#Roman

Die Wirtinnen.

Silvia Pistotnig

// Rezension von Friedrich Hahn

Ja, das Leben geht oft komische Wege.

Man könnte es schnell machen. Bei den Wirtinnen handelt es sich um einen Heimatroman. Und da es von Beginn an dumpf und beängstigend zugeht, fernab jeglicher ländlichen Idylle, haben wir es mit einem Antiheimatroman, einer österreichischen Spezialität, zu tun. Sofort denkt man an Innerhofer und in der aktuellen österreichischen Literatur vielleicht an junge Autorinnen wie Helena Adler oder Birgit Birnbacher. Meist beginnt es ja mit einer Rückkehr, bei Silvia Pistotnig ist es nicht die erste, sondern die letzte Szene. Aber dies ist nicht die einzige Besonderheit, die Silvia Pistotnigs Roman Die Wirtinnen vom Erwartbaren abhebt.

Angesiedelt hat Silvia Pistotnig die Familiengeschichte der Wirtinnen, die über drei Generationen geht, in einem Kaff in Kärnten mit dem bezeichnenden Namen Erblach. Erblach? Ich habe nur Erlach im Internet gefunden. Und es würde mich nicht wundern, wenn dies auch Pistotnigs Geburtsort wäre. Wie auch immer. Erblach scheint mir jedenfalls ein sprechender Name zu sein, geht es doch in den Wirtinnen darum, was man von seinen Ahnen so mitbekommt in seinem Rücksack namens Leben.
Die Wirtinnen, das sind Oma Johanna, Mutter Marianne und Tochter Gertrud. Sie haben eines gemeinsam. Jede hat ein besonderes Talent. Und alle drei können es nicht ausleben. Oma Johanna hat Musik im Blut. Marianne ist ein Zahlengenie. Und Gertrud, die man Trudi ruft, die aber lieber Geri genannt werden würde, möchte am liebsten Fußballerin werden. Doch alle drei sind „zur falschen Zeit am falschen Ort“ (so der Klappentext).
Silvia Pistotnig (*1977) breitet die Geschichte über einen Zeitraum von 86 Jahren (1936 – 2022) und in 54 Abschnitten aus. Jeder Abschnitt trägt den Namen einer der drei Hauptfiguren plus eine Jahreszahl. Häppchenweise und zum Teil in Rückblenden werden die Biografien der Wirtinnen aufgerollt. Es beginnt harmlos.
Wir begleiten Johanna (wenn ich richtig gerechnet habe: Jahrgang 1920) durch ihre Schulzeit, wo sich ihr Musiktalent im Orgelspiel zeigt. Wir erleben den Missbrauch durch ihren Schwager, ihre Schwangerschaft und die Wegnahme ihres Kindes („Die Nachgeburt bekam sie kaum mehr mit, kurz danach schlief sie ein. Als sie aufwachte, war das Kind weg.“) Und wir erfahren von ihrer Heirat mit dem Eckwirt, der sich dann schon bald zu Tode saufen sollte.
Aus dieser Verbindung geht Marianne (*1950) hervor. Sie kennt wie ihre Mutter nichts anderes als die Gastwirtschaft, sie wird wie sie Wirtin. Marianne wird uns als „unauffälliges, bebrilltes, molliges Mädchen“ beschrieben, wenig begabt fürs Plaudern. Dafür ist sie ein Rechengenie. Aber auch sie kann ihr Talent nicht ausleben. Sie heiratet, bekommt zwei Kinder: Gertrud (*1977) und Thomas.
Während Thomas nur als Randfigur auftaucht, wird Gertrud zur dritten Wirtin, ohne es je gewesen zu sein („Es gibt nichts Sinnloseres, als Menschen zu bedienen“). Sie hat das Zeug zur Fußballerin, will auch nicht Trudi genannt werden, sondern Geri. Doch sie kann sich in diesem Männersport genau so wenig durchsetzen, wie ihre Oma seinerzeit ihrer Leidenschaft für Musik nachgehen konnte. Zwar gab es da ein kurzes Zwischenspiel in Wien bei einer Herrschaft, weil Johannas Eltern meinten, sie bräuchte Abstand nach der Geburt des Kindes, das man ihr ja wegnahm, um die Schande der Vergewaltigung zu vertuschen, aber es braucht fast das ganze Buch, bis sich hier kurz vor Johannas Ableben ein Kreis in Form eines vererbten Klaviers schließt.
Das Wirtshaus geht mit den Jahren immer schlechter, Sommergäste bleiben aus. Und Stammgäste gab es ohnehin, außer einem gewissen Adi, so gut wie keine. („Alles bei uns ist schmuddelig und grindig und alt und abgenutzt.“) Marianne lässt sich scheiden. Ihr Mann Erwin hat eine Neue. Was die beiden aber nicht hindert, sich einmal pro Woche zur sexuellen (Wieder-)Vereinigung zu treffen. Und es kommt, wie es kommen muss: Marianne wird schwanger. Und das mit 44. Und als wäre das nicht schon genug an Drama, leidet das „Tschoppale“ auch noch unter dem Down-Syndrom. Auch hier schließt sich wieder ein Kreis, hatte doch eine von Johannas Schwestern ebenfalls ein Kind mit geistigen und körperlichen Einschränkungen, „das Tschoppale“, das dann aber im Dunst der Naziherrschaft verschwand, irgendwie, irgendwann nicht mehr da war.
Silvia Pistotnig erzählt bei all dem Drama unaufgeregt, ohne Koketterie, ohne zu werten oder tiefsinnig zu psychologisieren, was dieser Prosa sehr zugutekommt. Sie ist nahe, ganz nahe an ihren Figuren. Das macht sie, die Figuren, und auch die Handlung trotz der vielen Stränge plastisch und glaubwürdig. Am Ende ist das Wirtshaus verkauft. Schwule haben die Gaststätte gekauft und erfolgreich zu einer Fremdenpension ausgebaut. Gertrud kommt ihr ehemaliges Elternhaus besuchen. Mit dabei ein Kind, ihr Kind.
Silvia Pistotnig ist angekommen. War sie bislang eher ein Geheimtipp unter Literaturkenner:nnen, hat sie sich mit Die Wirtinnen in die vorderste Reihe der zeitgenössischen österreichischen Literatur geschrieben

Roman.
Wien: Elster & Salis, 2023.
360 S.; geb.
ISBN 978-3-03930-046-4.

Rezension vom 01.03.2023

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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