#Prosa

Nervenlauf

Herbert J. Wimmer

// Rezension von Martin Kubaczek

Herbert J. Wimmer ist ein „Forscher an der Wahrnehmungsschwelle“ (Textobjekt Nr. 36), ein gewappneter Beobachter, der es darauf ankommen lässt, die Naturgesetze und die Selbstsicherheit des Alltagsbewusstseins ein wenig auf die Probe zu stellen. Er zelebriert ein Aufweichen harter Materialität, kreiert seine „Soft Worlds“ in einem sprachlichen Virtual Reality Spiel, in dem die Objekte über den Beobachter herfallen und ihn verschlingen. Die Urangst, dass die Dinge gegen uns, ihre Benutzer, rebellieren könnten, also sich erheben könnten gegen ihren Objektivierung, wird hier mit Leidenschaft durchgespielt: Ein Zahnpastatube schlägt zurück, ein Toaster speit vulkanisch Feuer, ein Hausmann reitet die wild gewordene Waschmaschine wie in einem Wild-West-Rodeo in den Bildern eines Vorstellungsvermögens, dem Wimmer mit Kalkül die Zügel schießen lässt.

Wimmers Texte setzen sich zusammen aus einem Puzzle von Wahrnehmungsmomenten seiner multiplen perspektivischen Subjekte, die Schreibsituation wird mit reflektiert, in gedanklichen Parzellen bauen sich die Textflächen auf, verschiedentlich bezeichnet als „folgen“, „cuts“, „narrationen“, ironisch auch als „kapitel“ (in „innere stadt. roman“), oder „tage“ (in „auto stopp tempo texte“); hier nun werden die Texte selbst zum „objekt“, insofern sie von Ding-Relationen ausgehen und sich jeweils einem Artikel des täglichen Gebrauchs widmen. Dies verleiht Nervenlauf den Charakter einer witzig-bizarren Inventur. Mit dem Untertitel Prosa aus dem gefährlichen Alltag ursprünglich 1990 in der Edition Falter im ÖBV erschienen (worauf die Neuausgabe allerdings nicht verweist), wurden einige Umstellungen und Austauschungen vorgenommen und das Kompendium um zehn Text-Objekte erweitert. Während in der ursprünglichen Ausgabe die ausgeschriebene Nummerierung optisch dominierte, wird nun der Name des Objekts graphisch hervorgehoben. Die Tendenz weg vom Seriellen hin zum griffigeren Kompendium zeigt sich auch in der Änderung des Untertitels auf Die Tücke der Objekte, und dementsprechend findet sich gleich der erste Text ziemlich radikal umgestaltet, indem Wimmer ihn aus der allgemeinen Beschreibungssituation heraus hebt und verknappt auf die lauernde Beobachter-Objekt-Relation.

Die Methode der Texte beruht auf dem Prinzip von Verschiebungen und Relativität. Wahrnehmungen werden verschachtelt, „frames“ verrutschen oder werden verzerrt, Spiegelungen laufen ins Unendliche fort, wenn ein Mann „sich für einen aussterbenden wal hält, der sich für ein objekt hält, das aus einem gletscher hervorbricht“. Kippbilder und Umpolungen entstehen aus der Verschiebung von Kategorien, Materialeigenschaften und Parametern wie aktiv/passiv, lebend/tot, beseelt/unbeseelt, etc. Die kulturell festgelegten Subjekt/ Objekt-Grenzen werden entsichert und verunsichert: nicht der entgegenkommende Sinn des Subjekts denkt sich dabei ins Ding ein, sondern umgekehrt, das Ding attackiert das Subjekt. Gleich Eröffnungstext springt der Kugelschreiber (in der Erstausgabe war es noch der „ballpen“) den Beobachter an, penetriert ihn, rast animiert im Körper herum und bohrt sich in seinen Zeigefinger, übernimmt gewissermaßen die Führung und lässt so die folgenden Texte entstehen.

Ironisch verkehrt sich so auch manch Anderes: Der Gummiknüppel (Nr. 162) prügelt zu dessen Schrecken mit dem Polizisten auf die Demonstranten ein. Auffallend ist die Präsenz physischer Funktionen wie Einverleiben, Verdauung, Lutschen, Verschlucken, Beißen, Würgen, Erbrechen und Ausspucken: Eine verschlingende Wirklichkeit „saugt“ die Objekte ein (Nr. 119), ein Globus rollt durchs Zimmer und verschluckt, was da herumliegt (Nr. 120). Eine Duschkabine zieht sich peristaltisch zusammen und verdaut den in sie Eingeschlossenen (Nr. 59), eine Telefonzelle speit dagegen konvulsivisch den Verschluckten wieder aus (Nr. 128). Deformationen und materielle Durchdringungen sind das Resultat: eine Hausfrau findet einen „deformierten körper unter dem couchtisch“ (Nr.80), Fußballspieler laufen mit „angebrochenen schädelbasen“ herum (Nr. 82), dem Stephansdom schmelzen die Kanten ab (Nr. 83), eine Bleikristallvase versinkt unmerklich im Parkettboden (Nr. 304). Ausgelöst von der Lappalie ergreift ein nicht mehr aufhaltbarer Prozess des Verschwindens das Universum, bis zu dem Moment, an dem das Beobachten des Verschwindens verschwindet (Nr. 48). Die Vorstellung wird so bis zur Eskalation vorangetrieben oder bis hin zur bildhaften Explosion der vom Kollektiv aufrecht erhaltenen Ordnungen (z.B. Nr. 143 und 144).

In seinen Bild-Imaginationen führt Wimmer vor, wie Wahrnehmung auf Kontingenz basiert und wir nur in der Relativität gegenseitiger Eindrucksbestätigungen existieren. Die anarchische Animiertheit der Objekte wiederum suggeriert eine untergründige dynamisch-magische Struktur, als deren Erscheinungen die Dinge in unsere Wahrnehmung treten in scheinbarem Gehorsam. Das Subjekt wird als das gezeigt, was es vielleicht ist: Spielball der Materie. Schwarzer Punkt der Wahrnehmung und Black Hole des Universums fallen in eins, Personen werden transparent, ihrer Stofflichkeit und Schwerkraft enthoben, die Wirkung der Naturgesetze setzt spielerisch aus, Körperwahrnehmungen geraten in „disorder“, der Körper sieht sich entfremdet und wie abgelöst – das wird etwa am Phänomen der Phantomschmerzen eines Beinamputierten (Nr. 16) durchgespielt oder im Neoprenanzug, mit dem der Taucher verwächst (Nr. 248).

Dem Bio-Adapter Oswald Wieners ähnliche Vorstellungsmaschinen werden sichtbar als „luxuriöse entkörperungsapparate“ (Nr. 311), die den Beobachter inhärieren. Konsequent wird der gedankliche Versuchsaufbau durchgeführt bis hin zum Verschwinden des Beobachters, wenn die Saunakammer als „riesiger einzeller“ das Plasma des Beobachters „völlig auflöst“ (Nr. 246). Wimmer denkt hier eine nervöse Vernetzung weiter, mit der sich der letzte Passus seines Buches mit seinem Eröffnungsszenario rückschließt. Das gesamte Konvolut der Objekt-Texte stülpt sich damit auf zu einer Blase der träumenden Vernunft: Als der über seinem Schreibtisch eingesunkene Beobachter wieder zu sich kommt, verfestigen sich die flüssigen Wirklichkeiten augenblicklich, „leblos verharrt das objekt in seinen formen, wirkungslos bleibt es auf distanz“ (Nr. 313), der zur Vernunft Erwachte greift „zum toten kugelschreiber“ und beginnt mit dem ersten Satz seiner Aufzeichnung, der damit auch der letzte des Buches ist: „DIE NERVEN LAUFEN“.

Damit sind die Ordnungen reinstalliert, die Verhältnisse wieder in ihr Lot gebracht, und die Schreibhand führt den Stift, der ihr entglitten war. Der Schlaf der Vernunft ist vorbei, in der der Verstand Gespenster gebiert, und das Buch schließt mit der Antwort auf die Fragestellung, wer behält Oberhand im Infight von Objekt und Verstand; bei Wimmer ist es die Schreibhand, das Begreifen, Erfassen und Festhalten, die Bannung der Objekte in der Schrift. Der übermächtige Zauber der Sprachalchemie wird zurück gezwungen, es bleibt das Wort als Gefäß, von dem der Autor vorsichtig den Stöpsel lüpfte. Die Geister, die er rief, bannt er gelassen und in der Manier souveräner Chemielehrer zurück in den sprachlichen Experimentierkasten. Zumindest in dieser Hinsicht kann uns nichts mehr passieren, nachdem wir gesehen haben, was uns alles passieren könnte.

Nervenlauf. Die Tücke der Objekte.
Wien: Sonderzahl, 2007.
194 Seiten, broschiert.
ISBN 978-3-85449-268-9.

Verlagsseite mit Informationen über Buch und Autor

Rezension vom 19.07.2007

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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