#Roman

Die gelben Quadrate

Simon Konttas

// Rezension von Eva Maria Stöckler

Sebastian Calan, Philosophiestudent an der Wiener Universität und eher widerwillig Assistent bei Professor Christian Wilmitsch, bewohnt eine Altbauwohnung im fünften Wiener Gemeindebezirk – zusammen mit Caroline, die einer „Scheißarbeit“ nachgeht, kaum aus ihrem Zimmer kommt „und sich auch sonst in einer schweigsamen Ummanteltheit“ gefällt, der etwas jüngeren Beate „von weniger anspruchsvollem Gemüt“ und dem etwa 40jährigen Bruno, Besitzer einer Schildkröte und ehemals im Fliesengeschäft tätig. Auch Lydia, Sebastians Freundin, hält sich regelmäßig in dieser Wohnung auf, sitzt dann allerdings meist wie festgenagelt hinter dem Bildschirm ihres Computers.

Die Mitbewohner Beate und Bruno, von Sebastian etwas despektierlich „Menschen“ genannt, haben beschlossen, dass „man in der Wohngemeinschaft ein Herz und eine Seele sein wolle“, was Sebastian sichtlich widerstrebt. Caroline reagiert darauf mit subtiler Gehässigkeit und einem Widerstand, der die verbale Gewalt in offene Aggression verwandelt, die sich auch einmal in einem Schlag ins Gesicht entlädt. Neid und Zwietracht bestimmen den Alltag in der Wohnung, der Sebastian, so gut es geht, entflieht.
Während eines Besuchs bei Lydias Mutter hört er eine Radiosendung über ein neulich erschienenes Werk eines gewissen Geronimo Weißler, „Pop-Philosoph“, und seiner schönen Freundin, selbst Philosophin, die sich zuerst als Model „durchgeschlagen“ hatte. Er erfährt, dass Weißler der Neffe von Wilmitsch ist. Bei einem Empfang des Professors nicht lange danach begegnen die beiden einander und beginnen sich anzufreunden.

An der Universität trifft man sich regelmäßig zum Privatissimum bei Professor Wilmitsch: der Assistent Calan, die Studenten Oberger („Obergers Wissen war von einer nachgerade penetranten Eindringlichkeit, wobei sein Drang, sich auf möglichst öffentlichkeitswirksamstem Wege dieses Wissens zu entledigen, etwas von der verzweifelten Hoffnung eines Unbeachteten hatte, der in dem Gewühl Tausender ihm Gleichgestellter glaubte, durch lautes Schreien und Rufen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen zu können.“), Weber und Eberzell sowie der „radikale Realist“ Professor Paul Karolowski, der damit die philosophische Opposition zum Fichte- und Schopenhauer-Experten Wilmitsch einnimmt.
Je mehr Sebastian durch seinen eben erst angetretenen Job als Assistent in Wilmitschs Kreis gezogen wird, desto mehr erfährt man auch von Wilmitschs Familie: seiner Frau Rosalie sowie seiner Schwester (und Geronimos Mutter) Beatrix, Geronimo selbst und seiner Freundin Julia. Langsam wird Sebastian zum Vertrauten von Geronimo und Wilmitsch, man trifft sich zu Nachmittagsempfängen, betreibt philosophische Gespräche, so lange, bis unvermittelt, wenn auch nicht ganz unangekündigt, ein existenzielles Ereignis, eine Katastrophe hereinbricht, die das selbstgenügsame, in sich kreisende Leben der Protagonisten mit einem Mal beendet und sie nicht nur aus dem Leben, sondern letztlich auch aus der Erzählung wirft.

Atmosphäre, Szenerie, Ausstattung, Räume sind von „behaglicher Exklusivität und Erlesenheit“, aber auch von ausgesprochener und nicht ausgesprochener Banalität und Oberflächlichkeit. Überdruss, Mangel an äußeren Widrigkeiten und wohl auch der berufliche Kontext (Philosophieprofessoren und Philosophiestudenten) führen zu intensiver Introspektion und Selbstbeobachtung, die Herausforderungen des Lebens, so es sie zwischen der herrschaftlichen Wilmitsch’schen Villa in Baden und dem professoralen Büro an der Universität überhaupt gibt, werden einer detailgenauen Analyse unterzogen und in fast molekulare Bestandteile zerlegt: Menschen, die sich nichts Essentielles zu sagen haben und pausenlos aneinander vorbei reden.
Die Saturiertheit, Selbstgenügsamkeit und Gleichförmigkeit wird durchzogen von immer wieder aufwallenden Gewaltphantasien einzelner Protagonisten, zugedeckt von einer „abwartenden Distinguiertheit“ und gekleidet in eine gewählte Sprache, die der Szenerie ihre passende Wandtapete gibt. Frauen werden in dieser Tapisserie als Randfiguren dargestellt, als psychisch instabil (Caroline), als einfache Gemüter (Beate) und als nervige Freundinnen und Ehefrauen (Lydia, Julia, Rosalie), die sich in sinnlosen Gesprächen ergeben oder sich mit den „schönen Dingen des Lebens“ (Bildende Kunst) beschäftigen. Wäre da nicht eine „Gespanntheit“, eine „große Gereiztheit“, die „wie eine große Seifenblase“ in der Luft liegt und jeden Augenblick zu zerplatzen droht. Geronimo: „Wenn ich ins Licht schaue und die Augen schließe und sie dann wieder öffne, sehe ich gelbe Quadrate.“
Diese gelben Quadrate – „Jeder normale Mensch sieht gelbe Sternchen!“ – können dabei als radikal subjektive Wirklichkeitsdeutung der Protagonisten gelesen werden, die sich in Wilmitschs Forschungsschwerpunkt – Fichte und Schopenhauer – und seinem Versuch, die Fichte’sche Philosophie als Vorläuferin der Lebensphilosophie zu deuten, manifestiert: „Das Ich setzt sich selbst, und es ist, vermöge dieses bloßen Setzens durch sich selbst; (…)“ so Johann Gottlieb Fichte in seiner „Wissenschaftslehre“.

Trotz der vorgeblich radikalen Subjektivität und Innenperspektive schafft Konttas‘ Sprache eine große Distanz, die eben nicht die Funktion hat, authentisch Gefühle und Gedanken der Figuren wiederzugeben, sondern eher wie ein philosophischer Kommentar zu einem psychologischen Experiment wirkt. Das wird dadurch verstärkt, dass die zentralen Gespräche, die Sebastian mit Geronimo bzw. mit Wilmitsch führt, aus Sebastians Erinnerung erzählt werden. Auch nimmt der Autor weitgehend die subjektive Perspektive Sebastians ein, die er nur selten verlässt. Die scheinbar wohlgeordnete Fassade bricht jedoch mehr und mehr, ein Anstoß reißt die Protagonisten mitten ins Leben hinein und zwingt sie zu reagieren. Unentschieden bleibt am Ende, welche der subjektiven Wirklichkeiten die wirkliche ist.

Konttas präsentiert in den Gelben Quadraten beinahe skurril anmutende Figuren, die sich in langen philosophischen Diskursen ergehen, aber völlig hilflos sind, wenn sie in reale Probleme geraten. Es ist eine sich selbst genügende, aber irgendwie „abgelebte“ Gesellschaft, die den Bezug zum Leben, zum Alltag, zu Menschen, zu Gefühlen verloren hat, sich in Nebenwelten flüchtet und alles daran setzt, eine höchst brüchige Fassade, die das verdecken soll, aufrecht zu erhalten:

Alles Gelesene und Gefühlte, Gedachte und Erlebte wurde nicht einfach hingeworfen und den anderen unverpackt serviert, sondern in schöne Worte gekleidet, in geistreiche Zusammenhänge, in witzige Wendungen und Redewendungen gebracht, sodass allein dem Stil des Gesagten zu lauschen, unabhängig von seinem Inhalt, Genuss bereitete, (…).“

Simon Konttas Die gelben Quadrate
Roman.
Wien: Hollitzer, 2018.
384 S.; geb.
ISBN 978-3-99012-529-8.

Rezension vom 21.02.2019

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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