#Sachbuch

Fluchtziel Paris

Anne Saint Sauveur-Henn

// Rezension von Ursula Prutsch

„Wie schön Paris ist! Man hätte sich viel früher dazu entschließen sollen, hier zu leben.“ Mit diesem Satz aus Klaus Manns Roman „Der Vulkan“ leitet Anne Saint Sauveur-Henn den Band Fluchtziel Paris ein.

Paris, die sagenhafte Lichterstadt, Zentrum der Eleganz, Vorbild in Architektur und Lebensstil, Symbol für Modernität, Freiheit und Menschenrechte wäre ein idealer Aufenthaltsort gewesen, hätte die Vielzahl der Emigranten und Emigrantinnen Zeit zur langsamen Anpassung und zum Entdecken ihrer Schönheiten gehabt. Mit der Okkupation durch die deutschen Truppen im Juni 1940 hatte sich ihr Status rasch vom Zentrum internationaler Imigration mit kosmopolitischer Atmosphäre zum Transitraum gewandelt, zum temporären Ort der Existenzbewältigung, des künstlerischen und politischen Engagements unter eingeschränkten Freiheiten.

Anne Saint Sauveur-Henn hat die Forschungsergebnisse der Jahrestagung deutschsprachiger Exilforscher und Exilforscherinnen des Jahres 2001 in einem Band zusammengefasst. Er spiegelt die Vielschichtigkeit von Paris für die deutschsprachige Emigration – in sechs Abschnitte gegliedert – wider; der erste ist den „historischen und juristischen Perspektiven“ gewidmet: Obwohl sich Paris als Hauptstadt der Emigranten etabliert und von deren wissenschaftlichem wie kulturellem Kapital profitiert hatte (Anne Saint Sauveur-Henn), ratifizierte Frankreich erst im April 1945 das Völkerbundabkommen über Flüchtlinge aus Deutschland. 1933 war ihnen noch eine großzügige Einwanderungspolitik zugute gekommen (Barbara Vormeier). In den Jahren des politischen Rechtsrucks ab 1937 ließen die hohen Arbeitslosenraten und die Angst vor der „fünften Kolonne“ die Kooperationsbereitschaft französischer Intellektueller ihren deutschsprachigen KollegInnen gegenüber deutlich sinken (Gilbert Badia). Ute Lemke fand keine Hinweise dafür, dass sich beispielsweise das 1926 gegründete Pariser Völkerbundinstitut für geistige Zusammenarbeit für geflüchtete – großteils jüdische – Intellektuelle engagierte.

Die Existenzsicherung in der EmigrantInnenwelt zwischen Alltag und Gefahren, zwischen den Mikrokosmen Wohnung und Café beschreiben die Autorinnen und Autoren des zweiten Abschnittes; allerdings erschließt sich die Alltagsroutine nicht immer so gut aus den Quellen wie bei Anna Seghers (Maire-Laure Canteloube). Versuchte sie mit ihrer Familie außerhalb von Paris „wie gewöhnliche Bürger zu leben“, so bevorzugten Arthur Koestler, Lisa Fittko und Walter Benjamin das großstädtische Ambiente eines Wohnhauses im 15. Arrondissement (Catherine Stodolsky) und frequentierten die „einzigen kontinuierlichen Orte im Exil“, die Pariser Cafés. Sie waren Wohnzimmer, Treffpunkte, Informationsbörsen und Austragungsorte politischer Fehden und intellektueller Debatten zugleich. Das Kaffeehaus fungierte als fiktionaler Ort des Rückzugs bei Erich Maria Remarque und als Bühne in Zeitungsartikeln von Joseph Roth (Anne-Marie Corbin). Der Stammgast des Cafés Tournon wurde wiederholt vom Wiener Karikaturisten Bill Spira porträtiert, der sich, einem Fotoreporter ähnlich, mit dem Zeichenblock die Topografie der Stadt erschloss und dramatische Situationen in Internierungslagern festhielt (Claude Winkler-Bessone). Kulinarische Erlebnisse konnte jedoch nur ein ausgewählter Kreis genießen. Nur einem Drittel der ImigrantInnen war es vergönnt, dem erlernten bzw. ausgeübten Beruf nachzugehen. Eine Arbeitserlaubnis war – auch aufgrund der fehlenden Nostrifikationen – nicht leicht zu erhalten, die Schattenwirtschaft blühte (Julia Franke).

Paris bot sich als Ort der „politischen Zusammenarbeit in europäischer Perspektive“ an; ihre Effizienz wurde allerdings oftmals durch interne Querelen geschwächt. Ein Beispiel dafür geben der Front populaire und die deutsche Volksfrontbewegung. Sie scheiterten 1937 aufgrund von Machtprofilierungen, ideologischen Schranken zwischen politischen Gruppierungen und unangemessenen Strategien (Ursula Langkau-Alex). Die russischen und deutschsprachigen Menschewiki und Sozialrevolutionäre aus Russland wurden durch die doppelte Flucht von Berlin nach Paris zu Berufsexilanten mit international guter Vernetzung (Claude Weill). Das Pariser Auslandssekretariat der KPD schrumpfte nach dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt auf eine Art Sekte zusammen. Der Krieg machte die Illusion des gemeinsamen Kampfes zunichte (Ulrich Pfeil). Die Bewegung der deutschen Pazifisten im Exil war durch den Tod einiger Galionsfiguren zwar empfindlich geschwächt, ihre publizistische Kampagne vor Hitlers aggressiver Außenpolitik jedoch äußerst engagiert (Karl Holl). In Paris wurde auch ein neuer Diskurs begonnen, der ein neues Deutschland im Nachkriegseuropa konzipierte und die außenpolitischen Debatten bis 1945 beeinflusste (Boris Schilmar). Die EmigrantInnen agierten keineswegs unbeobachtet. Nicht nur die Botschaft des Dritten Reiches hatte sie im Visier, spionierte ihnen nach und informierte Behörden wie Presse (Alexander Stephan), auch die Sûreté Nationale war über alle Zusammenschlüsse und politischen Aktivitäten von Ausländern ausgezeichnet informiert (Michaela Enderle-Ristori).

Die Pariser Mutualité war solch ein Treffpunkt von politisch engagierten Intellektuellen und Ort der Annäherung zwischen Bürgerlichen und Kommunisten (Valérie Robert); der Bund Freie Presse und Literatur um Leopold Schwarzschild zog gegen den Kommunismus und die Volksfrontbewegung zu Felde und gerierte sich vergeblich als Alternative zum Schutzbund deutscher Schriftsteller (Dieter Schiller). Die Biografie von Hans Sahl ist für Andrea Reiter ein gutes Beispiel dafür, wie wenig geradlinig die politische Emigrantenkarriere eines Linken der 1930er Jahre verlaufen konnte.

Der fünfte Abschnitt richtet den Blick weg von politischen Realitäten hin zu „Paris-Bildern in der Literatur“: In Peter Mendelssohns Roman „Paris über mir“ und Hilde Spiels ungedrucktem Roman „Sonderzug“ ist Paris großstädtischer Gravitationspunkt, seine Topografie wird Metapher für die zwischenmenschlichen Beziehungen (Waltraud Strickhausen). Hermann Wendels literarische Flanerie durch die „Zauberstadt“ im „Pariser Tageblatt“ entpuppt sich als Identitätsfindung und Initiation, ein Gedicht Alfred Wolfensteins als Hommage an das Zentrum der Freiheitstradition (Lutz Winckler). In Klaus Manns „Der Vulkan“ und Anna Seghers“Transit“ spielen die Parisszenen eine wichtige Rolle. Im ersten öffnen sich in Stadtspaziergängen Wege der Kontaktentfaltung, im zweiten ist die Metropole nur Umschlagplatz (Hélène Roussel). Den Mythos von Paris als Stadt der Liebe vor dem Hintergrund des Widerstandskampfes gegen den Naziterror bedient Ernst Lothar in seinem ersten Exilroman „Die Zeugin. Pariser Tagebuch einer Wienerin“ und bietet seiner Leserschaft Lokalkolorit im Detail (Jörg Thunecke). Der wissenschaftliche Korpus endet mit literarischen Zeugnissen Soma Morgensterns und anderen über den Zusammenbruch eines Asyllandes im Juni 1940 (Silvia Schlenstedt).

Eine Quelle der anderen Art sind die kurzgefassten Reminiszenzen von Julia Trady-Marcus, Mélanie Volle, Pierre Radvanyi, Hanna Papanek und Lenka Reinerova im letzten Abschnitt über ihre Erfahrungen im Pariser Exil.

Fluchtziel Paris bietet ein vielschichtiges Kaleidoskop der Dekonstruktion und Formung von Paris-Bildern, des alltäglichen Umgangs mit Realitäten, gemeinsamer Strategien wie politischer Fehden, von Erinnerungen bis hin zu fiktionalen Verarbeitungen der Lebenswelten: Anne Saint Sauveur-Henn komponierte einen komplexen und sehr brauchbaren Beitrag zur deutschsprachigen Exilforschung.

Anne Saint Sauveuer-Henn Fluchtziel Paris
Die deutschsprachige Emigration 1933-1940.
Berlin: Metropol, 2002.
330 S.; brosch.
ISBN 3-932482-85-5.

Rezension vom 11.12.2003

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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