#Prosa

Die Schrift.

Simon Sailer

// Rezension von Alexander Peer

Ich vermute, Umberto Eco hätte dieses Bändchen geliebt. Simon Sailer leistet in seinem zweiten Buch eine tragikomische Hommage an Zeichensysteme aller Art. Man muss jedoch kein Semiotiker sein, um diese Novelle zu entschlüsseln. Ein solcher kann man jedoch werden. Als Berufsleser neigt man dazu, Texten allgemein allerlei Anspielungen und unterlegte Bezüge zu attestieren. Bei Sailers „Die Schrift“ kann der verbildete Leser gleich mit dem Namen der Hauptfigur eine solche Vermutung wagen.

Dr. Leo Buri ist Ägyptologe und ein ausgewiesener Fachmann auf seinem Gebiet. Er scheint sogar eine Koryphäe zu sein. Doch bereits zu Beginn streut der personale Erzähler Zweifel am Status des Wissenschaftlers. In der nordischen Mythologie ist Búri der Stammvater aller Götter. Die sprachliche Herkunft ist das Urgermanische, wo buriz Sohn oder auch Geborener bedeutet. Am Ende der Novelle weiß der Lesende nicht, ob Dr. Leo Buri tot ist oder womöglich nie gelebt hat.

Schuld an dieser unglückseligen Entwicklung trägt eine Schrift, die Buri in die Hände gelangt. Geschickt nutzt Sailer die geheimnisvolle Aura, die dieses Manuskript ausstrahlt, um sukzessive eine Atmosphäre der Paranoia zu entwickeln und sein Erzählvorhaben mit kriminalistischer Raffinesse zu unterfüttern. Die Zugkraft dieser Entwicklung führt zu einer beispiellosen Auflösung der Hauptperson. Auf sozialer wie psychologischer Ebene verliert Buri mehr und mehr die Bezüge.
Dieser offensichtliche Gegensatz zur Kernaufgabe des Zeicheninterpreten, der eben Entschlüsselung und Orientierung schafft, erzeugt keinen geringen Lustgewinn beim Lesen. Sailer versteht es, mit wenigen starken Bildern die Hauptfigur zu skizzieren. „Oder er entdeckte etwas, das ihn sichtlich überraschte: einen Aschenbecher, in dem eine Zigarette abbrannte, deren aschene Spitze herunterhing wie der Stab eines Seiltänzers.“

Die Beobachtungsgabe und das Verbinden von Bedeutungen stellen zugleich Größe und Niedergang eines solchen Bewusstseins dar. Sailer übertreibt es aber nicht mit den Verweisen. Die Geschichte spult sich flott ab, ohne durch Überfrachtung zu erlahmen. Er streut wenige Kieselsteine aus. So fallen etwa die Namen der Künstler Marcel Broodthaers und Joseph Kosuth. Zweitgenannter wurde etwa durch die Arbeit „One and three chairs“ berühmt (1965). Dabei wurde plakativ die Trinität von Wort, Bild und dem Objekt selbst ins Verhältnis zueinander gesetzt. Einmal sitzt Buri im Zug eine Frau gegenüber, die „Tausend Plateaus“ liest. Jene Abhandlung von Deleuze und Guattari, durch welche der Begriff des Rhizoms geprägt wird. Eine These, wonach alles mit allem verbunden ist.
Für einen vom Verfolgungswahn Gepackten, zu dem Buri auch aus berechtigten Gründen mutiert, sind diese Zeichen geradezu Treibstoff für seine Interpretationen. Obwohl allem Anschein nach die ominöse Schrift die Ursache für die Zerrüttung des Protagonisten ist, hütet er sie wie seinen Augapfel. Gleichzeitig erlebt er Missgunst und Anfeindungen und flüchtet über England schließlich in die Weite der US-amerikanischen Midlands.

Eine spannende Lücke eröffnet die Erzählperspektive. Der personale Erzähler ist auf die zuweilen fragwürdigen Quellen des besten Freundes von Buri, Peter Kneiff, angewiesen. Dieser ist offenbar verstorben, ohne dass wir über die Gründe für dieses Ableben etwas erfahren. Durch die Erzählkonstruktion verbinden wir sein Sterben mit dem unheimlichen Schicksal Buris. Gleichzeitig ist der Erzähler in intimer Nähe zum Protagonisten, wodurch passagenweise eine Intensität entsteht, die meist nur ein Ich-Erzähler zu erzeugen vermag. Formal und inhaltlich gelangt Die Schrift zur überzeugenden Aussage, dass wahre Rätsel vor allem darin bestehen, dass wir sie nicht lösen können, dass wir aber zugleich in einem solchen stecken.

Das liebevoll gestaltete Buch beinhaltet grandiose Illustrationen von Jorghi Poll und animiert mit Symbolen am Beginn jeder Seite zu einem ganzheitlichen Betrachten von Zeichen und Zu-Bezeichnendem.

Erzählung.
Mit Illustrationen von Jorghi Poll.
Wien: Edition Atelier, 2020.
120 S.; geb.
ISBN 978-3-99065-039-4.

Rezension vom 07.09.2020

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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