#Prosa

Die Leere des Himmels und der Erde.

Heinz Kröpfl

// Rezension von Peter Reutterer

Deus occultatus

In unserer Zeit eine Parabel zu lesen, ist etwas Ungewöhnliches. Der in St. Michael in der Steiermark lebende Autor Heinz Kröpfl hat es trotzdem gewagt, die Frage nach Gott auch für unsere Zeit neu zu stellen. In einem Dialog zwischen einer kritischen jüngeren Frau (Ärztin oder Patientin bleibt vorerst unklar) und einem alten Patienten namens Deus entspinnen sich Streitgespräche über Gott und die Welt.

Bezeichnenderweise finden diese auf dem Gelände einer Nervenheilanstalt statt, wohl ein Hinweis auf den Zustand unserer Welt. Herr Deus vertritt dabei die Partei Gottes (vielleicht ist er es selbst) und versucht der doch recht verstörten Frau (später erfährt man von traumatischen Ereignissen in ihrer Biographie) Hilfestellungen zu geben. „Ohne Glauben…ist nichts“, beginnt er mit dem Grundsätzlichen (27). Offensichtlich ist Herr Deus derjenige, der zu gern der Frau aus ihrer Verwirrung und Haltlosigkeit helfen würde. Für eine der schönsten Stellen im Buch halte ich den therapeutischen Ansatz, über das Wasser zu meditieren. „Wenn man lange genug wartet, sieht man den Grund aller Dinge“ (19). Außerdem steht Wasser für Wandlung und auch Selbsterkenntnis.

Notwendigerweise – wie oft in der Philosophiegeschichte und der Theologie – wird das Problem der Theodizee von der kritischen Frau aufgeworfen, die sich weder von ihren Traumata noch von ihrer „Verwirrung“ (sie weiß nicht, was sie eigentlich hier in der Nervenheilanstalt soll, auch nicht woher und wohin) befreien kann. Ein gütiger Gott und das Böse sind für uns nicht gleichzeitig ausdenkbar. Diese melancholische Seite des sehr präzisen Textes – über weite Passagen ein philosophischer Dialog – erinnert mich in seiner Kompromisslosigkeit an Lars von Triers „Melancholia“. Wenn die Erde aufgehört hat zu rotieren, wird der Mensch „schon lange an sich selber zu Grunde gegangen“ (95) sein. Also Hoffnungslosigkeit, die Herr Deus eingestehen muss. Aus der Außenansicht der materiellen Gegebenheiten, der Entwicklung des Weltalls gibt es keine Rettung.

In der Schlussszene der Erzählung wird der kritischen Frau, die nun wieder eindeutig als Ärztin agiert, die Schuld am Tod von Herrn Deus zugeschrieben. Für mich lesen sich die Schlusssätze wie eine Ermunterung, nicht aufzugeben. Die Verantwortung liegt beim menschlichen Individuum. Es scheint so, als hätte die Frau den Tod Gottes verhindern können. Natürlich kann man das uns verborgene Göttliche nicht „ausdenken“, der alte Jammer aller Theologien und vielleicht der Fehler seitens der Frau, zu kritisch an Herrn Deus herangetreten zu sein. „Was hatte sie getan“, heißt der Schlusssatz. (S.105). Gott bleibt verborgen, Deus occultatus. Aber existiert er deshalb nicht oder ahnen wir doch immer wieder Göttliches?

Heinz Kröpfl arbeitet sich in beeindruckender Redlichkeit an den großen Fragen menschlicher Existenz ab. Das hat er auch in seinen bisherigen fünfzehn Publikationen bereits bewiesen. Die sprachliche Präzision bei diesem sperrigen Thema beeindruckt. Und natürlich endet eine heutige Parabel in einer ungelösten Frage. Aber gerade die Redlichkeit der Bemühung verweist auf eine leise Hoffnung, die sich vielleicht aus einem größeren Du nährt.

Erzählung.
Wien, Gosau: Arovell Verlag, 2020.
106 S.; brosch.
ISBN 978-3-903189-41-6.

Rezension vom 18.03.2021

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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