#Roman

Die Würde der Empörten

Lukas Meschik

// Rezension von Angelo Algieri

In der Hochzeit der Corona-Pandemie 2020-2022 gingen viele Menschen gegen restriktive Maßnahmen auf die Straße. Zunächst auf Demonstrationen und Kundgebungen, später – als strengere Versammlungsauflagen erstellt wurden – gingen viele „spazieren“. Mit dem „Spaziergang“ waren die Teilnehmer:innen nicht an Corona-Auflagen gebunden, etwa Abstandhalten oder Maskenpflicht. Es entstand, wir erinnern uns, ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. Da die Literatur ein langsames – und im besten Fall reflexives – Medium ist, erscheinen nach und nach die ersten Erzählungen und Geschichten über die Corona-Zeit.

Nun hat der Wiener Schriftsteller Lukas Meschik sich dieser Thematik angenommen – in seinem Roman „Die Würde der Empörten“, der soeben im Innsbrucker Limbus Verlag erschienen ist. Der 1988 geborene Autor befasst sich nicht zum ersten Mal mit den Demonstrationen gegen und Netzempörungen über restriktive Corona-Maßnahmen im deutschsprachigen Raum. Bereits 2021 hat er (ebenfalls im Limbus Verlag) den schmalen, sehr lesenswerten Essay „Einladung zur Anstrengung“ vorgelegt. Mit Reflexionen, die nicht nur auf die erregten Diskussionen rund um die Corona-Auflagen gelesen werden können, sondern auch übertragbar sind auf andere, ähnlich hitzig-geführte Debatten, beispielsweise zu Gender- oder Migrationsthemen. Meschik hat es sich nun nicht so einfach gemacht, seinen Essay nachträglich mit einer Geschichte zu ummanteln. Schließlich ist mindestens ein Jahr mit neuen Erkenntnissen und Einsichten vergangen. Er fordert uns richtigerweise zu mehr Empathie und weniger Erregtheit auf.

Doch eins nach dem anderen: Der namenlose Ich-Erzähler in einer namenlosen Stadt irgendwo im deutschsprachigen Raum schildert zunächst, wie der arbeitslose Fotograf Lester sich – wohl während des ersten Corona-Lockdowns – über einen Zeitungsartikel aufregt und anfängt, Leserbriefe zu schreiben. „Es wird eine gewisse Empörungsbereitschaft vorhanden gewesen sein, die sich angestaut und ein Vertil gesucht hatte“, erklärt sich der Ich-Erzähler das Verhalten Lesters. Letzterem reicht das Briefeschreiben alleine nicht aus: Er schließt sich schon bald den Kundgebungen gegen die Corona-Maßnahmen an; der Ich-Erzähler konstatiert, dass Lester spätestens jetzt „zum wachsenden Lager der Empörten“ zu zählen sei. Und weiter: „Auf einer dieser Veranstaltungen lernten wir einander kennen.“

Während der Ich-Erzähler als neugieriger Beobachter auf diese Anti-Corona-Maßnahmen-Demos geht, dokumentiert der Aktivist Lester mit seiner Kamera die Veranstaltungen. Mit dem Ich-Erzähler kann Lester über die Demokratie im Allgemeinen sowie über die Corona-Maßnahmen im Speziellen reden und diskutieren. Mit rechtem Gedankengut oder mit Verschwörungstheorien haben beide nichts am Hut. Allerdings glaubt Lester, dass die Gesellschaft bereits auf der Kippe stehe und es Unterdrückungstendenzen gebe. Zudem misstraut er den „Mainstream-Medien“, die die Demonstrant:innen als Radikale und Spinner einstufen. Der Ich-Erzähler stellt selbst fest, dass die meisten auf den Demos und Spaziergängen ganz normale Menschen sind. Lester nimmt auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in die Pflicht. In den Talkshows vermisse er schmerzlich „das Abbilden einer Debatte anstatt die schlichte Präsentation ihrer Ergebnisse.“ Natürlich richtet sich der Zorn der Demonstrant:innen vor allem an die Politiker:innen, diese seien unfähig und verlogen. Die Stimmung der Empörten spitzt sich jedoch im Laufe des Romans zu. Bis es zum Sturm auf ein Regierungsgebäude kommt: „Es gibt Tote und Verletzte.“ Inmitten dieser Menschenmenge rettet der Ich-Erzähler die Polizistin Lexi, in die er sich verliebt. Was den Nebeneffekt hat, dass er bald keine Lust mehr hat, ständig zu den Demos zu gehen. Lester nimmt ihm das übel. Nach längerer Abwesenheit plagen den Ich-Erzähler Gewissensbisse und er sucht Lester auf, doch da passiert etwas Verheerendes, Unerwartetes …

Lukas Meschik tut gut daran, genau auf die Demonstrant:innen zu schauen und ihnen ihre Würde zu lassen. Viele von ihnen hatten berechtigte Sorgen und Befürchtungen. Allen voran jene mit Kindern. Sie machten sich auch Sorgen um die Demokratie. Denn von einem Tag auf den anderen wurden Grundrechte teils massiv eingeschränkt. Das hat viele verunsichert. Sie aber alle als Spinner, Rechte und Verschwörungstheoretiker zu stigmatisieren, wie es in Sozialen Medien schnell geschieht, davon hält der in Wien lebende Autor Lukas Meschik wenig. Dass die Mehrheit der Protestierenden aus der Mitte der Gesellschaft kam, das zeigen auch zahlreiche gut recherchierte Reportagen, etwa des deutschen SWR (Südwestrundfunk). Meschik verhehlt aber auch nicht, dass eine Minderheit aus Rechten und Verschwörungstheoretikern im Lauf der Zeit den Diskurs dominierte. Und hier stellt der Ich-Erzähler Lester die Gretchen-Frage: Wie hälst du es mit diesen Leuten? Wie grenzt du dich von ihnen ab?

Mit seinem Roman „Die Würde der Empörten“ hat Meschik ein relevantes Buch zur Aufarbeitung der Proteste gegen die Anti-Coronamaßnahmen geschrieben. Er hinterfragt falschgelaufene Diskurse, beleuchtet die Rolle der Medien und der Politik. Die Aufarbeitung steht noch am Anfang. Viele gesellschaftliche Wunden aus der Pandemie-Zeit sind noch nicht verheilt. Meschiks Werk kann einen emphatisch-nachdenklichen Beitrag dazu leisten.

Roman.
Limbus Verlag, Innsbruck 2023.
256 S.; geb.
ISBN: 978-3-99039-231-7.

Rezension vom 04.04.2023

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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