#Roman

Eva & Söhne

Beate Kniescheck

// Rezension von Daniela Chana

In ihrem Debütroman „Eva & Söhne“, der soeben im Septime Verlag erschienen ist, erzählt Beate Kniescheck die Geschichte einer österreichischen Familie in der Nachkriegszeit und legt dabei den Fokus auf die fehlende Würdigung der Arbeit und Verdienste von Frauen.

Konzeptionell bedient sich Kniescheck dabei eines bewährten Rezepts, auf das auch zahlreiche Unterhaltungsromane immer wieder gerne zurückgreifen: Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die nach dem Tod eines Vorfahren beginnt, sich mit ihrer Familiengeschichte auseinanderzusetzen und schließlich im Zuge ihrer Nachforschungen Erkenntnisse über sich selbst gewinnt und sich als Mensch weiterentwickelt. Während Bestsellerautorinnen darüber meist dicke Wälzer schreiben, komprimiert Kniescheck ihren Plot sehr sparsam auf etwa 130 Seiten.

Anders als im typischen Unterhaltungsroman steht für Knieschecks Protagonistin aber nicht die Suche nach Liebe im Zentrum. Die namenlose Erzählerin ist bereits Ehefrau und Mutter und steht auch beruflich voll im Leben, dennoch bricht durch den Tod des Vaters eine alte Wunde in ihr auf. So wie sie selbst in den letzten Worten ihres Vaters scheinbar „vergessen“ wurde, wurden die weiblichen Mitglieder ihrer Familie auch in früheren Generationen stets übergangen oder übersehen. Dass der Vater gar eine Schwester hatte, die bereits im Kindesalter verstarb, wurde nie erwähnt. Psychologisch geschickt arbeitet Kniescheck heraus, wie die Hauptfigur sich mit der totgeschwiegenen Vorfahrin identifiziert und deshalb zu recherchieren beginnt.

In einem zweiten Handlungsstrang folgen wir direkt der Geschichte von Eva, der Großmutter der Protagonistin. Eva zieht in den 1950er Jahren zwei Söhne auf, kämpft mit der Trauer um die früh verstorbene Tochter und hält ihrem Mann für seinen Beruf als Volksschullehrer und später Direktor den Rücken frei. Das Hauptaugenmerk der Erzählung liegt auf der Mehrfachbelastung der Frau durch Haushalt, Kindererziehung, die Arbeit in einem eigenen kleinen Laden und die fast alleinige Verantwortung für den Hausbau. Auch als ihr Geschäft in der nachfolgenden Generation zu einem großen, erfolgreichen Unternehmen ausgebaut wird, werden ihre Verdienste dafür nie gewürdigt. Ebenso ergeht es später ihrer Schwiegertochter, die sich nach der Heirat mit ihrer Arbeitskraft in das Unternehmen einbringt und dennoch stets unerwähnt bleibt.

Lohnenswert ist die Lektüre für die zahlreichen Einblicke in das ländliche Leben in Oberösterreich rund um die 1950er Jahre. Hier zeichnet sich die Journalistin Kniescheck als gelernte Rechercheurin aus, die es versteht, die Umstände einer Zeit und eines Ortes anschaulich darzustellen. Das gelegentliche Einstreuen von Dialektausdrücken wie „Gschtori“ oder „Beitl“ sorgt für Lokalkolorit, ebenso etwa der Ausdruck „Bildstreifen-Geschichten“ als antiquierte und somit der erzählten Zeit entsprechende Bezeichnung für „Comics“.

Die journalistische, faktenzentrierte Herangehensweise der Autorin mag allerdings auch der Grund dafür sein, dass viele Passagen nüchtern und erklärend wirken. Stellenweise liest sich der Text eher wie eine gut geschriebene, kompakte Reportage. Es hätte sich bestimmt gelohnt, entscheidende Szenen ausführlicher auf einer Gefühlsebene zu beleuchten, um den Figuren menschlich näherzukommen und sie lebendig zu machen. Während „Eva & Söhne“ als historisches Dokument durchaus sehr interessant ist, wird Knieschecks Intention an vielen Stellen leider etwas zu deutlich. Die Figuren weisen nur wenige Schattierungen auf, scheinen lediglich als Botschafter:innen des feministischen Anliegens der Autorin zu fungieren. Es hätte sicher gutgetan, die Protagonist:innen hin und wieder aus ihrer jeweiligen Rolle fallen zu lassen, ihnen mehr Ecken und Kanten zu geben, um die Zuordnung zu „Gut“ (sprich: „bedauernswert“) und „Böse“ (sprich: „privilegiert“) etwas weniger eindeutig zu machen.

Ein charmanter und kluger Kunstgriff der Autorin besteht darin, dass dem Lesepublikum am Ende etwas mehr verraten wird, als die Protagonistin selbst bei ihrer Recherche erfährt. Dies gelingt Kniescheck durch die geschickte Verflechtung der beiden Zeitebenen: Aus der Erzählperspektive von Eva wird nämlich ein Geheimnis gelüftet, das die Hauptfigur in der Gegenwart mangels hinterbliebener Dokumente niemals entdecken wird. Dies wirft eine spannende Frage auf: Wenn Geschichte nur anhand von Dokumenten rekonstruiert werden kann und es immer einen Teil des Lebens gibt, der nie dokumentiert wird, können wir uns dann jemals auf das Bild verlassen, das wir von der Vergangenheit haben?

Roman.
Wien: Septime Verlag, 2022.
144 S.; geb.
ISBN: 978-3-99120-013-0.

Rezension vom 26.09.2022

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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