Draußen ist weit.

Sabine Schönfellner

// Rezension von Holger Englerth

Sabine Schönfellner

„Entschuldigung, ich dachte, vielleicht wollen Sie dazu noch etwas erzählen.“

Dieser Satz findet sich zwar spät in Sabine Schönfellners Debütroman „Draußen ist weit“, er könnte aber auch gleich zu Beginn stehen: Als nahezu programmatischer Einstieg in eine überzeugende Erzählwelt für jene, die ein Ohr haben für das Reden und Schweigen zwischen den Menschen und Generationen.

„Entschuldigung“ trifft den höflichen und achtsamen Grundton des Buches, die Vorsicht in der Begegnung der Figuren darin.

„ich dachte“ weist auf die Erzählerin hin, die sich einer Art Schule des Zuhörens unterzieht und deren „ich“ zum Angelpunkt der Erzählung wird und doch längst nicht alle seine Geheimnisse preiszugeben bereit ist,

„vielleicht wollen Sie dazu noch etwas erzählen“ ist zugleich Aufforderung zur und Ermöglichen von Kommunikation. Allerdings geht es auch um die Lenkung des Gespräches: das „dazu“ und dass am Ende des Satzes kein Fragezeichen, sondern ein Punkt steht, sind Hinweise darauf, dass es hier im Sprechen wie im Zuhören auch um Macht geht.

Im Roman begegnet die Erzählerin Therese drei alten Menschen und wird ihnen eine Zuhörerin. Was in anderen Büchern zum meist schlichten „Coming of old age“ geraten würde, in dem sich besondere und auf gewisse Weise bewunderungswürdige Menschen ihrer weit zurückliegenden Vergangenheit stellen, Lebensrätsel gelöst werden und stets eine Art guter Seinsabschluss am Ende steht, findet bei Schönfellner schlicht nicht statt – sie macht es sich damit nicht leicht, aber auch den Lesenden nicht schwer. Wenn das Erinnern unsicher wird, treten die Dinge in den Vordergrund, die Erzählerin hat dafür einen genauen Blick, welche letzten Bücher noch da sind, welche Pflanzen nach einem Spaziergang hängenbleiben und wie das Gewand deutlichere Auskunft über den inneren Zustand geben kann, als allein durch Sprechen mitgeteilt wird. Schönfellners Erzählerin ist eine derart versierte Zuhörerin, dass zu Beginn leicht zu übersehen ist, wie wenig sie einerseits über sich selbst verrät, wie sehr sie andererseits das Erzählen der alten Menschen am Laufen hält, vorantreibt und durchaus auch mitgestaltet oder gar lenkt.

Herrn Dobler trifft sie an der Bushaltestelle, lernt seine Sehnsucht nach dem Wald kennen und bekommt Einblicke in eine von der Nachbarschaft zu einem Kriegsgefangenenlager überschattete Kindheit. Wie sehr dieser Herr Dobler in der Gegenwart leben kann, bleibt fraglich, ob die Vergangenheit eine Alternative für ihn darstellt aber auch. Das macht ihn für seine Zuhörerin zu einem ebenso faszinierenden wie unverlässlichen Gesprächspartner. Sie selbst verschafft sich Zutritt zu ihm, indem sie in seinem Pflegeheim eine Verwandtschaft zu ihm vortäuscht. Die Kommunikation mit ihm ist wahrlich kein Ping-Pong-Spiel, mal nimmt er Bälle an, oft aber lässt er sie einfach nur ins Nichts gehen. Das Schweigen als Teil des Gespräches zu sehen lernt seine Zuhörerin erst.

„Draußen ist weit“ ist eine Studie über eine Radikalisierung im Akt des Zuhörens. Mit Frau Lehner trifft die Erzählerin auf den nächsten Level, denn sie ist eine Rednerin, die offenbar schon einige in die Flucht geschlagen hat. Noch mehr wird das Zuhören zum Machtkampf: Frau Lehner erzählt zwar viel, aber nicht unbedingt das, was ihr Gegenüber hören will. Der Kaffeetisch wird zum Schlachtfeld, passenderweise liegt bald eine Karte darauf, auf der die Suche nach Erinnerung immer mehr Spuren hinterlässt. Es springt keine konsistente Lebensgeschichte für Erzählerin – und Lesende – dabei heraus, aber die vielleicht wertvollere Erkenntnis, dass sich Freiheit wohl nur im Verbund mit Abschieden und Verlusten erlangen lässt.

Frau Vessely schließlich ist dann die Endgegnerin für die Erzählerin, bringt sie ihre Gesprächspartnerin doch im wortwörtlichen Sinne in Fahrt, indem sie sie zur Chaffeurin einer Autoreise macht, deren Ziel sich in immer nördlichere Richtung verschiebt. Doch dieses literarische Roadmovie folgt genau so wenig der dafür vorgesehenen Schablone wie der restliche Roman. Es findet gerade keine Annäherung der Protagonistinnen statt, keine kathartischen Erlebnisse, aus denen die Heldinnen verwandelt und gestärkt hervorgehen. Fremdheit und Verlust bleiben den Menschen und Beziehungen bei Schönfellner erhalten, dennoch bleibt dabei auch der dramatische, spektakuläre Absturz in Verzweiflung oder Tristesse aus. Es ist dieser Mut, Spannungen nicht aufzulösen und simple Lösungen auszuschlagen, der „Draußen ist weit“ zu einem so großartigen und sogar wahrhaftigen Erlebnis macht.

Seine das Lesen vorantreibende Spannung verdankt der Roman nicht zuletzt der Figur der Erzählerin. Über ihre Motivation, sich mit den alten Menschen zu treffen und ihnen zuzuhören lässt sich bis zum Schluss rätseln. Zweifel an ihrer Ehrlichkeit müssen wohl als berechtigt angesehen werden, dafür gesteht sie selbst zu viele Schwindeleien ein. Auf diese Weise wird die Schule des Zuhörens für die Erzählerin auch zur Schule des Lesens für die Lesenden – und ich wünschte, Schule wäre so gewinnbringend, vielfältig und ein bisschen weise wie der erste Roman von Sabine Schönfellner.

Holger Englerth, 17. 08. 2021.

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser/innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Roman.
Literaturverlag Droschl, 2021.
176 Seiten, geb.; 20 Euro.
ISBN: 9783990590874.

Rezension vom 17.08.2021

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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