#Roman

Die Wundersammlerin.

Maria Alraune Hoppe

// Rezension von Walter Fanta

Wunder über Wunder

In diesem wundersamen Roman sind Wunderberichte sonder Zahl angehäuft. Die Wunder entsprechen im Grunde ziemlich genau der kanonischen Definition. Ein Wunder ist, was der Heilige Vater durch eine Kommission untersuchen lässt, bevor er jemanden selig oder sogar heilig spricht.

Das heißt aber nicht, dass es sich um einem katholischen Roman handelt. Ganz im Gegenteil. Nur, dass Wunder sich nicht darum kümmern, ob man aus katholischer oder esoterischer Sicht an sie glaubt. Die sich überstürzenden Wunder in Maria Alraune Hoppes Roman sind von der Art: Rettung aus großer Not oder Gefahr; unvermutete Heilung oder Gesundung; plötzliche Erklärung für vordergründig Unerklärbares; scheinbares Zusammentreffen von angeblichen Zufällen, die für das Leben der Betroffenen existenzielle Bedeutung gewinnen; Begegnungen mit Personen, die für jemanden anderen stehen, aus einer anderen Zeit kommen und/oder so plötzlich verschwinden, wie sie aufgetaucht sind, und so weiter. Wie ein roter Faden durchzieht die Unfall- und Zufallberichterstattung den ganzen Roman, in einer Tour erzählen sich die Figuren ihre Wundererlebnisse.

Der Romaninhalt

Die Journalistin Elo – Ich-Erzählerin im ersten Teil – lernt auf einer Busreise von Salzburg über Zagreb, Sibenik, Split, Tirana und Ioannina nach Athen die mehr als nur rätselhafte Mira kennen und fühlt sich sofort zu ihr hingezogen. Die beiden jungen Frauen freunden sich an, es knistert, Erotik kommt ins Spiel (siehe Leseprobe). Mit im Bus sind auch zwei junge Männer, Maxxon und Sticho, eine Erweiterung des magischen Feldes von Anziehungen und Abstoßungen um heterosexuelle Komponenten findet statt. Athen ist der Schauplatz am Scheitelpunkt der Romanerzählung. Von der griechischen Hauptstadt aus und in ihr unternehmen die vier Erkundungen, Ausflüge, unter anderem auch eine Segelbootsfahrt zur Insel Ägina. Dann löst sich die Reisegesellschaft auf, die frisch gewonnenen Freunde, die sich in den paar Wochen Ausnahmezustand so nahe gekommen sind, verlieren sich zunächst in verschiedenen Weltgegenden aus den Augen. Aber dann ereignen sich Wiederbegegnungen, sogar im fernen New York, neuerliche und vertiefte Annäherungen bleiben nicht aus, immer in Verbindung mit frischen Wundererzählungen. Am Ende finden nach Jahrzehnten Elo und Mira wirklich zusammen, sie beschließen, ihre letzten Jahre in einem alternativen Wohnprojekt in Graz zu verbringen, zwei gealterte Powerfrauen, die ein ganzes Stadtviertel nach ihrem nachhaltigen, mit der Natur und den natürlichen menschlichen Bedürfnissen in Einklang stehenden Lebenskonzept gestalten. Die Krönung des Ganzen: Sie gründen einen Wunder-Erzähltreff, das Wundererzählen wird zu einem vereinsmäßig institutionalisierten Stadtevent in einem eigens dafür errichteten Kulturzentrum und im Grunde zu einem Geschäftsmodell für gemeinsames Glücklich-Sein: „Die Menschen strömen herbei, Großeltern mit Enkel:innen, Studierende, Sandler:innen, Stadtgrößen und Wundererzähler:innen, die dies noch nie in der Öffentlichkeit getan haben. Sie alle eint die Sehnsucht, das Suchen, das Erleben, das Hören, das Erwarten, das Verachten, das Verdammen einer scheinbar wunderlosen Welt, das Hoffen auf Wunder in einer Zeit, die beim oberflächlichen Hingucken wunderbefreit wirkt.“ (S. 451)

Lehren für Leser:innen

Ich glaube, dies ist ein Buch, das wohl vorwiegend weibliche Leserinnen fesseln wird, oder jene, die queer sind oder dafür was übrig haben. Die Figuren dieses Buches haben zum Beispiel die phallische Sexualität satt oder erklären sie für überwunden, wie Maxxon und Sticho am Ende dieses Romans. Man(n) kann auch anders. Vor allem ist es natürlich ein Buch für Leute, die bereit sind, an Wunder zu glauben, ein ziemlich dickes Buch, das heißt, man kann beim Lesen langsam lernen, an Wunder zu glauben. Eine gewisse Grunddisposition müsste allerdings von Anfang an da sein, um die Botschaft aufnehmen zu können, dass Dinge noch etwas anderes bedeuten als das, was sie dem oberflächlichen, rationalistischen ersten Anblick nach scheinen. Auch empfänglich für diesen Roman könnte eine Leserschaft sein, die über Wunder einfach mehr wissen will. Die Autorin Maria Alraune Hoppe möchte mit den mehr als hundert Wundergeschichten, die insgesamt ein einziges großes Wunder ergeben, einer bestimmten Überzeugung Ausdruck verleihen. Der Stil ist didaktisch, er schwankt zwischen atmosphärischer Schilderung (siehe Leseprobe) und Ratgeberliteratur. Mich persönlich hat die Lektüre mit Unruhe erfüllt, weil ich das Gefühl nicht mehr los geworden bin, dass wir – ich meine konkret die Menschen, die jetzt mitlesen – mittlerweile mit zweierlei Zungen sprechen und uns gar nicht mehr verstehen, wir hören hier den esoterischen Erzählungen und dort den rationalistischen Welterklärungen der Schulwissenschaftler zu und glauben vielleicht gar nichts mehr.

Roman.
Wien: Verlagshaus Hernals, 2022.
460 S.; geb.
ISBN 978-3-903442-19-1.

Rezension vom 03.10.2022

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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