Thomas Bernhard ein und, etwas pointierter, auf Alois Brandstetter, den Erzähler und Literaturprofessor aus Klagenfurt.

Die Coda bildet eine Ansprache aus dem Jahr 2013 über den Widerständler Herbert Eichholzer sowie eine Meditation über Humor und Satire. Beide verklammert er thematisch durch das janusartige Zwillingsthema Widerständigkeit und Entlarvung. Einer der vielleicht zentralen Sätze des Bandes lautet: „Der nennenswerte Künstler aber verfolgt seine Ziele, indem er sie aus den Augen verliert.“ (S. 64) Das führt Eichberger, der sich an einer Stelle in einen Miniaturessay über den Filmregisseur Luis Buñuel hineinmäandern lässt, lesenswert wie anregend vor.

Alexander Kluy ist Autor, Kritiker, Herausgeber, Literaturvermittler. Zahlreiche Veröffentlichungen in österreichischen, deutschen und Schweizer Zeitungen und Zeitschriften. Editionen, zuletzt Konrad Engelbert Oelsner Luzifer oder Gereinigte Beiträge zur Französischen Revolution (Limbus, 2024) und Felix Dörmann Jazz (Edition Atelier, 2023). Zahlreiche Buchveröffentlichungen, zuletzt im Klever Verlag Blöcke und Marmeln vor gekrümmter Fläche (2025) sowie in der Edition Atelier die kulturhistorischen Bände Das Kreuzworträtsel und seine Geschichte (2024) sowie Der Regenschirm. Eine Kulturgeschichte (2023).

Günter Eichberger Fragmente einer anarchistischen Poetik
Klagenfurt, Graz und Wien: Ritter Verlag, 2025.
120 Seiten, broschiert.
ISBN 978-3-85415-688-8

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor

Rezension vom 23.01.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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