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Edelweiß

Günter Wels

// Rezension von Erkan Osmanvic

„Im tosenden Durcheinander der letzten Angriffswellen war Mahr seines Tornisters verlustig gegangen. Niemand scherte sich um ihn, als er den Leichnam eines von Eisentrümmern erschlagenen Wehrmachtsoffiziers zur Seite drehte und dem Toten seine P38-Heerespistole abnahm. Vollständig unbewaffnet wollte er nicht durch die Trümmerödnis gehen, in die sich der Eisenbahnerort in den letzten Stunden verwandelt hatte.“

Im Frühjahr 1945 landet Friedrich Mahr, Deckname »Edelweiß«, als Leiter eines Spezialkommandos über deutschem Reichsgebiet bei Salzburg. Er ist nicht allein. Mit ihm begeben sich auch der Kommunist Kurt Oberhummer (Deckname »Willi«) und Ludwig Esch (Deckname »Sigmund«), der „von der nationalen Seite“ kommt, auf eine geheime Mission: Sie sollen als Spione für den US-amerikanischen Nachrichtendienst Office of Strategic Services (OSS) Informationen über die angebliche Alpenfestung Hitlers sammeln.

Die drei sind Dissidenten des NS-Militärs. Nun wurden sie in einem Schloss in Frankreich von US-amerikanischen Agenten ausgebildet und einsatzbereit gemacht. Ihr Ausbilder Ray bläut ihnen den Einsatzablauf ein: In der Nähe von Salzburg abspringen, nach Hinweisen zur Alpenfestung suchen und per Funkgerät melden – und natürlich unentdeckt bleiben. Sollte doch etwas passieren, heißt es einen kühlen Kopf behalten, auf eine der beiden Geheimidentitäten zurückgreifen und die Mission erfolgreich abschließen. Schulungen über Schulungen folgen. Schließlich ist es soweit. Eine zweimotorige B-26 der U.S. Air-Force soll sie ans Ziel bringen. Mahr, Willi und Sigmund sind bereit. Anspannung macht sich breit, man wartet auf das Signal zum Abspringen, doch dann: „Sigmund trat mit einem hastigen Schritt an den Lukenrand und hechtete, ohne das Kommando abzuwarten, in die Tiefe. Mahr warf einen raschen, fragenden Blick zu Willi hinüber: Was war geschehen? Welcher Teufel hatte Sigmund geritten? Ein Versehen? Eine Kurzschlusshandlung?“

Mahr und Willi bleibt keine Zeit zum Nachdenken. Befehl ist Befehl. Ihr Auftrag muss erledigt werden – im Zweifelsfall auch ohne Sigmund. Sekunden werden zu einer halben Ewigkeit. Dann geht alles ganz schnell. Ein Blinken, ein Luftzug, ein Sprung: „Sein Körper raste dem Erdboden entgegen, und im selben Augenblick spannten sich auch schon die wattierten Gurte unter seinen Achselhöhlen, die faltige Glocke des Schirms über seinem Kopf öffnete sich, sein Fall wurde abrupt gebremst, ein Glücksgefühl schoss durch seinen Körper, und während er in den Gurten hin und her baumelte, sah er eineinhalb Kilometer unter sich die heimatliche Erde langsam auf sich zuschlingern. Ein triumphierender Schrei löste sich aus seiner Kehle, ein Schrei, in dem sein mit Adrenalin gefluteter Körper die Anspannung der letzten Minuten aus sich herausbrüllte.“ Ein Schrei, der nicht nur in Westösterreich wahrgenommen wird.

Am 18. April 2011 klingelt das Telefon der Wiener Buchhändlerin Christine Maurer. Ein Anruf von der unfallchirurgischen Ambulanz des Allgemeinen Krankenhauses. „Ihr Vater ist vor ein paar Minuten auf die Bettenstation des grünen Trakts verlegt worden, erklärte die Klinikangestellte.“ Ihr Vater, Carl Maurer, ist in den eigenen vier Wänden gestürzt. Nun muss sich Christine um seine Wohnung und seinen Hund Bobby kümmern. Und daneben ihren Sohn davon abhalten immer mehr im rechten Sumpf der sogenannten »Sezessionistischen Front« unterzugehen: „Christine erinnerte sich an ein Interview mit dem Rädelsführer der Sezessionisten, einem Arztsohn aus Wiener Neustadt, der sich, vor einer schmucken Bücherwand posierend, ganz als wohlerzogener junger Mann von nebenan gab. Die »Sezessionisten« seien eine zivilgesellschaftliche Bewegung, erklärte er in formvollendetem Upper-Class-Deutsch, eine NGO, die sich der Migrations-Lobby und dem von dieser Lobby angestrebten großen Bevölkerungsaustausch entgegenstemme.“ Bei einem Besuch der Wohnung ihre Vaters trifft sie auf die Geschichte von Mahr, die sie in Aufzeichnungen findet. So liest sie sich durch ein rotes, grünes, blaues und violettes Notizbuch. Immer mehr und mehr taucht sie in die Gedanken Mahrs ein – den sie relativ schnell als ihren Vater erkennt. Immer mehr und mehr lassen die Geschehnisse rund um Mahr und Willi aber auch einen Verdacht in ihr aufkeimen. Ein Verdacht, der ihren Blick auf ihren Vater für immer verändern sollte.

Günter Wels erzählt in seinem Debütroman die packende Geschichte eines Fallschirmagenten-Einsatzes im Zweiten Weltkrieg. Er schildert Maurers/Mahrs Desertion an der Westfront, die Spionage-Schulung in einem französischen Ausbildungslager und den dramatischen Überlebenskampf, den »Edelweiß« während der letzten Kriegswochen zu bestehen hat. Denn Sigmunds frühzeitiger Absprung stellt sich als geplante Flucht heraus, in deren Folge er seine Kameraden verrät und den Nazis ihren Auftrag offenlegt. Für Mahr und Willi wird nun ihr Überleben im nationalsozialistisch regierten Österreich zum Hauptauftrag. Und auch der gegenwärtige Carl Maurer kämpft im Krankenhaus um sein Leben, da sich sein Gesundheitszustand rapide verschlechtert.

Wels zeichnet keine bloßen Schablonen, sondern lässt seine Figuren Gewalt, Angst und Zerstörung des NS-Regimes nachspüren. Er legt aber auch das Unverständnis der nachfolgenden Generationen für all die Ereignisse offen. So etwa in einem Gespräch zwischen Christine und Onkel Kurt (»Willi«), nachdem Christine erfahren hat, dass ihr Vater und Onkel Kurt auch einmal das Recht in die eigenen Hände genommen haben: »Wenn man es mit der Gestapo zu tun bekommen hat, legt man sich eine gewisse Härte zu, weißt du? Du kannst es Rohheit, Kaltschnäuzigkeit oder Brutalität nennen. Ja, wahrscheinlich waren wir brutal und roh, dein Vater und ich. Aber eines darfst du mir glauben: Der Faschismus – die ganze Hitlerei und der Krieg –, das alles ist nicht durch gutes Zureden beendet worden.« »Ich verstehe, was du meinst, Onkel Kurt. Trotzdem, es war nicht richtig, was ihr gemacht habt. Im Grunde war es Mord. Ein Lynchmord war’s, ihr habt einen Wehrlosen umgebracht.«

Obwohl der Roman auf historischen Fakten beruht – es geht um die Geschichte der drei Fallschirmagenten Hans Prager, Josef Hemetsberger und Emil Fuchs – stellt er überzeitliche Fragen zur Diskussion. Wer darf bestimmen, was Recht und was Unrecht ist? Wann und wie kann, darf, soll oder gar muss man sich gegen Ungerechtigkeit wehren?

Wels schreibt packend und spannend. Er lässt uns eintauchen in eine Welt der Verlorenen und Flüchtenden, der Jäger und der Gejagten – wo alles nur grau in grau erscheint und selbst Schwarz eine Farbe ist. Eine Zeit, in der ein falsches Wort, eine falsche Bewegung oder auch nur ein falsches Lächeln zum Todesurteil führen. Aber auch eine Zeit, in der es Menschen gibt, die trotz aller Widrigkeiten für etwas kämpfen, für etwas, das größer ist als sie selbst, für etwas, das uns nur allzu selbstverständlich erscheint, aber doch zerbrechlich ist: Frieden.

Edelweiß.
Roman.
Wien: Czernin Verlag, 2018.
404 Seiten, gebunden.
ISBN: 978-3-7076-0645-4.

Verlagsseite mit Informationen über Buch und Autor

Rezension vom 12.09.2018

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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