#Lyrik
#Prosa

feia & ice

Magdalena Tschurlovits

// Rezension von Herbert Först

„In dieser Sprache habe ich, in jenen Jahren und in den Jahren danach, Gedichte zu schreiben versucht: um zu sprechen, um mich zu orientieren, um zu erkunden, wo ich mich befand und wohin es mit mir wollte, um mir Wirklichkeit zu entwerfen.“

(Paul Celan: Ausgewählte Gedichte/Zwei Reden, Suhrkamp Verlag 1968)

„Tautropfen des Lebens – versickern, befruchten, erneuern“

In feia & ice – Gedichte und Prosa erschienen in der Bibliothek der Provinz – gibt Magdalena Tschurlovits ihrem „hörenden Herzen“ eine lyrische Stimme. Lyrik als existentielle Sinnsuche, als „Versuch, Richtung zu gewinnen“ – so äußert sich Paul Celan 1958 in seiner Ansprache anlässlich der Entgegennahme des Bremer Literaturpreises. Magdalena Tschurlovits setzt ihrem Band feia & ice ein Motto voran, das nur auf den ersten Blick im Widerspruch zu Paul Celans Bekenntnis steht: „Auf die größten Fragen willst du die Antwort gar nicht wissen – so bleibt Leben Abenteuer bis zum Schluss.“ (S. 11) Bei genauerem Hineinhören in die beiden Annäherungen an das Wesen von Gedichten trifft sich – in letzter Konsequenz – Celans Verständnis von Lyrik als „Versuch, Richtung zu gewinnen“, als „Erkunden“, als „Entwerfen von Wirklichkeit“ durchaus mit dem „Leben als Abenteuer bis zum Schluss“, dem Magdalena Tschurlovits in ihren Gedichten sich anzunähern sucht.

Diesem „Abenteuer“ nachzugehen – das verbindet die vielgestaltigen Texte in feia & ice. Schon der Titel ist Programm: Zum einen verweist er auf den Bogen der sprachlichen Vielfalt; zum andern nennt er mit der Polarität von „Feuer und Eis“ die zentrale Thematik, der sich die Autorin in ihrer lyrischen Bestandsaufnahme des Lebens gestellt hat. Diese Polarität zeigt sich in verschiedenen Bildern: Sei es der Regenbogen, eine Brücke, der Kreislauf der Jahreszeiten – „Zum Wiegenfeste des Lebens lösen sich Tautropfen vom Stamm“ um „zu versickern, zu befruchten, zu erneuern“ (S. 40).

Gedichte bedürfen eines Einfalls, eines Impulses, einer Inspiration, bevor im Lichte der Intuition etwas „sichtbar“ wird. Magdalena Tschurlovits entdeckt die Impulse für ihre Gedichte in der Natur, in einer bestimmten Landschaft, in einer Beziehung, in einem religiösen Urvertrauen, im Wachrufen der Kindheit, im Innehalten an Geburtstagen. Das Gesehene – „Dinge“ in der Poetologie der Romantik – unterzieht sie dann jenem Prozess, der Lyrik werden kann: „Verzauberung durch Verwandlung“ (S. 123), dies ganz im Sinne von Novalis, der in seinem Gedicht „Wünschelrute“ den Vorgang der lyrischen Schau so beschreibt: „Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort.“ Im Gedicht Ich wate durch die Mohnfelder meiner Kindheit (S. 23) lässt die aus dem Waldviertel gebürtige Magdalena Tschurlovits – ausgehend vom Zauberwort „Mohn“ mit seinen Farben Schwarz, Rosa, Weiß und Rot – „ihr Lied“ in einer existentiellen Erfahrung enden: „Die Kapsel öffnet sich: / zauberhaftes Leben!“ Nur wenige Seiten weitergeblättert und das Zauberwort „Mohn“ trifft die „Herzheimat“: „Rot glüht der Mohn / das Herz meiner Heimat / Berauschend und höllenschwarz / seine Frucht / Nichts fleht sanfter als seine Blüte / im Wind“ (S. 30). Dass der „Mohn“ im ersten Drittel des Buches gleich dreimal „intuitiv fruchtbar“ wird, lässt abermals auf den eingangs zitierten Paul Celan verweisen, der 1952 mit Mohn und Gedächtnis Lyrikgeschichte schrieb.

Der Vorgang der „Verzauberung durch Verwandlung“ charakterisiert viele der Gedichte in feia & ice, manifestiert sich in Versen wie Am Grab meiner Eltern spielt meine Kindheit Tempelhupfn“ (S.45), „Wenn die Bäume Schleier tragen / sinkt aus Ästen goldnes Laub“ (S. 40) oder „Ich trink den Herbst mit meinen Augen / schlürf seine Kraft wie alten Wein“ (S. 126).

Auffallend am Aufbau des Buches ist das Gedicht Dazwischen (S. 14), das den Band eröffnet: „Ein Regenbogen / reicht uns farbige Träume / gewebt aus naturwissenschaftlich / erklärlichen Phänomenen / Für mich ist er Sinnbild / Ein Hauch nur“. 70 Seiten später wird dieses Gedicht wiederholt, aber: Eine richtungweisende Ergänzung – abermals ein Bogen – führt es erhellend zu Ende: „Ein Hauch nur trennt / Menschenfinger / und Gottvater / in der Sixtina“ (S. 81)

Es ist naheliegend, im Wort „dazwischen“ so etwas wie ein lyrisches Programm der Magdalena Tschurlovits zu sehen: Bei einem Gedicht liegt das Wesentliche im „Dazwischen“, in jenem Freiraum, den der Beerenpflücker“ (S. 25) entdecken kann, wenn er sich den „auf Papier geworfenen Bildern“ (S. 32) öffnet.

Abgesehen von den Gedichten, mit denen sich die Autorin – anders als ihr Motto vermuten lässt – an die „größten Fragen“ herantastet, finden sich in feia & ice auch Dialektgedichte in Wiener Klangfarbe, Gedichte in englischer Sprache – die Autorin lebte und arbeitete 10 Jahre in Johannesburg – und politische Texte; letztere sind Zeilen über den Zustand der Welt und die sich aus ihm ergebende Verantwortung, etwa in den Gedichten feia & ice, Liebe und Hass (S. 64), Bildschirm (S. 112), Alle Jahre wieder (S. 111) und Wie Strandgut (S. 122). Sie alle lassen spüren, wie sehr sich Magdalena Tschurlovits anrühren lässt von der grausamen Kälte der Welt, lassen in einer weitgehend tauben Welt jenes „hörende Herz“ erahnen, das König Salomo im 1. Buch der Könige sich vom Herrn erbittet, als dieser ihm die Erfüllung eines Wunsches gewährt. Zusammengeführt werden die politischen Gedichte in den zehn Appellen der pochenden Zweizeiler in Schau dich um (S. 115).

Magdalena Tschurlovits reflektiert auch ihre dichterische Arbeit, schreibt über ihr lyrisches Schreiben: über die Geduld, die es voraussetzt, über das „Sprachhandwerk“ (S. 34) und in „Lesezeit“ (S. 25) über das erhoffte Du: „Der Wortwald steht / Licht fällt ein / Buchstaben werfen Schatten / Roden Pflanzen Roden / Warten auf Beerenpflücker“. Ihnen kommt die bereichernde Aufgabe zu, die „auf Papier geworfenen Bilder mit fremden Augen tausendfach zu übermalen“ (S. 32).

Das Angebot an Bildern ist groß, deren Essenz ein Geschenk, verpackt im Gedicht Zum Wiegenfeste des Lebens, das – wie Dazwischen – ebenfalls zweimal auf seine „Beerenpflücker“ wartet (S. 41 und 86):

Tautropfen des Lebens
lösen sich vom Stamm

Finden ihren Weg
zum Wurzelgeflecht
unserer Jahre

Versickern
befruchten
erneuern

Jene, denen das Wiegenfest des Lebens mit seinem zyklischen Verständnis vom Leben zu „langwierig“ erscheint, werden im Gedicht Im Gänsehäufl (S. 24) dankbar auf eine brillante Kurzfassung stoßen:

Einatmen
Ausatmen
Darum geht’s
Um nichts sonst

Dem ist nichts hinzuzufügen außer dem Dank an die Autorin, die uns im Verweilen bei ihren Gedichten – entgegen ihrem vorangestellten Motto – durchaus an große Fragen des Lebens heranführt.

feia & ice.
gedichte und prosa.
Weitra: Bibliohtek der Provinz, 2017.
134 Seiten, broschiert.
ISBN: 978-3-99028-588-6.

Homepage der Autorin

Verlagsseite mit Informationen über Buch und Autorin

Rezension vom 01.01.2017

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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