#Roman

Entwurf einer Liebe auf den ersten Blick.

Erich Hackl

// Rezension von Helmuth Schönauer

Für jeden Menschen ist seine persönliche Geschichte umfangreicher als die Weltgeschichte. Aber was kann der Einzelne tun, wenn seine persönliche Geschichte quer zur allgemeinen läuft?
Wie im Eishockey der Sudden-Death plötzlich alles beendet, setzt vergleichbar in der Nähe des Herzens oft die Liebe auf den ersten Blick ein und läßt alles herzschlagartig beginnen.

Erich Hackl erzählt von jenem Funken, der im Spanischen Bürgerkrieg zwischen dem verwundeten Österreicher Karl Sequens und der spanischen Krankenschwester Hermina die Liebe entzündet – mit der Kraft des Faktischen, die normalerweise den Lauf der Geschichte bestimmt.
Natürlich hat auch die Liebe eine Genese; in kurzen Abrissen werden die beiden „Flamabiles“ mit knappen Regieanweisungen in jenes Krankenzimmer geführt, wo „die Liebe auf den ersten Blick“ passiert. In schweren Fällen soll die Liebe ja blind machen, in Erich Hackls „Entwurf“ jedoch haben der überzeugte Demokrat im Corps der Internationalen und die kosmopolitisch gesinnte Humanistin eine klare Vorgabe für die wichtigste Entscheidung ihres Lebens: Es wird ganz wenig Zeit bleiben! Mitten in das Chaos der Weltgeschichte hinein heiraten die beiden, es wird die Tochter Rosa Maria geboren, die als Geschichtsträgerin die Grundlage für die Erzählung setzt. Karl Sequens wird interniert, die Nazis schicken ihn in verschiedene KZs, wo sich hinter Auschwitz bei „Dora Mittelbau“ die Spur verliert.

Hermina reist mit der Tochter, die zwischendurch in Gloria umgetauft werden muß, dem Vater durch ganz Europa hinterher, immer fremd und angefeindet.
Während sich Gloria alias Rosa Maria das Leben durch den Kopf gehen läßt, tauchen ein paar entscheidende Fragen auf: Warum sind Menschen arm? Warum gibt es Vorurteile? Wie kann ein verlorener Vater ersetzt weren? Warum werden Widerstandskämpfer geächtet? Warum sind manche Menschen überall fremd? – Indem Gloria für sich selbst diese Fragen beantwortet, beschreibt sie auch die Stimmung im Nachkriegseuropa, wo die Humanisten immer heimatlos geblieben sind, während sich die Nationalisten in jeder Gesellschaftsform in ihren Besitzungen einnisten konnten.

Erich Hackl erzählt straff und konzentriert, man kann sich vorstellen, daß er über sich eine Pönale verhängt, wenn ihm ein unnützer Satz auskommt. Obwohl die Personen nur mit den notwendigsten Daten zu Protokoll genommen werden, ergeben sich immer wieder Bilder und Fügungen, die den Text unverwechselbar gestalten und für den Leser einprägsam aufgliedern.
So ist Karl Sequens mit seiner Liebe auf den ersten Blick ein Fall für X-Large, weil er im Krankenbett die Beine durch das Gitter auf einen vorgepflanzten Stuhl spreizen muß. Als ihn ein Wärter verhört, verhöhnt er Sequens mit der einprägsamen Formel aller Folgerungen: Jetzt folgen Sequens Konsequenzen!
Ermunternd ist die moralische Haltung Erich Hackls, der allen Zeitgeistern zum Trotz seine Saga vom Sieg der Solidarität über die bestialischen Entmenschlichungen der Alltagspolitik schreibt. Seine Sätze sind wie gemeißelt, denn sie tragen eine schwere Botschaft: Die Wahrheit!

Roman.
Zürich: Diogenes, 1999.
76 S.; geb.
ISBN 3-257-06209-5.

Rezension vom 26.02.1999

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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