#Prosa

flüstern.

Klaus Rohrmoser

// Rezension von Sabine Schuster

„Was hat es auf sich mit diesem tonlosen Sprechen? Flüstern kann Schreien sein, Raunen, Brüllen, Wispern“, heißt es in Sandra Gugic’s Essay Flüstern, der soeben im Verlagshaus Berlin erschienen ist. „Was, wenn die Gegenwart schreit? Ist unsere Zukunft dann im Flüstern zu finden?“

Eine literarische Befragung des Flüsterns ist auch die gleichnamige Erzählung des Schauspielers und Autors Klaus Rohrmoser im Verlag danube books. Rohrmoser erzählt in 81 Szenen die kurze gemeinsame Geschichte des KZ-Schergen Hans Miklautz und der jüdischen Sängerin Ledith Lieblein. Er schlüpft als Erzähler abwechselnd in beide Rollen, es ist jedoch kein Gespräch, mehr ein innerer Monolog aus zwei Perspektiven, oszillierend zwischen Gegenwart und Erinnerungen.
Die Gegenwart: Lastwagen, Viehwaggons, Gruben, Gewehre, Erschießungen, ein Vernichtungslager und eine Villa irgendwo im Dickicht der polnischen Wälder, ein Konzert zu Ehren des „Führers“. Der Ortsname Auschwitz drängt sich auf, das bekannte „Mädchenorchester“ und seine Leiterin Alma Rosé, die Sängerin Fania Fénelon oder die Pianistin Esther Bejarano, die dort als jüdische Musikerinnen ihre Haft überlebt und später in Büchern und Interviews davon berichtet haben.

Geschichtsaufarbeitung ist jedoch nicht das vordergründige Thema von Rohrmosers fast aus der Zeit gefallener Erzählung, man muss vielleicht auch gar nichts über Auschwitz wissen, um das intime Kammerspiel, das der Autor hier inszeniert, zu verstehen und hautnah zu erfahren. Rohrmosers Text funktioniert ganz für sich: Man teilt von Anfang an mit gleichem Interesse die Gedanken des KZ-Aufsehers und der jüdischen Inhaftierten, die erschossen werden soll. Sein Erstaunen über ihren angstfreien Blick, mit dem eine fast magische Umkehr der Rollen beginnt, sein Idenitätsverlust oder besser: -gewinn, der selbst unter der Uniform zunehmend schwerer zu verbergen ist. Miklautz überschreitet Grenzen und tut Dinge für sein Opfer, die er nicht einmal in seinen kühnsten Träumen für möglich gehalten hätte. Er versteckt Ledith in einer Materialbaracke und sucht ihre Nähe, er verarztet sie, bringt ihr Essen und flüstert ihr, die keine Stimme mehr hat, Nacht für Nacht sein Innerstes ins Ohr. Eine Beziehung, die wenig mit Liebe oder Sex zu tun hat, aber viel mit der Suche nach dem Menschen, der Miklautz im Stillen ist oder noch werden könnte.

Ledith gewinnt täglich an Kraft, beschließt zu überleben und ergreift schließlich ihre einzige Chance: „Zum letzten Mal sein Flüstern in der Dunkelheit. Zum ersten Mal spricht er nicht von sich. Flüstert seinen Plan für meine Flucht in die Schwärze der Baracke – bis in die kleinste Einzelheit. Morgen Nacht sei ich draußen, sagt er. Ich überlege kurz, ob ich ihm mein Papier schon heute geben soll. Entscheide mich dagegen. Bevor er geht, gibt er mir Gold. Judengold. Aus der Effektenkammer hat er es entwendet. Neun Ringe und zwei Halsketten. Für meine Flucht ins Ausland, nach Amerika, meint er. Auch Kleider, einen Sack mit Proviant und ein Etui aus Holz. Darin liegt eine mit Morphium gefüllte Spritze. Deine letzte, sagt er. Dann lässt er mich allein.“ (S. 74)

Am Ende sitzt Ledith wieder in einem Viehwaggon, diesmal in die Gegenrichtung, hinaus aus dem Lager, hinein ins Grau eines anbrechenden Morgens, in den ersten Tag eines neuen Lebens, geschenkt vom „Sorger“, wie sie Miklautz für sich nennt. Ungezählte Birken, feuchte Erde, blutgetränkte Erde, ein Blauversprechen hoch am Himmel.

Ein schöner offener Schluss, der einen kleinen Funken Hoffnung zulässt. Danach folgt noch ein kurzer Epilog, der in seiner auktorialen Perspektive ein wenig belehrend wirkt und einen hollywoodesk anmutenden Bogen nach New York und die Zukunft schlägt, doch das ist auch schon das Einzige, was man an diesem dichten, gut geschriebenen und sorgfältig lektorierten Text aussetzen könnte.

Erzählung.
Ulm: danube books, 2022.
81 S.; geb.
ISBN 978-3-946046-28-8.

Rezension vom 17.10.2022

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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