#Sachbuch

Die Imagination des Weiblichen.

Ester Saletta

// Rezension von Reinhard Urbach

Schnitzlers Fräulein Else in der österreichischen Literatur der Zwischenkriegszeit.
Wien, Köln, Weimar: Böhlau Verlag. 2006.
220 S.; geb.; Eur 29,90 (A).
ISBN 3-205-7777456-6.

Meinungsjournalismus ist eine seit langem eingeführte Disziplin und bezeichnet den Verzicht auf Beschreibung oder Analyse eines vertrauten Sachverhalts zugunsten der subjektiv eingefärbten Ansicht eines Autorität beanspruchenden Autors.
In der wissenschaftlichen Forschung hat sich Meinungswiedergabe erst in jüngerer Zeit etabliert. Durch Jahrhunderte war solcher Opinionismus in der Wissenschaft verpönt. „Ich“ zu sagen, war nahezu verboten, allenfalls durfte sich der Autor als Teil eines „Wir“ einbringen, das die Community der Forschenden suggerierte.
Ester Saletta geht mit ihrer Arbeit über „Imagination des Weiblichen“, mit der sie 2004 von der Wiener Universität promoviert wurde, noch einen Schritt weiter. Sie gibt nicht nur ihre Meinung über ausgewählte erzählende Werke der Zwischenkriegszeit wieder, sondern schreibt die Texte weitgehend um, dergestalt die verborgenen Absichten des Autors, in diesem Fall diejenigen, die Arthur Schnitzler mit „Fräulein Else“ verfolgte, deutlich machend.

Saletta räumt auch mit bisher scheinbar verbürgten historischen Fakten auf. Karl Lueger, der bisher als 1910 verstorben galt, treibt bei ihr noch in der Ersten Republik sein Unwesen: „In dem politischen Panorama der Zwischenkriegszeit ergriff Lueger die Partei der Kleinbürger und grenzte sich sowohl von den Kapitalisten als auch von den Proletariern ab.“ (S. 31) Der 1924 erschienene und zu Recht übel beleumundete Roman Karl Paumgarttens, den sie aus der Sekundärliteratur zitiert, trägt den mundartlich formulierten Titel „Repablick“. Zum besseren Verständnis ändert ihn Saletta in das politisch korrekte „Republik“ (S. 33). Die Werke von Gina Kaus sind 1933 in Berlin öffentlich verbrannt worden. Saletta weiß das (S. 198), findet es aber passender, die Bücherverbrennung ins Jahr des Anschlusses, 1938, zu verlegen (S. 188).

Aber Saletta korrigiert nicht nur die Fakten, sie hat auch eine These. Sie unterscheidet zwischen Weiblichkeit, wie sie sich die Männer in ihrer verbohrten Obsession imaginieren, und der Darstellung durch Frauen, die sie so beschreiben, wie sie wirklich sind. Das ist der Fall in der Trivialliteratur, die hauptsächlich von Frauen für Frauen geschrieben wird, denn zur sogenannten „Hochliteratur“ sind Frauen nicht zugelassen. „Was in der Trivialliteratur augenfällig ist, ist die Authentizität der Beschreibung der weiblichen Physis. Die Frau ist in ihrer Körperlichkeit Spiegelung einer durchschnittlichen Frau des Alltags. Auch die Sachlichkeit der landschaftlichen Darstellungen verleiht der Konstruktion der Weiblichkeit zudem Greifbarkeit und Realität. Gänzlich anders ist die Darstellung der Weiblichkeit in der ‚Hochliteratur‘, z. B. bei Schnitzler oder Musil, wobei das Konzept der Weiblichkeit zudem der Atmosphäre der Imagination, der männlichen Projektion und des künstlichen Amphitryonismus vorgestellt wird. Kurz: Die Frau bleibt in der ‚Hochliteratur“ noch Spiegelung einer männlich bestimmten Stimmung und Weltanschauung.“ (S. 9)

Ein Kriterium des Opinionismus ist, dass man jederzeit in der Lage ist, seine Meinung zu ändern. So revidiert Saletta ihre gute Meinung von der Trivialliteratur, die sie zu Beginn ihrer Studie dekretiert hatte und kommt zu einem anderen Schluss in der Beurteilung der Romane von Gina Kaus: „Die innovative Beschreibung der weiblichen Gestalt, die vor dem zeithistorischen Hintergrund dargestellt wird, betont nicht nur die Frau als eine reale, lebendige und konkrete Figur – nicht mehr als Bild der Imagination -, sondern weist auch darauf hin, dass die klischeehafte Weiblichkeitsdarstellung endgültig überholt ist. Definiert man Trivialliteratur als klischeehaft und kitschig, darf man die Romane von Gina Kaus nicht zu dieser Gruppe zählen. Zwar zielen ihre Werke in erster Linie auf Unterhaltung ab, doch sind sie nicht ‚trivial‘ im Sinne von banal oder minderwertig.“ (S. 174) Sie braucht keine weiteren Beispiele für die schlüssige Überzeugung: „Die Unterhaltungsromane weiblicher Autoren der Zwischenkriegszeit sind banal, alltäglich und realistisch, aber sicher nicht trivial.“ (S.175) Das lässt sich auch an der Meinung über die vertrackten Beweggründe der real weiblichen Figuren von Gina Kaus festmachen, die feministisch gesonnenen Leserinnen als Lebenshilfe dienen mögen: „Da ist die emanzipierte, skrupellose, moderne Frau, die immer bereit ist, einen reichen älteren Mann zu verführen, wenn es der Sache der Frauenemanzipation dient.“ (S. 199)

Saletta überrascht immer wieder mit syntaktischen Volten, deren Ungewöhnlichkeit freudiges Erstaunen auslöst: „Das erinnert an den Mythos von Androgyn denken“ (S. 55). Das Lesevergnügen hält über die Vergleiche des „Fräulein Else“ mit Erzählungen von Robert Musil und Franz Werfel, Romanen von Hugo Bettauer, Felix Dörmann und Gina Kaus hinaus bis zum letzten Satz an, der Melanie gehört, dem „Teufel in Seide“, die ihre Vorbildfunktion für alle Leserinnen demonstriert, indem sie „nicht nur ihren Körper, sondern auch ihren Kopf einsetzt, um ihre Ziele zu erreichen.“ (S. 207)

Die Akademiker, bei denen sich Saletta für Betreuung und begleitende Lektüre artig bedankt, trüben den Meinungsverlauf nicht durch störende Einflussnahme. Sogar noch im Literaturverzeichnis werden wir belehrt. Wir erfahren, dass Elias Canetti seine Autobiographie „Die Fackel im Ohr“ im zarten Alter von fünfzehn Jahren verfasst haben dürfte; dass die Romane von Gina Kaus im Albrecht Knaus Verlag, der 1978 gegründet wurde, bereits in den zwanziger und dreißiger Jahren erschienen sind; die Aussagen der Autorin der Arbeit „Böser Dinge hübsche Formel“ kamen Saletta offenbar allzu maskulin imaginiert vor, so dass sie kurzerhand den Vornamen von Ursula Keller in Ulrich änderte.

Dem Verlag ist zu danken, dass er seinem Lektorat Eingriffe selbst ins Register verwehrt hat. Rezensent, der sich schmeicheln darf, von der Autorin – wenn auch nur geringfügig verändert – zitiert worden zu sein, ist im Register brauchbar versteckt, kommt unter seinem Vornamen vor, gleich hinter „Reinhard, Max“, aber noch vor „Schankal, Richard“ und „Wedekind, Franz“. Das sind keine Druckfehler – so viele könnte es im Erzeugnis eines anerkannten Wissenschaftsverlags gar nicht geben – das hat Methode. Die Autorin war bestrebt, mit jedem ihrer Sätze ihre Meinung zu Wirklichkeit und Literatur zur Kenntlichkeit zu entstellen. Gegenwärtig, so heißt es, bildet sich die Autorin eine Meinung über Friedrich Hebbel. Man darf gespannt sein.

Reinhard Urbach
6. September 2006

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Rezension vom 06.09.2006

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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