#Prosa

Die Kinder des Randars

Leopold Kompert

// Rezension von Eva Reichmann

Der Alekto-Verlag hat in der Reihe Mnemosyne schon einige interessante Bücher herausgebracht, die sich vor allem mit jüdischen Themen beschäftigen. Mit der Einzelausgabe von Leopold Komperts Die Kinder des Randars ist ein weiterer wertvoller Beitrag hinzugekommen.

Leopold Kompert (1822-1886) wurde als Autor durch seine Ghettogeschichten bekannt. Mit den Ghettogeschichten schuf er so etwas wie eine neue literatische Form, welche auf so großes Interesse stieß, daß sie auch in andere europäische Sprachen übersetzt wurden.
Das Gesamtwerk Komperts ist derzeit nur in einer Ausgabe von 1906 zugänglich. Während zu anderen Autoren neue kommentierte Gesamtausgaben erscheinen, gibt es Komperts Werke nur in verschiedenen aktuellen Auswahlausgaben aus den 80er und 90er Jahren. Der Herausgeber von „Kinder des Randars“, Primus-Heinz Kucher, fügt diesen Büchern eine weitere Einzelausgabe hinzu, um diesen Autor vor dem Vergessen zu bewahren.

Leopold Kompert beschreibt in der vorliegenden Sammlung von kleinen Erzählungen lebendig und authentisch das Leben in den böhmisch-jüdischen Ghettos und Dörfern. Komperts Anspruch, Unterhaltung mit Belehrung, sozialpolitische Aspekte mit ästhetischen Gestaltungsmaximen zu verbinden, wird zum Großteil erfüllt. Die Erzählungen beschwören nicht eine heile Welt, sind nicht romantisch-verklärend, sondern thematisieren alle Brüche in der Sinnfindung seiner Zeit. Die Aufeinanderfolge der Erzählungen ist nicht beliebig, sondern ergibt einen fortlaufenden Text, welcher sich um die Geschichte Honzas, Moischeles und Mendels, dreier Randars-Kinder, rankt. Vom alltäglichen Leben ausgehend thematisiert Kompert treffend die Problematik nationaler und religiöser Zugehörigkeit, die Sehnsucht nach einem visionären Jerusalem und die Diskrepanz zwischen jüdischen und böhmischen Emanzipationsbestrebungen im Böhmen des 19. Jahrhunderts.

Der Band ist mit einem sehr fundierten und kompetenten Nachwort und Glossar versehen, welches dem Leser hilft, den zeitlichen Abstand zu Komperts Welt mühelos zu überbrücken. Schade ist nur, daß das Material des Buches im – wörtlichen Sinne – nicht der Brillanz seines Inhaltes entspricht: die billige Bindung läßt den Text schnell zerfleddern, was sehr ärgerlich ist. Komperts Geschichten und Kuchers Nachwort werden inhaltlich die Zeit überdauern – das Buch selbst zerfällt leider nach der ersten Lektüre. Der Alekto-Verlag sollte mehr Geld in diese zweifellos wertvolle Reihe investieren.

Leopold Kompert Die Kinder des Randars
Erzählungen.
Hg.: Primus-Heinz Kucher.
Klagenfurt: Alekto, 1998.
148 S.; brosch.
ISBN 3-900743-65-7.

Rezension vom 14.12.1998

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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