#Anthologie

Wien Südbahnhof

Thomas Kohlwein (Hg.)

// Rezension von Hermann Schlösser

Vor kurzem stand ein tschechischer Herr vor dem riesigen Bauloch am Wiedner Gürtel und fragte einen vorbeieilenden Passanten: „Bitte, wo ist Südbahnhof?“ Der Passant deutete auf die schmale Baracke, die trotz Abriss und Umbau noch als „Südbahnhof (Ost)“ in Betrieb ist. Darauf schüttelte der Besucher aus Tschechien ratlos den Kopf und murmelte: „Aber war größer!“Wie wahr! Bis 2010 stand auf dem derzeitigen Ödland der größte Bahnhof Wiens.In einigen Jahren wird der neue Hauptbahnhof das abgetragene Gebäude ersetzen. Er wird allerdings nicht auf demselben Terrain liegen, sondern etwas weiter südwestlich. Das ursprüngliche Gelände ist für Wohn- und Geschäftshäuser vorgesehen, und irgendwann werden nur noch leidenschaftliche Heimatforscher oder Eisenbahnliebhaber wissen, wo der alte Südbahnhof einmal gestanden ist.

Vieles, was in der Realität nicht mehr zu finden ist, bleibt jedoch in Büchern erhalten. Die Anthologie Wien Südbahnhof, die Thomas Kohlwein herausgegeben hat, ist bewusst darauf angelegt, Erinnerungen an den verschwundenen Bau zu bewahren und dadurch einen Wiener Gedächtnisort auf dem Papier zu errichten. Neben Anmerkungen zur Baugeschichte und zur verkehrspolitischen Bedeutung des Bahnhofs enthält die Sammlung eine Reihe von kurzen Texten bzw. Buch-Ausschnitten, die darlegen, welche Rolle der Südbahnhof im Leben seiner Benutzer gespielt hat. Sehr viel mehr als der Westbahnhof war ja der Südbahnhof für die Wiener und Wienerinnen der Ort, an dem der Urlaub begann: Von hier wurde in die Alpen oder nach Italien gefahren – zuweilen in extrem überfüllten Zügen, wie Fred Wander berichtet: „Auf dem Südbahnhof erwartete uns ein Getümmel von Tausenden Touristen – alle fuhren nach Italien!“ Im Gegenzug kamen hier all die Kärntner und Steirer an, die gewillt waren, ihrer Heimat zu entkommen und in der Hauptstadt ihr Glück zu probieren. In Reinhard P. Grubers Roman „Im Namen des Vaters“ wird eine solche Ankunft beschrieben: „Während er mit seinem Koffer die Treppe hinunterstieg, mußte er an die Ratschläge des Vaters und der Mutter denken, die in den letzten Tagen auf ihn eingeredet hatten, vor allem vorsichtig solle er sein und all das übliche Gequatsche von Leuten, die nie in einer Großstadt gelebt hatten.“

Darüber hinaus war der Südbahnhof auch die Stelle, an der die Ost- und Südosteuropäer Wien – und damit „den Westen“ – erreichten. Die Anthologie zitiert unter anderem den bosnischen Autor Mile Stoji?, der erklärt: „ . . . der Wiener Südbahnhof ist in jedem Fall für uns alle der erste Punkt, von dem aus wir ehrfürchtig durch das uns seit je ferne und unzugängliche Europa der Pracht und der Kultur aufbrechen.“ Und wo für die Besucher aus dem Osten der Balkan aufhörte, begann er für die Reisenden aus dem Westen. Der englisch-amerikanische Politikwissenschaftler Tony Judt meinte 1989, der große Riss zwischen West- und Osteuropa gehe mitten durch Wien, auf der einen Seite liege „der pulsierende Westbahnhof“, auf der anderen der „trostlose, wenig einladende Südbahnhof“.

So begreift man beim Lesen dieses kleinen Büchleins manches von der Bedeutung des verschwundenen Bauwerks. Auch berühmte Besucher des Südbahnhofs werden porträtiert. Als zum Beispiel der pazifistische französische Schriftsteller Henry Barbusse dem aus Bukarest einfahrenden Expresszug entstieg, wurde er schon vom jungen Reporter „Billie“ erwartet, der in Windeseile für das Boulevardblatt „Die Stunde“ einen Bericht über die Ankunft des illustren Gastes verfasste. Dieser kurze, flotte Text ist in der Anthologie enthalten, und es wird auch verraten, dass dieser „Billie“ später unter dem Namen Billy Wilder viel berühmter werden sollte als es Henry Barbusse jemals gewesen ist. Allerdings verschweigt die Anthologie, wann genau Barbusse in Wien eintraf – sachdienliche Erläuterungen fehlen dem Buch überhaupt, was als Mangel zu vermerken ist. Deshalb sei hier mitgeteilt, dass „Billies“ Reportage, die mit dem Satz beginnt: „Henry Barbusse ist heute Morgen in Wien eingetroffen“, am 10. Dezember 1925 in der „Stunde“ erschienen ist.

Wer die Textauszüge sozusagen in einem Zug liest, wird also vieles erfahren. Der Bahnhof erscheint als Angst- und Schreckensort der Deportation und der Emigration, aber auch als Schauplatz freudiger Ankünfte und wehmütiger Abschiede, und schließlich als markanter Orientierungspunkt im Wiener Großstadtleben: Friederike Mayröcker berichtet, dass Ernst Jandl und sie gern das Etagencafé „Rosenkavalier“ im Südbahnhof aufgesucht haben, um sich dort für eine Weile als Touristen zu fühlen. Danach sind sie in die Straßenbahn gestiegen und wieder nach Hause gefahren. Auch das ist eine schöne Südbahnhofsgeschichte.

Nun hatte der Bahnhof, der kürzlich vom Erdboden verschwunden ist, seinerseits schon zwei ältere Bauten aus dem Bewusstsein der Wiener verdrängt: Bis in die 1950er Jahre hinein standen am damals so genannten „Ghegaplatz“ zwei prächtige – jedoch im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigte – Bahnhöfe des 19. Jahrhunderts direkt nebeneinander: der Süd- und der Ostbahnhof. Sie fielen dem modernen Zweckbau zum Opfer, der die Gleiskörper der beiden alten Stationen unter einem einzigen Dach zusammenfasste (deshalb wurde er von korrekten Menschen auch „Südostbahnhof“ genannt). Auch an diese beiden Bauten, die spurlos verschwunden sind, erinnert Thomas Kohlweins schöne Anthologie mit einer Reihe von Texten. Stößt man etwa auf das Karl Kraus’sche Bonmot „Nach Ägypten wär’s nicht so weit. Aber bis man zum Südbahnhof kommt!“, muss man natürlich an das ganz alte Gebäude denken – was aber dadurch erleichtert wird, dass es in der Anthologie mehrmals abgebildet ist. Und so entsteht beim Lesen dieser anregenden Sammlung ein Bewusstsein für die Tiefenschichten eines Wiener Terrains, auf dem zurzeit nichts anderes zu bestaunen ist als das große Nichts.

Thomas Kohlwein (Hg.) Wien Südbahnhof
Anthologie.
Klagenfurt: Wieser, 2010.
158 S.; geb.

ISBN 978-3-85129-877-2.

Rezension vom 01.10.2011

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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