#Prosa

Ex.ex. maggi

Tongue Tongue Hongkong

// Rezension von Karin Cerny

Pneumatische Strategie.

Ex.ex. maggi beginnt mit einem Kopfsprung mitten in die Fiktion. In der Einleitung wird von einer Fragmentsammlung gesprochen, die Geschichte der tongue tongue Hongkong, einer Firma, die weltweit „Schöne Literatur“ recyclet, soll dokumentiert werden. Bald wird deutlich, daß in dieser Firma Machtkämpfe toben, die auch das Buchprojekt kräftig durcheinanderwirbeln. Einige Mitarbeiter sind bereits auf mysteriöse Weise verschwunden, die VEB Text, eine Art gewerkschaftlich organisierte Kampftruppe, wehrt sich gegen die undemokratischen Herrschaftsformen der tongue tongue und versucht sogar die Leserschaft auf ihre Seite zu ziehen (am Ende wird man aufgefordert, ein Unterstützungsformular zu unterzeichnen). Als Leser steht man ratlos vor der Frage: Wem kann man hier trauen? Mit welchen Leuten hat man es überhaupt zu tun? Und, wer hat dieses Buch geschrieben, das mit 450 Fußnoten übersät ist?

Das Spiel mit der Fiktion, die selbst den Autor in den Text hineinzieht, und alle Grundfeste eines literarischen Textes – inklusive der Chronologie – durcheinanderwirft, ist eigentlich eine Spezialität der Romantik. E. T. A. Hoffmanns 1820 erschienenes Werk „Lebens-Ansichten des Katers Murr“ gilt als Musterbeispiel romantischer Ironie: ein Kater schreibt seine Biografie auf jene Blätter, die bereits ein anderer, der Kapellmeister Johannes Kreisler, mit seinem Lebensbericht vollgeschrieben hat.
Tongue tongue Hongkong führt vor, wie sich die „romantische Ironie“ gegen Ende des 20. Jahrhunderts zuspitzen könnte: Das Überschreiben von Texten ist in Zeiten der elektronischen Medien und globalen Märkte einfacher und dadurch um einiges bedrohlicher geworden. Selbst die „Autorin“ Petra Coronato muß um ihr Leben fürchten: über 10 Jahre bei der Firma festangestellt („3 mal die Ehrennadel Goldene Überstunde“, S. 60), will man sie „erledigen“. Was „erledigen“ genau bedeutet, ist nicht so eindeutig zu sagen. Meist heißt es, daß ein Text gelöscht, überschrieben oder in einen anderen transformiert wird. Wir befinden uns nämlich in einer virtuellen Welt, in der Texte die einzige Realität sind. Die größte Bedrohung bedeutet hier, recyclet, d. h. von einem anderen Text überschrieben zu werden. Insofern erscheinen Texte selbst als seltsame Lebewesen, die um ihr Leben fürchten. Coronato spielt auf vielfältige Art und Weise mit der Macht des Lesers, das Geschriebene zu beeinflussen, neu zusammenzusetzen. Neben Anweisungen, Passagen zu überspringen, findet sich auch ein Formular, das uns dazu überreden will, Sponsor zu werden, in einem Protestschreiben heißt es: „Wir fordern den österreichischen Staat auf, die Expansion der tongue tongue zu verhindern. Die österreichische Literatur darf nicht zu einem Rohstofflager für billiges Hongkong Recycling werden!“ (S. 66) Dieses Buch läßt nicht locker, seine Leser zum aktiven Handeln zu motivieren, als wolle es beweisen, daß interaktive Web-Literatur auch in altehrwürdiger Buchform funktioniert.

Beim Recycling macht tongue tongue Hongkong vor keiner Textsorte halt. Ein Briefwechsel von Hegel, der den Chinesen das „Absolute“ bringen möchte, geht in die veränderte Fassung von Goethes „Werther“ über, im „Sprachbehälter“ des Vaters finden sich Auszüge aus Hitlers „Mein Kampf“, eine Gebrauchanweisung ist ebenso transformiert wie ein Hörspiel, Werbespots oder ein Drama (die Laienspieltruppe des Betriebsrats studiert den „Textbefreiungskrieg“ als „Moderne Revolutionäre Peking Oper“ ein). Deutsch steht neben Englisch und Niederländisch, sogar lateinische Passagen finden sich. „Ex. ex. maggi“ ist ein Mosaiksteinchen in einem größeren Projekt: ein modernes Universalkompendium, voll „schöner Literatur“, die recycled wurde.

Wer genau wissen möchte, welche Texte in diesem Buch dem Recycling unterworfen wurden, der sollte Literaturkompendien auf CD-Rom absuchen. Dann wäre der Kreis geschlossen: Literatur, die vom Computer hin zum Buch geht und wieder zurück in die digitale Welt findet.

Tongue Tongue Hongkong Ex.ex maggi
Prosa.
Klagenfurt, Wien: Ritter, 1997.
320 S.; brosch.
ISBN 3-85415-213-2.

Rezension vom 05.02.1998

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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