#Roman

Die Erfindung der Welt

Thomas Sautner

// Rezension von Peter Reutterer

Gegen die Taubheit der Besserwisser

Das neue Buch von Thomas Sautner bringt uns nicht nur den sinnlichen Zauber der Waldviertler Landschaft nahe, es verhilft uns auch zu intuitiven Erhellungen über das Mysterium unseres Daseins.

Literatur hat mit den „richtigen Fragen“ zu tun, merkte Peter Handke wiederholt an, niemals mit Besserwisserei. Und Fragen werden den ganzen Roman hindurch aufgeworfen, besonders gekonnt als Antrieb für die Handlung gleich zu Beginn: Warum kann jemand – der Absender nennt sich G. – sich von der Autorin Aliza Berg ein Buch über das Leben an sich wünschen? Keine geringe Aufgabe, sich der Erforschung des Lebens über das Schreiben annähern zu wollen, aber ein Kernthema im Werk von Thomas Sautner und im Grunde jeder attraktiven Belletristik. Genauer gesagt wird die Protagonistin mittels eines ansehnlichen Honorars engagiert, „Entscheidendes“ exemplarisch in einer genau markierten Region bei allen dort lebenden Bewohnern zu entdecken.

Die Protagonistin Aliza soll sich nach „Litstein“ begeben, dort findet sie bei der gräflichen Familie Hohensinn Unterkunft im Schloss. Wer das Waldviertel kennt, kombiniert schnell, der Ortsname versteht sich als Synthese aus Litschau und Heidenreichstein. Sowohl in den Schloss-Räumen als auch am Teich oder im Wald ist man dem Zauber der Gegend überantwortet. Hier erweist sich Thomas Sautner als profunder Kenner des Waldviertels, was er auch bereits im literarischen Reiseführer „Waldviertel steinweich“ unter Beweis gestellt hat. Begeisterten Waldviertlern wie mir zur Freude.

In der Literatur geht es um Aufschlüsse über Wirklichkeit, um das eigentliche Leben. Bei enthusiastischem Einsatz wird konsequenterweise bald die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit zum Anliegen. Dieser hintergründigen Ebene hinter dem Sichtbaren spürt Thomas Sautner – nicht nur im neuen Buch – mit Mut zur Mystik nach. Er tut dies auf eine zumeist behutsame, nicht esoterisch billige Weise. Die liebenswerten wie originellen Figuren, denen Aliza begegnen darf, sind es, die auf unterschiedlichen Pfaden dem Metaphysischen zugeneigt sind und der Schriftstellerin Hinweise auf ganzheitliche Lebenskonzepte eröffnen. Gräfin Elli über die intensive Erotik in einer außerehelichen Beziehung (die sich u.a. in leidenschaftlichen Briefen und Gedichten spiegelt), ihr Philosophie-affiner Gatte Leopold über quantenphysikalische Experimente und einen geheimen Bibliotheksraum namens „keiner Raum“. Er weiß, das Leben besteht im Kern aus „Schönheit und Liebe“. Ebenso weise ist auch seine Geliebte, die eigensinnige Kristyna in ihrem Haus im Wald, wenn sie im Einklang mit der Natur und allem Natürlichen lebt. Nicht zu vergessen der kleinwüchsige Fred, ein Gegenprogramm zur Welt der Besserwisser, er wagt sich zuletzt mit der Lösung dreier Rätsel – wenn auch paradox – am weitesten bei der Entschlüsselung des Weltgeheimnisses vor. Vor allem über die Annäherung an diese Persönlichkeiten betritt Aliza (vielleicht wie die Alice von Lewis Carroll) ein Wunderland mit überraschenden Abgründen und Aufschlüssen.

Erotische Liebe darzustellen ist schwierig, Thomas Sautner gelingt es, egal ob in der Darstellung der Vereinigung von Leopold und Kristyna oder der parallel geführten Leidenschaft zwischen Elli und dem Eigenbrötler Jakob. In diesen Szenen erotischer Liebe schwingen sowohl erdige Sinnlichkeit als auch die dem Landstrich nachgesagte „Anderswelt“ mit. Mitunter so pointiert übersteigert wie in dem Ausspruch Jakobs: „Wir haben beim Vögeln ein Rätsel der Menschheit gelöst.“ Er sagt das, als er beim Liebesakt das dritte Auge Ellis wahrnimmt: „Ein gütiges Auge besah ihn und griff an sein Herz.“

Das Buch bleibt in seiner ganzen Länge eine fesselnde Lektüre. Das ist nicht nur den professionell gesetzten Plotpoints beim schrittweisen Enträtseln regionaler und familiärer Geheimnisse und der emotionalen Zuspitzung auf das Ende hin geschuldet. Angenehm leichtfüßig und anschaulich nimmt uns der Autor mit auf die Gänge seiner Figuren. Auf die Spaziergänge durch den Wald zu einer Hütte, einem Forsthaus oder zu Fisch-Teichen bis in eines der vielen Waldviertler Schlösser. Viele Leser wird der mutmachende Grundton gerade in diesen düsteren Zeiten beglücken. Und über weite Strecken gelingt das von Thomas Sautner intendierte „Zusammenführen von Kopf- und Herztönen“. Dabei weist der Roman mit seinem Wechsel zwischen Ich-Perspektive und einer auktorialen Sicht eine durchaus raffinierte Struktur auf, die wohl auch das Dilemma zwischen der beziehungsintensiven Wirklichkeit von Aliza und ihrem dokumentarischen Schreib-Auftrag vor Augen führen soll. Thomas Sautner präsentiert vergnüglich lesbare Literatur; zugleich einen poetischen Akt, der neue Welten erhellt und einem Urlaub voller Sinnenfreuden gleicht, wie er uns derzeit allzu oft in unserem Alltag verwehrt ist.

Thomas Sautner Die Erfindung der Welt
Roman.
Wien: Picus, 2021.
408 S.; geb.
ISBN 978-3-7117-2103-7.

Rezension vom 07.04.2021

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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