#Prosa

Die Flußleiche.

Helmut Leisch

// Rezension von Helmuth Schönauer

Manche Schriftsteller gehen nicht nur durch ihr schriftstellerisches Werk sondern auch durch markante Aktionen in die Literarturgeschichte ein, sei es durch einen Schnitt in die Stirn während der Bachmann-Preis-Lesung (Goetz) oder durch einen Kollaps während einer Ehrung (Pluch), oder durch das Hinausekeln eines Minister-Ekels aus dem Festsaal (Bernhard).

Auch die Bekanntheit des Innsbrucker Schriftstellers Helmut Leisch geht nicht nur auf seine Literatur zurück, sondern auf die Tatsache, daß er 1998 für ein paar Stunden Preisträger des Großen Landesstipendiums des Landes Tirol gewesen ist. Kaum war nämlich der bislang unbekannte Autor Helmut Leisch vom Kurator Hans Haider vorgeschlagen worden, kamen Leserbriefe und Aufrufe ans Tageslicht, die als klarer Fall von Wiederbetätigung gewertet werden müssen. Der für Kultur zuständige Landesrat Fritz Astl hat daraufhin binnen Minuten den Preis für verfallen erklärt und die Sache bereinigt.

Bei der Lektüre der literarischen Kriminalerzählung Die Flußleiche steht natürlich das Interesse im Vordergrund, ob man diesem Werk eine „Wiederbetätigung“ anmerkt. Und die Antwort lautet, wenn man davon absieht, daß die Natur eben nicht demokratisch ist, gibt es keinen Anlaß für diesen Verdacht.

Der Erzähler der „Flußleiche“ ist nicht nur Naturschützer, sondern sogar Naturerschaffer. Überall, wo er hinkommt, markiert er sein Revier mit Kirschkernen, die manchmal sogar zu Bäumen auswachsen. „Das ist eben meine Natur.“(S. 21) Während eines solchen Streifzuges durch die Natur winkt plötzlich eine Hand aus dem Wasser des anliegenden Flusses.

Erzähltechnisch raffiniert wird an der Leiche nun herumgezurrt und präpariert, bis der Leser schon jegliche Hoffnung auf Bergung und Lösung des Falls aufgibt. So ist auch die Überraschung perfekt, als sich schließlich unter der Erstleiche eine Sekundärleiche befindet. Leser, Feuerwehr und Erzähler sind wieder spontan überfordert und voller Erwartung.

In dieser Tour ätzt die Erzählung ständig an der Geduld des Lesers, es wird mehr verhüllt als erzählt, und im Sinne des Films „Das große Fressen“ könnte diese Erzählung auch „Die große Bergung“ heißen.
Meisterlich wird der Leser an der langen Leine gehalten, jedesmal, wenn er das Buch zusammen packen will, kommt wieder ein interessantes Detail zum Vorschein. Helmut Leisch ist es mit dieser Erzählung gelungen, die Erwartungen des Lesers zu thematisieren, indem er dessen Voyeurismus und Pressegeilheit unerfüllt läßt und somit elegant aufs Korn nimmt.

Für den Rezensenten sparen Krimis immer viel Kraftaufwand. Da das Ende nicht verraten werden darf, braucht das Buch auch nur zu einem Dreiviertel besprochen zu werden.

Kriminalerzählung.
Bielefeld: Neues Literaturkontor, 1997.
139 S.; geb.
ISBN 3-920591-40-2.

Rezension vom 19.01.2000

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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