#Roman

Die Nachricht

Doris Knecht

// Rezension von Veronika Hofeneder

Ruth Ziegler, erfolgreiche Drehbuchautorin und nach dem Unfalltod ihres Mannes Alleinerzieherin zweier halberwachsener Söhne, ist eine selbstbewusste und toughe Frau, die ihr Leben fest im Griff hat. Erschüttert wird dieses erst, als sie eines Septembernachmittags eine anonyme Facebook-Nachricht erhält, in der von einer Affäre ihres verstorbenen Ehemannes die Rede ist.

Zunächst misst Ruth der Nachricht nicht viel Bedeutung bei; als engagierte Feministin und ehemalige Moderatorin eines Kunstmagazins ist sie schon öfters mit Hass und Gewalt gegen Frauen – vor allem gegen jene, die in der Öffentlichkeit stehen – konfrontiert gewesen und hat gelernt, derartige Beschimpfungen und Drohungen zu ignorieren und nicht an sich herankommen zu lassen: „Es gehörte eben dazu, wenn man eine Frau war, und wenn man sich zur Wehr setzte, wurde es nur schlimmer; nicht für die Männer, gegen die man sich wehrte, sondern für die Frauen, die es wagten. Ich war es gewohnt. Ich nahm es nicht ernst.“ (12)

Doch es bleibt nicht bei der einen Nachricht, es werden immer mehr, sie kommen immer öfter und werden auch an Ruths Freund:innen, Kolleg:innen und Auftraggeber:innen verschickt. Die Absender sind Messenger-Accounts mit fiktiven Männer- oder Frauennamen, die gleich wieder gelöscht werden und daher nicht rückverfolgt werden können. Zusätzlich ereignen sich merkwürdige Vorfälle, wie auf einmal offene/zu schließen vergessene Türen oder unheimliche Begegnungen beim Joggen im Wald, die zusätzlich an Ruths Selbstsicherheit rühren. Bald formieren sich in Gesprächen mit Freund:innen unterschiedlichste Verdächtigungen, wer die Nachrichten versendet haben könnte (manche vermuten sogar Ruth selbst als die Urheberin); ihr On-/Off-Liebhaber Simon, von Berufs wegen Psychotherapeut, steht ihr außerdem mit fachlichem Rat zur Bewältigung der Situation zur Seite. Die Beziehung zu Simon erweist sich allerdings immer mehr als toxisch, sodass sich Ruth zunehmend auf sich allein gestellt sieht.

Doris Knecht verzichtet in ihrem brandaktuellen und erschreckend realistisch anmutenden Roman auf eindimensionale Schwarz-Weiß-Zeichnungen, vielmehr setzt sie auf Vielschichtigkeit und Heterogenität. So wird Ruths radikaler feministischer Position die Einstellung ihrer Stieftochter Sophie gegenübergestellt, die nach einer Vergewaltigung nicht als Opfer wahrgenommen werden will und diese nicht anzeigt, dafür den fragwürdigen Umgang der Gesellschaft mit der Wahrheit anprangert: „Es war defensiv, und es war nicht, was man von Frauen in unserer Gesellschaft erwartete. […] Es war fraglich und zu unsicher, ob die Gesellschaft sie beschützen würde, es war ein Risiko, das sie nicht eingehen wollte, in dieser Zeit, in der es nicht darauf ankam, ob etwas wahr war, sondern darauf, wer es glaubte und wie viele. Sie rettete sich und ihr Kind, das war ihre Entscheidung.“ (156)

Ebenso legt Knecht die Mechanismen der Täter-Opfer-Umkehr offen, wie sie im Fall von frauenfeindlichen Angriffen und Verbrechen an der Tagesordnung sind. Mechanismen, die auch Ruth zu spüren bekommt: „Zu selbstbewusst, zu wenig Demut, zu wenig Witwe. Würdest du richtig leben, dann würdest du auch nicht bestraft, dann müsstest du auch nicht büßen, das war es, was Sebastian sagen wollte.“ (130)

Und genauso ist Ruths Position als unabhängige und eigenständige Frau keine, die ihr immer leichtgefallen ist, geschweige denn von allen akzeptiert wurde. Obwohl in ihrer Ehe ein Einverständnis über das Aufteilen von Hausarbeit und Kindererziehung herrscht, nimmt der Handwerker Ludwig Ruths Arbeit als Drehbuchautorin nicht für voll und hat kein Verständnis dafür, dass sie nicht bereit ist, eine Koch- oder Putzpause vom Schreiben zu machen, wenn sie ohnehin schon praktischerweise zu Hause arbeitet. Dass ihre Tätigkeit einen wesentlichen Teil zum Familieneinkommen beiträgt, scheint seine Wertschätzung auch nicht zu steigern: „Mein Schreiben war für ihn keine Kunst, aber meistens bekam ich dafür mehr Geld, als er mit seinen Holzeinbauten verdiente.“ (108) Genauso genießt sie zwar ihre aktuelle Situation als ungebundene Singlefrau (und wettert dementsprechend gegen den sozialen Beziehungszwang), der Preis für ihre Unabhängigkeit ist aber das Alleinsein, denn auch die Eigenverantwortlichkeit ist nicht immer eitel Wonne: „Nur ich war da, die Frau, die mühevoll gelernt hatte, Dinge selbst zu tun, die vorher ein anderer erledigt hatte. Jetzt stand die Frau mitten in dieser Unordnung, die die Natur zur Unzeit angerichtet hatte.“ (24)

Knechts Protagonistin ist durchwegs glaubwürdig in ihren Nöten und Ambitionen, erschreckend ist ihr Befund, wie omnipräsent und toleriert Frauenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft ist und wie machtlos man dieser – sei es als direkt Betroffene oder engagierte Aktivistin – oftmals gegenübersteht. Dass diese Machtlosigkeit aber kein Zeichen von Schwäche ist und dass es nicht den einen richtigen Weg gibt, sondern viele verschiedene Möglichkeiten, gegen Hass und Gewalt anzukämpfen, zeigt Doris Knecht mit diesem brisanten und gesellschaftlich relevanten Roman.

Doris Knecht Die Nachricht
Roman.
Berlin: Hanser Berlin, 2021.
256 S.; geb.
ISBN 978-3-446-27103-6.

Rezension vom 01.09.2021

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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