Die Welt neu ordnen: Bereits in den ersten beiden Bänden ihrer Trilogie – That’s life in Dystopia (2023), das bald nach dem Unglück einsetzt, und Ein sicherer Ort (2024), das zehn Jahre später spielt, – taucht Johanna Grillmayer in die Welt nach dem „Ereignis“ ein: Eine nicht näher erklärte Katastrophe hat einen Großteil der Menschheit ausgerottet. Eine Gruppe junger Überlebender schart sich nun um die Protagonistin Jola, und versucht, sich auf einem Bauernhof in der ländlichen Einöde – urbane Räume wie man sie etwa aus Cyberpunk-Dystopien kennt, spielen hier kaum eine Rolle – einzurichten: Welche Regeln gelten noch? Welche nicht? Und reicht das Essen für alle? Es geht, wie eine als alter weiser Mann inszenierte Figur im dritten Band Ein guter Mann bemerkt „um die Auflösung, die verschwundenen Strukturen“ (S. 102) Was Grillmayer in ihrer nunmehr über 1.200 Seiten umfassenden Trilogie unternimmt, ist eine Spekulation: Wie würden wir unser (Zusammen-)Leben gestalten, wenn wir von vorne anfangen müssten?
Diese neue Welt wird im ersten Band That’s life in Dystopia unter Jolas sanfter Führung zu einer Art feministischer Solarpunk-Utopie der Gleichberechtigung: Hausarbeit wird aufgeteilt, Entscheidungen diskutiert, Besitzansprüche soll es keine geben – auch in romantischen Beziehungen nicht. Man lebt im Einklang mit der Natur, Technologie spielt nur in ihrer minimalinvasiven, Low-Tech-Variante eine Rolle. Eine Art zu leben, die Jolas Truppe an die stets wachsende Schar an Kindern weitergibt: Ein Was-wäre-wenn-Spiel, das durchdenkt, was es besonders (aber nicht nur) für Frauen heißt, sich von tradierten Rollen und den Erwartungen der Gesellschaft zu lösen – verpackt in eine dystopische Abenteuergeschichte, die schon in den ersten beiden Bänden alles auffährt, was das Genre zu bieten hat. Denn klarerweise ist diese neue Welt auch eine gefährliche: Neben Naturgewalten und den Tücken eines Lebens jenseits moderner Medizin und Lebensmittelproduktion, sind – wie in den meisten dystopischen Erzählungen – andere Menschen die größte Gefahr.
Wenn die Überlebenden rundum Jola im ersten Teil noch eher zögerlich Kontakte über den eigenen Familienverbund hinaus knüpfen, und sich im zweiten Teil in einer größeren Gemeinschaft zurechtfinden müssen – sie schließen sich einem Dorf an –, steht im dritten Teil der Kontakt mit anderen Gruppen im Fokus. Eine der größten Veränderungen, mit der sich die Überlebenden in Ein guter Mann auseinandersetzen müssen, ist eine wieder instand gesetzte Zugstrecke. Sie ermöglicht schnelleres Reisen und erweitert ihren Radius beträchtlich – mit all den Chancen und Konflikten, die das mit sich bringt.
Denn mit dem Zug kommt auch die Konfrontation mit anderen Werten und Lebensweisen – Prostitution, das Recht der Stärkeren, anderen Traditionen, Sprachen und Regeln. Die Menschen kommen einander näher, Distanzen werden überwindbar, so wie es etwa auch das Kunstprojekt Metropa des in Wien lebenden Künstlers Stefan Frankenberger imaginiert: Es entwirft ein spekulatives Netz einer europäischen Superschnellbahn, die Marrakesch und St. Petersburg mit nur einmal Umsteigen miteinander verbindet. Was wäre, wenn wir anderen Kulturen und Gemeinschaften so nahe wären? Was würde sich in unserem Leben ändern? Bei Grillmayer ist der Gedanke freilich ins Dystopische eskaliert, denn dass es eine Welt außerhalb der eigenen Gemeinschaft gibt, ist etwa für die Kinder dieser neuen Welt kaum vorstellbar:
„Noch immer war es überwältigend, Fremde zu treffen: Nichts in ihrer Kindheit hatte Judith darauf vorbereitet, und es gehörte zu den Dingen, über die sie aus der Vergangenheit ihrer Eltern gehört hatte, die sie aber nicht ganz begreifen konnte: Was das für ein Gefühl war, sich unter völlig Fremden aufzuhalten, Leuten, die sie nie zuvor gesehen hatte und die sehr bald wieder für immer ihrer Wege gehen würden. Es sei eben normal für sie gewesen, erklärten die Eltern wieder und wieder, doch die Kinder konnten es nie so recht erfassen. Dass es so viele Menschen gegeben hatte.“ (S. 282f.)
Zwar bleibt Jolas polyamore Beziehung mit zwei Männern aus der Gruppe auch im dritten Teil ein Thema und andere – wie das Altern und das Erwachsenwerden der nächsten Generation – kommen dazu, der Fokus verschiebt sich jedoch zunehmend hin zu den sozialen Zusammenhängen und dem sich erweiternden Horizont der Gemeinschaft. Die unmittelbaren Herausforderungen sind gelöst, man hat Mittel und Wege gefunden, Lebensmittel zu produzieren, Wäsche zu waschen oder medizinische Probleme zu lösen.
Was man sich jetzt fragen muss, ist: Wie wollen wir gemeinsam leben? Sollte wieder eine Währung eingeführt werden? Was tun mit Menschen, die gegen unsere moralischen Vorstellungen verstoßen? Diese etwas verschobene Fragestellung öffnet mehr Raum für Zwischentöne: Wenn man den Kontakt zu anderen Gesellschaften sucht, muss man sich damit arrangieren, dass nicht alle die eigenen Vorstellungen davon, wie ein Leben sein soll, teilen. Regeln müssen ausverhandelt, Differenzen ausgehalten werden. Also geradezu klassische Themen dystopischer Erzählungen, deren Dramaturgie sich Grillmayer mit offensichtlicher Freude bedient und dabei einer Begabung für das Setzen dramatischer Effekte und überzeugender Charakterzeichnung, die auch vor Widersprüchen nicht zurückschreckt, an den Tag legt.
Dennoch legt die Verankerung im Genre eine falsche Spur. Denn was hier zunächst wie die Erzählung eines Weltuntergangs, einer Katastrophe, anmutet, ist eigentlich eher das Gegenteil: Grillmayers „Ereignis“ macht Tabula rasa, räumt mit dem Alten auf und öffnet einen Raum für das Erzählen einer Utopie. Einer Utopie, die freilich nicht ohne Verluste entsteht – mehr als nur ein Hindernis stellt sich Jola und ihrer Truppe in den Weg. Und doch wird hier eine neue Welt entworfen, jenseits erlernter Verhaltensmuster und Traditionen, jenseits von „so macht man das eben“ und „so soll das sein“. Das gute Leben, so scheint es, ist eines in und mit der Natur, mit den guten Männern (und Frauen) – in einer Gemeinschaft, die miteinander etwas Neues schaffen.
Johanna Lenhart, Studium der Germanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Wien. 2017-2022 OeAD-Lektorin an der Ain-Shams-Universität Kairo, Ägypten, und an der Masaryk-Universität Brno, Tschechische Republik; 2022-2024 externe Lektorin an der Masaryk-Universität; seit 2023 beim Ars Electronica Festival im Projektmanagement im Bereich Demokratiebildung und Digital Transformation tätig; Forschungsschwerpunkte umfassen u. a. österreichische Literatur der Gegenwart, Comic sowie Genreliteratur und -film.
