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Die Hyazinthenstimme

Daria Wilke

// Rezension von Ursula Ebel

Der Albtraum eines Kastraten

Daria Wilkes Romandebut in deutscher Sprache löst Unbehagen aus. Es handelt von Menschen, die gleich Amphibien übergroße unbehaarte Körper haben, in einem verwunschenen Barockschloss in einer fiktiven Gegenwart in der Steiermark leben und den Machtgelüsten und -phantasien des Schlossherren, schlüssigerweise schlicht ‚der Zar‘ genannt, beinahe hilflos ausgeliefert sind.

Auf dem in einem dichten Laubwald gut versteckten Schloss Settecento in der Nähe von Bad Bleibenberg in der Steiermark wohnen bis auf eine Ausnahme ausschließlich Männer. Ihre einst männlichen Körper zeichnen sich durch besondere Merkmale aus, wie durch Mädchenmünder und kleine Penisse. Auf Außenstehende wirkt das Anwesen verwunschen, Pfaue spazieren durch den Garten. Im Dorf wird gemunkelt, dass etwas in dem Haus und mit seinen Bewohnern nicht stimme. Sollten WandererInnen oder Kinder zufällig an diesem Ort vorbeikommen, würden sie die aus dem Haus dringenden Stimmen zweifelsohne in den Bann ziehen: „Aus den Schlossfenstern fließen Stimmen ohne Geschlecht und Alter, sie klingen überirdisch und unwirklich. Die Stimmen sind seltsam: Singt das ein Kind, ein Erwachsener? Ein Mann, eine Frau?“ Die Stimmen sind aus der Zeit gefallen und somit für das zeitgenössische Ohr nicht einordenbar, denn sie stammen von Kastraten. Von einem windigen Partner des Zaren werden Burschen mit den „besten Stimmen“ ihren oftmals aus Osteuropa stammenden, armen Eltern abgekauft und auf das Schloss gebracht. Dort werden sie von den zahlreichen Kunstschätzen und dem wunderlich-schönen Alltag im Barockschloss regelrecht in den Bann gezogen, es wird gemeinsam gegessen, geprobt und die geheimnisvolle Historie erfolgreicher Kastraten studiert. Das Anwesen und sein Zauber erscheinen wie Harry Potters ‚Hogwarts School of Witchcraft and Wizardry‘ in Miniatur. Doch in der steirischen Version regieren die dunklen Künste. Beeinflusst vom Reichtum und Komfort ihres neuen Lebens stimmen die Burschen einer Kastration bereitwillig zu und fungieren fortan als nahezu willenlose Spielfiguren des Zaren. Die Kastraten sind einer gewaltsam-strengen Ausbildung unterworfen, werden durch Konkurrenzdenken und Drohungen eingeschüchtert. Höhepunkte ihres Lebens sind Auftritte auf geheimen Bühnen vor sektenähnlichem Publikum. Ihre bloße Anwesenheit durchdringt dabei Zeit und Raum: „Eine Museumsrarität war dieser Theaterabend, die gestohlen und in einer Privatsammlung einer kleinen Runde von Eingeweihten vorgeführt wurde.“

Magischer Realismus auf einem verwunschenen Schloss

Die 1976 in Moskau in eine Schauspielerfamilie geborene Autorin verbrachte ihre Kindheit in einem Puppentheater, in dem ihre Eltern tätig waren. Nach dem Studium in Russland übersiedelte sie nach Wien, wo sie bisher Kinder- und Jugendbücher auf Russisch veröffentlichte. Daria Wilke hat sich in ihrem Romandebüt Hyazinthenstimme eine von geheimen und unheimlichen Kräften durchdrungene Welt in einem verlassenen Wald in der Steiermark ausgedacht. Die vorherrschenden Zustände sind patriarchal, rückständig und von einem strengen Regelwerk sowie Hierarchien des 18. Jahrhunderts geprägt. Der/die LeserIn ist von Beginn an mit zahlreichen Fragen und Ungereimtheiten in Bezug auf Wahrheitsgehalt und zeitliche Verortung der Erzählung konfrontiert, alles scheint unmöglich und möglich zugleich. ‚Magische Realität‘ und ‚reale Wirklichkeit‘ verschmelzen gerade in den ersten Kapiteln des Romans. Das macht die Lektüre ungemein spannend, erst langsam ergibt sich aus dem Gewirr an Fährten eine zuverlässige Spur.

Im Zentrum des Romans steht der erfolgsverwöhnte junge Kastrat Matteo. Die strengen Regeln im Schloss und der hohe Erfolgsdruck erschweren den Aufbau von Vertrauen zu anderen. Matteos soziales Netz ist von Beginn an porös, doch im Laufe des Romans gestalten sich seine zwischenmenschlichen Beziehungen als schier unmöglich. Sein bester Freund unternimmt aufgrund des selbstzerstörerischen Strukturen im Schloss einen Selbstmordversuch, seinem Vertrauten Doru gelingt als einem der wenigen die Flucht, plötzlich verschwindet auch seine Schwester Nina und der ihm anvertraute junge Schüler Timo. Matteo ist zwar auf dem Höhepunkt seines Erfolgs, doch auf sich allein gestellt und verunsichert. Er leidet unter Wahnvorstellungen – ein Tier möchte, sobald er zu singen beginnt, die Herrschaft über ihn erlangen. Es hat sich in ihm eingenistet, hat kein eigenes Gesicht, benötigt somit seines: „Manchmal denke ich – das Tier ist ein Monster, ein alter, allmächtiger Gott, dem man Blutopfer bringen muss. Kleine Buben und ihre Penisse – das Tier nimmt sie, weil es sich ernähren muss. Damit wir dann einmal himmlisch singen können.“ An dieser Passage wird der Wille der Autorin spürbar, die grausamen Erfahrungen der Kastraten der Barockzeit in einer fiktiven heutigen Welt nachvollziehbar zu machen. Gleichzeitig dominieren magische Elemente. Das erzählende Ich lebt in knapper Distanz zu den vorherrschenden Machtstrukturen. Diese enge Perspektive erlaubt eine präzise Darstellung der Gedankengänge und Beobachtungen Matteos. Ergänzt wird diese durch eine auktoriale Erzählstimme, die nicht nur einen Beitrag zur Beschreibung der Außenwelt Matteos zulässt, sondern auch mit einem umfassenden Wissen über barocke Musikgeschichte ausgestattet ist. Nahezu überbordend wird der Stellenwert von Musik in einer göttlichen Ordnung dargestellt, wobei die Autorin umfassende Kenntnisse über mythenumwobene Kastraten, ihre Biografien und die Schönheit ihrer Stimmen in den Roman einfügt. Die Sprache der Autorin passt sich bei den entsprechenden Passagen den opulenten barocken Stoffen an, etwa wenn es heißt: „Seine Stimme wächst aus dem Nichts heraus – wie ein sanftes Flüstern, wie ein Meeresrauschen bei Sonnenaufgang“ oder „Seine Stimme gleicht einem Hauch der Ewigkeit, sie lässt dich ahnen, wie es dort, im Himmel, sein kann.“

Das dritte Geschlecht

Dem Regelwerk des Schlosses Settecento ist zu entnehmen: „Caffarelli, Nikolino, Senesino, Farinelli und andere musst du wie dich selbst lieben. Weil du auch ein Heiliges Ungeheuer bist, weil du zum dritten Geschlecht, zu den Kastraten gehörst.“ Einfühlsam und präzise geht der Roman der Psyche männlicher Figuren nach, die ihrer Eigenständigkeit und Männlichkeit beraubt wurden und nun eine zwangsläufig abhängige Existenz fristen, die jedoch von einzigartiger Kunstfertigkeit geprägt ist. Letztendlich stellt der Roman die simple Frage: Wie hoch kann der Preis für absolute Schönheit der Kunst sein, wer ist bereit ihn zu zahlen und wer profitiert davon?

Unbehagliche Romankunst

Geheimnisvoller Sprachzauber, opulente Szenarien und nicht zuletzt ein unbequemer Stoff zeichnen das Romandebut von Daria Wilke aus. Allzu märchenhaft fallen die Passagen in der zweiten Romanhälfte aus, als sich der Protagonist auf der Suche nach seiner Schwester nach Wien begibt und sich allen Widrigkeiten zum Trotz seinen Weg in der zeitgenössischen Gesellschaft und Musikszene bahnt. In den ersten Kapiteln entwickelt der Roman jedoch in der Tradition des magischen Realismus eine stimmige Verschmelzung von Magie und Wirklichkeit, die fern jeglicher Literatur-Trends zu verorten ist. Die Autorin kultiviert dabei einen eigenen Stil aus einer detailverliebten Sprache, mittels derer es gelingt, die Stimmunen im Barockschloss passend abzubilden. Gegen Ende hin bleibt nichts ungeklärt, dies gilt auch für die Courage, die hinter diesem ambitionierten Roman-Konzept steckt.

Die Hyazinthenstimme.
Roman.
Salzburg, Wien: Residenz Verlag, 2019.
304 Seiten, gebunden.
ISBN: 9783701717200.

Verlagsseite mit Informationen über Buch und Autorin

Rezension vom 09.01.2020

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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