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Domra

Josef Winkler

// Rezension von Klaus Kastberger

Das Werk von Josef Winkler ist eine fortgesetzte Expedition in Bereiche von Sterben und Tod. Was mit der frühen Romantrilogie (Menschenkind, Muttersprache und Der Ackermann aus Kärnten) begann und mit dem 1990 publizierten Italienbuch Friedhof der bitteren Orangen weitergeführt wurde, setzt sich in dem Roman Domra auf außereuropäischem Boden fort: Die Winklersche Welt- und Seelenerkundung findet diesmal an einem indischen Schauplatz statt.

Besser hätte der Ort nicht gewählt sein können: die Leichenverbrennungsstätten des Harishchandra Ghat und des Manikarnika Ghat am Ufer des Ganges – jene Plätze also, an denen die titelgebenden Domra ihre Arbeit versehen. Von den täglichen Verrichtungen dieser Menschengruppe, die der Kaste der Unberührbaren zugehört, bleibt bei Winkler kein Detail verborgen. Mit einer grünen Bambusstange beispielsweise schlägt einer von ihnen unablässig auf einen rauchenden Unterarm ein, der sich während des Verbrennung zu weit vom Scheiterhaufen weggestreckt hatte – noch den daraus resultierenden Funkenflug hält Winkler fest.

Vor Wiederholungen (die dem Text einen stark ritualisierenden Charakter verleihen) schreckt der Autor in seinen Schilderungen nicht zurück; in den Aufzeichnungen bieten sich Momentaufnahmen des täglich gleichförmigen Geschehens. Neben den Aktivitäten der Domras rücken dabei deren Kinder ins Blickfeld, in ihnen bietet sich ein überbordendes Bild des Lebens und der aufkeimenden Sexualität.

Es ist (in diesem Gemisch aus Leben und Wiedergeburt) keine Folklore des Andersartigen, die Domra beschreibt. Das Buch durchmißt statt dessen eine Ent-Fernung der Heideggerschen Art; eine Ent-fernung, die den Autor über den fremden Kult an sich selbst heranbringt. In Indien hat Winkler abermals einen Weg zu den eigenen Daseinswelten gefunden. So fremd und exotisch die Beobachtungen auch anmuten mögen, bleiben sie doch von den Kärntner Privatmythen grundiert. Das Toten- und Lebenszeremoniell am Ganges fungiert als Katalysator der eigenen Vorstellungen, Wünsche und Projektionen.

Der Unterschied zum Genre des Reisebuches, in dem kulturelle Differenzen emphatisch beschrieben werden, um sie dann umso jovialer einzuebnen, könnte nicht größer sein: Josef Winkler hat mit Domra keinen Reiseführer über Indien, sondern ein avanciertes Textgeflecht verfaßt, in dem der Zusammenhang von Leben, Schreiben und Tod über die konkreten Beobachtungen hinaus eine allegorische Umsetzung erfährt. Erstaunlich ist, daß diese Umsetzung dem Autor auch abseits des Katholizismus und auf der Basis einer ganz anderen und fremden Bilderwelt gelingt.

Domra. Am Ufer des Ganges.
Roman.
Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1996.
263 Seiten, gebunden.
ISBN 3-518-40803-8.

Verlagsseite mit Informationen über Buch und Autor

Rezension vom 06.05.1998

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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