#Roman

Die Geschichte des reichen Jünglings.

Martina Wied

// Rezension von Walter Wagner

Fünfzehn Jahre soll Martina Wied an diesem epochalen Werk gearbeitet haben, das zunächst kein Verlag veröffentlichen wollte. Erst mit der Verleihung des Österreichischen Staatspreises 1952 an die Schriftstellerin erschien der Band, der nunmehr in einer vom Sisyphus-Verlag besorgten Neuauflage vorliegt. Dieser Initiative ist es zu danken, dass einer der herausragendsten österreichischen Romane des 20. Jahrhunderts dem Vergessen entrissen und einem breiten Publikum zugänglich wird.

Die Geschichte des reichen Jünglings entführt uns in die polnische Kleinstadt Dymno kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Es ist die Zeit nationalistischer Aus- und ideologischer Umbrüche, die sich den Protagonisten und ihren individuellen Lebensentwürfen entgegenstellen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der reiche Fabrikantensohn Adam Leontjew. Er verkörpert die Bestrebungen und Wandlungen einer jungen Generation, die moralische, seelische und intellektuelle Selbstverwirklichung vor dem Hintergrund der mächtigen Historie einfordert. Als der junge Mann vom Gymnasium in Dymno geschasst wird und zwecks Schulabschluss nach Warschau übersiedelt, beginnt die komplexe, von philosophischen Diskursen getragene Handlung von Wieds Bildungsroman.
In der Hauptstadt frönt Adam einem ausschweifenden Leben, dem der Krieg jedoch ein jähes Ende bereitet. Der „Jüngling“ rückt ein und kehrt, wenn auch äußerlich unversehrt, verändert heim.

Um sich dem elterlichen Einfluss zu entziehen, beschließt er, in Krakau Jura zu studieren und sich ganz auf seine geistige Entwicklung zu konzentrieren. Doch der angestrebte Rückzug gerät in Unordnung, als er den aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Tadzio bei sich aufnimmt.
Um seinen hohen moralischen Ansprüchen gerecht zu werden, gewährt Adam dem Kommilitonen auch dann noch Obdach, als sich das Zusammenleben längst zum Alptraum ausgewachsen hat. Inmitten dieser Auseinandersetzung lernt der Bürgersohn den kommunistischen Agitator Iwanow kennen. Beflügelt von dessen Charisma und dem Wunsch, die Welt zu verändern, schließt sich der Student der revolutionären Bewegung an.
Adams Engagement gerät allerdings ins Wanken, als Marie, seine Geliebte, einen Selbstmordversuch unternimmt. Durch diesen Vorfall geschockt, widmet sich der Weltverbesserer fortan seinem privaten Glück.

Wieds Geschichte des reichen Jünglings beeindruckt nicht nur aufgrund der subtilen psychologischen Zeichnung ihrer Endzeitfiguren, sondern auch aufgrund der überzeugenden Darstellung der Bourgeoisie, die sich aus Kriegsgewinnlern, Erben, Industriellen und introvertierten Schöngeistern zusammensetzt. Sie vermittelt tiefen Einblick in ein Milieu, das von Egozentrik und Opportunismus geprägt ist und nichts mehr fürchtet als den Aufstieg des Proletariats.

Das hässliche Antlitz des Kapitalismus und seiner Kapitäne erweist sich als Fokus dieser grandiosen Prosa, die der Leserschaft zwar einiges abverlangt, sie dafür aber reichlich mit Einsichten entschädigt. Adams Aufbegehren gegen den „herzlosen Luxus“ und ein ökonomisches System der „vergeudeten, verwüsteten Seelenkräfte“ hinterlässt tiefen Eindruck. Denn die in der polnischen Zwischenkriegszeit angesiedelte Parabel vom verlorenen Sohn weckt vielfältige Assoziationen mit der Gegenwart. So könnte die Reise in die metaphysisch dünne Höhenluft des Wied’schen Kosmos zur beklemmenden Begegnung mit uns selbst mutieren. Wer sich an Dostojewskij noch nicht herangewagt hat, könnte es zum Einstieg einmal mit der Geschichte des reichen Jünglings versuchen. Ausdauer und Hunger nach geistiger Nahrung vorausgesetzt.

Roman.
Mit einem Vorwort von Karl-Markus Gauß.
Klagenfurt: Sisyphus, 2005.
785 S.; brosch.
ISBN 3-901960-26-0.

Rezension vom 03.08.2005

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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