#Roman

Die irische Geliebte.

Gabriel Loidolt

// Rezension von Helmut Sturm

Der Kinofilm nach Gabriel Loidolts letztem Roman „Hurensohn“ wurde mehrfach ausgezeichnet. Das neue Buch des Autors ist ein kurzer Roman, den der Ich-Erzähler auf der letzten Seite seiner Erzählung als „ein schriftliches Vermächtnis wie ein Liebesdenkmal, ein kleiner Palast am Ufer eines Flusses in der Hitze eines fernen Landes“ charakterisiert. Der Kritiker gibt zu, dass damit das Bändchen recht treffend beschrieben ist. Es enthält die Geschichte einer unerfüllt bleibenden Liebe eines österreichischen Physik-Dozenten zu einer verheirateten, später geschiedenen irischen Literaturwissenschafterin. Die wichtigsten Schauplätze sind das irische Bentham College und Graz.

Die erste Anstellung nach dem Studium am Physics Department in Claire löst in dem Mann vom Kontinent, „der keiner Religion angehörte“, einen Kulturschock aus. In der von den Patres der Irish Missionary beherrschten Welt bleibt er ein Fremder, der dem Geist der Pinguine, „wie man die Priester und Nonnen scherzhaft nannte“, zunächst verwundert gegenübersteht und schließlich an dessen restriktiver Moral leidet. Er verliebt sich in Laura, Dozentin am English-Department, und kommt dabei in Konflikt m it dem rigorosen Moralkodex des Gastlandes. Während ihm gesellschaftliche Tabus anscheinend unbekannt sind, unterliegt ihnen Laura nicht bloß in der von den Pinguinen bestimmten Umgebung des Colleges, sondern selbst in der Millionenstadt Dublin: „Selbst auf der O’Conell Street wies mich Laura ängstlich zurück, wenn ich ihr auch nur einen flüchtigen Kuß auf die Wange drücken wollte. ‚Please don’t touch me, we could be observed!'“

Nicht überraschend veranlasst die Erfahrung einer tabuisierten Erotik den jungen Mann zu einem harschen Urteil über die Irish Missionary und das ganze erzkatholische Irland. Er spricht dem Land jede Begabung „für bestimmte Angelegenheiten zwischen Mann und Frau“ ab und hält sie wütend-drastisch für so wenig „europäisch wie moslemische Gastarbeiter aus Anatolien bei mir zu Hause“. Die Beziehung darf also nicht sein und kann dem gesellschaftlichen Druck nicht entkommen. Beinahe sind die Unnahbare und ihre Tochter vergessen, als Jahre später – aus dem armen Irland ist ein moderner Staaat geworden, Laura geschieden und frei – sich das Paar in Graz wieder begegnet. Die Geliebte entzieht sich aber neuerdings. Dem mittlerweile zum Schriftsteller gewordenen Physiker bleibt so nichts anderes übrig, als sterbenskrank (richtig: ein Herzfehler!) uns dieses Denkmal einer Liebe zweier Menschen aus verschiedenen Kulturen niederzuschreiben.

Das Buch berichtet aus der Sicht des Mannes, der den „Muff unter den Talaren“ längst gelüftet hat. Loidolt gelingt es trotz der Tendenz zum Plakativen überzeugend, die Gefühlslage, das Denken und den Frust des Antagonisten authentisch für Leserin und Leser darzustellen. Vielleicht ist das Buch, das erneut eine spannende Filmvorlage abgäbe, im Umfang etwas zu schmal, der epische Atem zu kurz, als dass auch die Welt Lauras gleichermaßen verständlich würde. Immerhin ist das Thema einer Begegnung von Menschen aus Kulturen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit der Säkularisierung ein höchst aktuelles, zumal diese Problematik heute in vielen Einwanderungsländern besteht.
Darüberhinaus gelingt es dem 1953 in Graz geborenen Autor ausgezeichnet, eine Sinnlichkeit zu generieren, deren Geheimnis und Spannung nicht verloren gehen. Schade, dass das Buch so schnell ausgelesen ist.

Roman.
Leipzig: Reclam Verlag, 2005.
125 S.; geb.
ISBN 3-379-00853-2.

Rezension vom 12.09.2005

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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