#Prosa

Disappearing

Hanno Millesi

// Rezension von Werner Schandor

Quälende Momente der Lähmung und des Erstarrens beschreibt Hanno Millesi in den Texten des Erzählbandes Disappearing. Rückzugsvarianten. Die zehn motivisch miteinander verknüpften Episoden des Buches umkreisen in einer um Präzision bemühten, eindringlichen und klaren Sprache jenen Moment des Stillstandes, in dem das Nichts in das Leben der Protagonisten eindringt und sich Platz verschafft.

Millesi erzeugt in seinen Texten harte Kontraste, indem er selbst emotionale Momente als Augenblicke vorrückender Versteinerung beschreibt. Seine Figuren stehen ihrer Umwelt erschreckend teilnahms- und hilflos gegenüber. Seltsames Gruseln erzeugt auch die einzige Ausnahme des Buches, der Text „Sonderausstellung“. Er beschreibt das einigende Wohlgefühl, das eine Schau von Foltergerätschaften in einem jungen Paar auslöst.

Millesis Texte funktionieren, auch wenn die Erzählperspektive von Text zu Text von Ich auf auktorial wechselt – zumeist auf ähnliche Weise: Immer steht eine einzelne Figur im Mittelpunkt, die aus ihrem Zentrum heraus eine äußere Bewegung registriert, die aber in der – wenn nicht durch die – Beobachtung zur Erstarrung gerinnt. So erscheint die Realität wie aus einem autistischen Reflex heraus fixiert, der nichts übrig läßt als eine überwältigende Flut von Eindrücken, die das wahrnehmende Subjekt unter sich begraben.

Als beispielhaft mag die an zentraler Stelle des Buches plazierte Erzählung „Lamourouge“ – dieroteLiebe – gelten. Wie viele Texte Millesis setzt die Erzählung abrupt mit einem pointierten Satz ein, der ein Wissen um eine nicht erzählte, doch dynamischere Vorgeschichte quasi voraussetzt: „Eines Tages machten wir es dann in der von ihr bevorzugten Position.“ (S. 71). Dies ist der Auftakt zu 19 Seiten Ausführungen des männlichen Ich-Erzählers über die Frage, wer die Position nun denn als bevorzugte ins (Liebes-)Spiel gebracht habe, gefolgt von einer genauen Beschreibung der „Körperhaltung des weiblichen Partners“. Dabei gelangt zunehmend ein technisiertes, distanziertes und von Passiva durchzogenes Vokabular zur Anwendung, das aus einem Handbuch des sexuellen Stellungskrieges stammen könnte.

In gleichem Maße verschiebt sich der Blickwinkel des Ich-Erzählers von der vordergründig selbstsicheren, jedenfalls saloppen Haltung eines „wir machten es“ zu einem von Reflexionen und Metareflexionen durchzogenen Hirngespinst eines „Ich“, an dem selbst die Gesichtsausdrücke beliebig wählbar sind. Am Ende heißt es: „Ich bin nicht in der Lage, tatsächlich und endgültig festzustellen, ob ich eine bestimmte Handlung für mich oder meinem weiblichen Partner zuliebe gesetzt habe. […] Bald aber ist der eindeutige Charakter der meisten Handlungen verschwommen, die Konturen sind unklar geworden.“ (S. 89)

Hinter den zumeist ohnehin spartanisch gesetzten Handlungen der Figuren in „Disappearing“ zeichnen sich immer wieder die Konturen des Entsetzens darüber ab, wie einem das Leben entschwindet. Oder, wie es in der letzten Geschichte eingangs heißt: „Und es endet jedesmal mit der totalen Auflösung.“ (S. 143) Die Härte an Millesis auf ihre Art konsequenten Texten ist, daß seine Protagonisten und Alter egos dieses Entschwinden in einem Winkel ihrer Schilderungen wohl mitreflektieren, daß sie aber nicht imstande sind, an eine Gegenwehr gegen den Einzug des Nichts in ihr Dasein auch nur zu denken.

Hanno Milesi Disappearing
Rückzugsvarianten.
Klagenfurt, Wien: Ritter, 1998.
155 S.; brosch.
ISBN 3-85415-246-9.

Rezension vom 15.05.1999

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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