#Roman
#Debüt

Die Krokodilsdame

Ernst Molden

// Rezension von Anne M. Zauner

Ernst Molden entwirft in seinem Roman Die Krokodilsdame eine modische Jahrtausend-Endzeitstimmung, die er am Ende stilgerecht in ein Flammeninferno aufgehen läßt. Seine Figuren sind Gestrandete, sie sind voll Lebensüberdruß, ohne Konturen. Nur selten bekommen sie einen eigenen Namen. Meist werden sie einfach mit einem Schlagwort gekennzeichnet – der Teufel, die Hexe oder die Krokodilsdame. Ihr Leben ist ohne Zentrum, die Frage nach einem Sinn wäre vergebens.
Ernst Molden füllt ihre Leere mit sexuellen Obsessionen aus. Beischlafszenarien durchziehen als roter Faden das Buch. Der Autor läßt kaum eine Variation zum Thema aus, kaum eine einschlägige Vokabel ungenutzt und kommt auch nicht umhin, sich zu wiederholen.

Spinne im Netz ist die Titelfigur, die ungeheuer reiche und dekadente Amerikanerin Kelly Lieblich alias die Krokodilsdame, eine rastlose, zerstörerische Femme fatale. Wer immer ihren Weg kreuzt, Mann oder Frau, wird von ihrem blassen Blick magisch angezogen und schließlich zerstört. Ihre Opfer fühlen zwar die Bedrohung, sie werden unruhig und unglücklich, können sich aber trotzdem nicht aus dem hypnotischen Bannstrahl lösen.

Doch dann passiert das Unerhörte: Die Krokodilsdame verliebt sich. Egidio, der Geliebte, fast noch ein Knabe, ist Hilfsstewart auf einem Luxusschiff; die beiden verbringen einige Nächte miteinander; soweit wäre noch alles in Ordnung. Doch plötzlich und ziemlich unmotiviert entdecken Kelly und Egidio, daß sie ohne einander nicht mehr sein wollen. Bevor sie jedoch ihr Leben gemeinsam verbringen können, müssen sie „gleich und gleich“ werden. Mit leidenschaftlicher Endgültigkeit plant also die Krokodilsdame, Abschied von ihrem bisherigen Luxusleben zu nehmen; sie will mit einer einzigen großartigen Geste ihr Milliardenvermögen verschenken. Während sie ihren Verzicht in die Wege leitet, wird Egidio von einem dubiosen, sadistischen Amerikaner, der auch aus nicht näher beschriebenen Gründen hinter Kelly Lieblich her ist, gefaßt, grausam gefoltert und an Leib und Seele gebrochen …

Der letzte Akt findet in Wien statt. Anstelle eines Neubeginns für die Liebenden kommt es zu einem orgiastischen Showdown, einer Massenkopulation aller Beteiligten, die ihren Höhepunkt in einem alles vernichtenden Flammenmeer findet. Damit hat Ernst Molden seine ausufernde Fantasie schließlich erschöpft, und er entläßt den Leser wieder ins wirkliche Leben.

Ernst Molden Die Krokodilsdame
Roman.
München: Knaus, 1997.
319 S.; geb.
ISBN 3-8135-0041-1.

Rezension vom 15.12.1997

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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