#Roman

Ein paar Tage in einer fremden Stadt

Valerie Springer

// Rezension von Veronika Hofeneder

Es ist ein 16. November zwischen zwei und drei Uhr in der Früh, als wir dem Protagonisten von Valerie Springers neuem Roman begegnen. Der Geruchsforscher Hubertus Roten befindet sich in einem Schlafwagenabteil auf dem Weg nach Florenz, um dort einen Vortrag über den „Geruch von Tränen. Über den verlorenen Sinn der Nase“ zu hören. Der Entschluss zur Reise ist infolge einer unbestimmten Eingebung sehr spontan erfolgt, nicht unbedingt dem wohlgeordneten Alltag des 40-jährigen entsprechend. Und prompt überfallen Hubertus im zeitlichen und räumlichen Irgendwo – mitten in der Nacht und im Zug zwischen Österreich und Italien – massive Zweifel an seiner bisherigen Existenz.

Seine aufkommende Midlife-Crisis wird befördert durch die Begegnung mit einer jungen Frau, die ihn gehörig durcheinander bringt. Hubertus ist hin- und hergerissen zwischen väterlicher Zuneigung zu Kalliope, die seine Tochter sein könnte, und erotischer Anziehung zu einer attraktiven, jüngeren Frau, der er freilich wissenschaftlich-rational zu begegnen sucht: „Er war als Mann in einem Alter, in dem ihn sein Testosteron nicht mehr so bedingungslos benebelte, wie das in jungen Jahren der Fall gewesen war. Zudem war er zu sehr Wissenschaftler, um sich nicht wegen der gelegentlichen Anschwellungen seines Gemächts beim Anblick eines schönes Frauenhinterns unpassend und lächerlich vorzukommen.“ (128)

Neben den Hormonen bringt Kalliope aber auch die Geruchsnerven von Hubertus wieder in Schwung. Wie Patrick Süskinds Grenouille mit der Gabe des „absoluten Geruchs“ ausgestattet (als Kleinkind war er in der Lage die verschiedenfarbigen Gummibärchen an ihrem Duft zu erkennen, als Teenager spielte er mit seinem besten Freund „Mädchen-Schnüffeln“), hat Hubertus sein Talent zwar erfolgreich in den Dienst seiner beruflichen Karriere am Institut für Geruchsforschung, Hygiene und Umweltschutz gestellt, dieses jedoch seit vielen Jahren nicht mehr genützt. Seitdem vor zwanzig Jahren seine Frau Lucy und seine ungeborene Tochter bei einem Autounfall tödlich verunglückt sind, hat er das Vertrauen zu seinem Geruchssinn, der eigentlich vor dem Unglück hätte warnen müssen, verloren. Die zwanzigjährige Kalliope riecht nun für ihn „ungewöhnlich vertraut“ (54), ihr Duft reaktiviert bei Hubertus nicht nur seine hochsensible Geruchswahrnehmung, sondern auch einen Erinnerungsstrom längst vergangener und vergessen geglaubter Ereignisse. Dieser bricht in Form zahlreicher Rückblenden in die Erzählgegenwart ein und offenbart Stück für Stück das von Springer raffiniert konstruierte Beziehungsgeflecht scheinbarer Zufälle, Übereinstimmungen und Doppeldeutigkeiten. Dieses führt tief in die Abgründe der österreichischen Provinz, in der die dörfliche Gemeinschaft gegenüber häuslicher Gewalt, inzestuösem Kindesmissbrauch und Selbstmord schweigend und tatenlos verharrt. Personen und Geschehnisse, Namen und Daten sind mehrfach miteinander verbunden und auf mehreren Ebenen zu dechiffrieren.

So ist Kalliope – für Romanleser naheliegend – nicht nur der Name der Muse der epischen Dichtung, sondern auch der Name eines Asteroiden, der vom englischen Astronomen John Russel Hind am 16. November 1852 entdeckt wurde. Dieser stand nämlich bei der Namensgebung der kleinen Kalliope Pate, die ihren Taufnamen Frida, „Abkürzung von Friederike“ (206) vehement verweigerte und die just an einem 16. November als 5-Monate-Frühchen auf die Welt gekommen war. In derselben Nacht übrigens, in der Lucy, eigentlich „Friederike Lukretia“ (177), im 5. Monat schwanger tödlich verunglückte. So viele Zufälle lassen – nicht nur bei den naturwissenschaftlich abgeklärten Romanfiguren – sogleich Assoziationen mit Seelenwanderung, Wiedergeburt, Reinkarnation oder Synchronizität aufkommen. Erklärungen aus der quantenphysikalischen Welt der Quarks, Myonen, Quanten und Strings greifen dem sich gerade eben erst wieder seiner vollen Sinnlichkeit bewusst gewordenem Hubertus zu kurz, seine spirituellen Spekulationen illustriert Springer pointiert mit Zitaten prominenter Quantenphysiker und Philosophen, die manchen Kapiteln vorangestellt sind, wie z. B. Max Born: „Die Quanten sind doch eine hoffnungslose Schweinerei!“ (200) oder Arthur Schopenhauer: „Auch der Zufall ist nur ein auf entfernterem Wege herangekommenes Notwendiges.“ (46).

Springer begegnet den großen erkenntnistheoretischen Fragen nach der Relation von Raum und Zeit – wie stets – wohl informiert und verhandelt sie sehr konkret auf einer zutiefst menschlichen Ebene mit viel Empathie und sprachlicher Akkuratesse. Abseits von Hubertus‘ doppelter Sinnsuche erfährt man dann auch noch einiges Wissenswerte aus der Geruchsforschung, wie z. B. über den „Pinocchio-Effekt“ (die stärkere Durchblutung der Nase beim Lügen), ein geheimes Stasi-Archiv von Geruchsproben potenzieller Staatsfeinde oder die umstrittene „Achselschweiß-Studie“, die die aphrodisierende Wirkung von Schlüsselaromastoffen untersucht. Welche das sind, soll an dieser Stelle nicht verraten werden, dafür sei die Nachlese in Springers höchst gelungener Komposition aus wissenschaftlichen Sensationen und olfaktorischen Wahrnehmungen unbedingt empfohlen!

Valerie Springer Ein paar Tage in einer fremden Stadt
Roman.
Wien: Wortreich, 2016.
224 S.; geb.

ISBN 978-3-903091-19-1.

Rezension vom 29.09.2016

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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