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Die Schmerzmacherin

Marlene Streeruwitz

// Rezension von Martina Wunderer

Amalie Schreiber. Mali. Codename Amy. Ein ungewolltes Kind, die Mutter drogensüchtig, der Vater unbekannt. Gleich nach der Geburt war sie zur Adoption freigegeben worden. Und doch kommt sie nicht von ihnen los, „immer war etwas aufgetaucht“ aus ihrem „ungenauen Leben“, aus der beschädigten Vergangenheit ihrer Familie. „Die Familie. Die Großmutter. Die Großtante. Ihre leibliche Mutter.“ Aneinander gekettet in einer Erbengemeinschaft, es geht um viel Geld in dem millionenschweren Restitutionsprozess gegen den österreichischen Staat. Ihre Zieheltern, die Schottolas, hatten ihr helfen wollen, sie hatten ihr ein geordnetes Leben geboten, ein „übersichtliches Leben“. Von ihnen hatte sie Wärme, Zuneigung,

Mitmenschlichkeit gelernt. Regungen, die in ihrer Ausbildung zur Sicherheitsfachperson jedoch nicht erwünscht sind. Emotionen stellen ein Risiko dar. „Man würde dann annehmen, dass sie nicht vollkommen über die Ausbildung definiert war und deswegen ein Unsicherheitsfaktor. (…) Eine Person, die lächelte. (…) Die traf eigene Entscheidungen, und man musste misstrauisch sein. Verrat. Es ging ja nicht darum, den Job zu machen. Es ging immer nur darum, wer, und wann, zum Verrat fähig sein könnte.“

Das Szenario, das Marlene Streeruwitz in ihrem meisterhaften, für den Deutschen Buchpreis nominierten neuen Roman Die Schmerzmacherin entwirft, ist geprägt von allgegenwärtiger Bedrohung, Angst und Misstrauen. Die Grenzen zwischen Simulation und Wirklichkeit verschwimmen zunehmend, Amy vermag nicht mehr zu sagen, ist es noch Spiel, zu Trainingszwecken, oder ist es schon blutiger Ernst. Was ist real? Was kann sie glauben? Und wer ist sie selbst? Das beunruhigende Gefühl ihrer Hilflosigkeit angesichts des zunehmenden Kontrollverlustes über ihr eigenes Schicksal und in letzter Konsequenz über ihren eigenen Körper – sie wird vergewaltigt, während sie bewusstlos ist – versucht Amy mit Wodka zu betäuben.

In betrunkenem Zustand erfindet sie einen abenteuerlichen Schneewittchen-Plot, in dem sie die Hauptrolle spielt: „Sollte sie beseitigt werden. Es war eindeutig. Es war klar. Es war logisch. Sie sollte hier verschwinden. Sie war von der Marina hierherversetzt worden, um nie wieder zurückzukommen. Einen Augenblick. Die Ironie. Weil die Wiedergutmachung plötzlich und dieses Bild ausgelöst werden hatte müssen und sie nun alle reich geworden waren. (…) Wie hatte sie das nicht begreifen können. Gregory war ihr Mörder. Gregory sollte sie beseitigen, und die ganze Geheimhaltung war nicht wegen der Agentur und wegen des Jobs, sondern nur, damit sie verschwinden sollte.“

Diese Verschwörungstheorie bietet eine scheinbar logische Begründung für die bedrohlichen Ereignisse – der Gedächntisverlust, der schwere Unfall ihres Freundes Gino, dem die Knie zertrümmert wurden, die Fehlgeburt -, deren kausale Zusammenhänge Amy nicht mehr zu durchschauen vermag und die vielleicht überhaupt nicht gegeben sind. Die beklemmende Unsicherheit darüber erfasst auch den Leser, da der Roman konsequent aus Amys Perspektive erzählt wird. Immer engmaschiger scheint das Netz aus Bedrohungen um sie zu werden, Gefahren drohen von allen Seiten.

Streeruwitz evoziert auf eindringliche Weise ein Klima der Angst, das seinen Nährboden in der grundlegenden ideologischen und politisch-ökonomischen Verunsicherung unserer Gegenwart hat. Sie zeigt, was geschieht, wenn sich das staatliche Gewaltmonopol auflöst und sich in die Hände privater Sicherheitsunternehmen begibt. Zitiert wird der Jargon der Post-9/11-Jahre: Einsatz im Kriegsgebiet, Waffengebrauch, Objektsicherung, Gefängniskomplex, Intensivbefragung, Überwachung, Sicherheitspraxis. Das Geschäft mit der Angst ist millionenschwer. „2.000 private Firmen ziehen inzwischen mit in den US-Krieg gegen den Terror. Eine gefährliche Entwicklung“, schreibt Thorsten Schröder auf Zeit online, denn „Fehlverhalten und Missbrauch sind dabei gang und gäbe“, die Täter nur schwer zur Verantwortung zu ziehen. Streeruwitz beschreibt die Folgen einer solchen Entwicklung für die Freiheit des Individuums am Beispiel von Amy, die sich der drohenden Gewalt und Willkür hilflos ausgeliefert fühlt: „Wenn es keine Kameras gab. Keine Spiegelwand zum Durchschauen. Kein Fenster. Dann sah das niemand. Dann waren sie unbeobachtet. Dann waren sie allein.“

Doch Amy setzt sich zur Wehr. „Sex?“ fragt sie ihren Trainingspartner während einer brutalen Verhörübung und bringt ihn damit völlig aus dem Konzept: „Vielleicht doch Sex? Aber das ist doch das Einfachste von der Welt. Das machen wir ganz einfach. Da müssen Sie doch nur fragen.“ Indem sie Sex als weiblichen Machtgewinn betrachtet, scheint Amy zunächst den Zuschreibungen ihres – männlichen – Vorgesetzten gerecht zu werden. „Beauty is a weapon like any other device and we are in need of all possible devices and therefore we need Amy“, begründet Gregory ihre Rekrutierung. Damit legt er Amy auf das klassische Rollenbild der jungen Frau im Actionkino fest, er definiert sie als Objekt männlicher Begierde. Streeruwitz wäre aber nicht Streeruwitz, wenn sie diese Zurichtung ihrer weiblichen Hauptfigur einfach so hinnehmen würde. Stattdessen reagiert sie darauf mit dem Versuch, „den Bogen dieser (patriarchalen) Geschichte zu zerschlagen und aus den Bruchstücken eine eigene zu formen. Eine andere.“ Deshalb zerhackt sie den Redefluss und zersplittert die Sprache, um ein weibliches Sprechen zu ermöglichen. Dessen Modus ist die erlebte Rede, hier kommt Amy im Rahmen ihres Bewusstseins zur Sprache und schafft sich einen Ort des Subjektiven, „an dem es nicht flüchtig sich verliert“, einen Ort der Selbstvergewisserung. Auch ihre insistierende Suche nach kausalen Zusammenhängen, Erklärungen und handfesten Beweisen ist eine solche Bastion der Selbstvergewisserung und -behauptung. Mit der Gewissheit, wer der Vergewaltiger ist, gewinnt Amy wenigstens ein Stück weit Kontrolle und Souveränität zurück.

Doch dann schreibt Streeruwitz einen Satz, der all das wieder zunichte macht: „Sie hatte Allmachtsphantasien, damit sie nicht zugeben musste, wie man an ihr gehandelt hatte.“ Er macht schmerzhaft deutlich, dass Amy eines nicht zurückgewinnen kann: die Unversehrtheit ihres leiblichen Körpers.

Die Schmerzmacherin.
Roman.
Frankfurt am Main: S. Fischer, 2011.
400 Seiten, gebunden.
ISBN 978-3-10-074437-1.

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Rezension vom 18.10.2011

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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