#Roman
#Debüt

Die Einsamkeit der Ersten ihrer Art

Matthias Gruber

// Rezension von Marcus Neuert

Existenzen, die in Trümmern liegen, habe er in seinem ersten Roman thematisieren wollen, verrät Matthias Gruber in einem Radiointerview mit dem Deutschlandfunk.

Der in Wien geborene, in Salzburg aufgewachsene und heute dort lebende Autor hat sich für sein Sujet denn auch auf den ersten Blick triste Handlungsorte und eine wenig glamouröse Besetzung auserkoren; als junger Vater sei ihm, so erzählt er weiter, die Idee für seine Ich-Erzählerin auf dem Spielplatz gekommen, als ihm dort im Sandkasten ein Kind mit sehr schütterem Haar und ungewöhnlicher Zahnstellung auffiel. Seine Recherche ergab, dass es sich offenbar um eine Fall von ektodermaler Dysplasie handelte – eine genetische Fehlbildung, die bei weniger als einem von tausend Menschen vorkommt und die vor allem Haare, Zähne, Nägel und Haut verändert. Viele der Betroffenen bilden zudem keine oder deutlich weniger Schweißdrüsen als üblich aus, was zu Komplikationen ihrer Wärmeregulierung führt. Diese medizinischen Begleitumstände sind für die Handlung nicht unwichtig.

Die an dem beschriebenen Gendefekt leidende Protagonistin heißt Arielle, ist vierzehn Jahre alt, und wie alle Teenager zu einem guten Teil mit ihrer Selbstfindung beschäftigt. Ihr Vater hält sich als Auftragnehmer der Kommune mit dem Ausräumen von Wohnungen Verstorbener über Wasser; in ihrer freien Zeit hilft ihm Arielle dabei, was ihr besonders im Sommer wegen ihrer körperlichen Überhitzungsgefahr nicht leichtfällt. Alles Unbrauchbare verbringen die beiden auf den städtischen Müllplatz und besorgen sich dort gebrauchte Kommunikationselektronik. Nachts sucht der Vater auf ausrangierten Festplatten nach Kryptogeld, und Arielle taucht derweil in abgelegten Mobiltelefonen in die Existenzen anderer ein. Die Mutter, die selbst an einer wenn auch leichteren Form des Gendefektes leidet, ist psychisch angeschlagen und versucht ziemlich erfolglos, im Internet Kosmetikprodukte zu vertreiben, die sie vorher bei einem Franchisegeber teuer erwerben muss. Die Eltern träumen, beide auf jeweils individuelle Art und Weise, vom Ausweg aus der permanenten finanziellen Misere.

Als Arielle eines Tages auf einem der alten Handys Fotos von Pauline entdeckt, die alles verkörpert, was sie selbst nicht ist – schön, begehrt, fotogen, wohlhabend – beschließt sie, einen Social-Media-Kanal zu erstellen, auf welchem sie sich als Pauline ausgibt. Prompt fliegen ihr die digitalen Herzen zu, selbst das von Erich, einem Mitschüler, den sie im Stillen anhimmelt. Doch bald merkt sie, dass sie die so erhaltene vermeintliche Selbstbestätigung nicht in ihr wahres Leben übersetzen kann. Fortan übernimmt ihre Mutter, von Arielle unterstützt, den Kanal, um mit der Reichweite und Attraktivität von Pauline ihre Verkaufsgeschäfte anzukurbeln. Das funktioniert gut, bis sich die echte Pauline meldet und den Kanal sperren lässt. Derweil veruntreut der Vater bei einer der Entrümpelungsaktionen ein elektronisches Spielgerät, das er auf eigene Rechnung verkauft, und verliert das Vertrauen seines kommunalen Auftraggebers. Die prekäre Situation spitzt sich zu und veranlasst alle Beteiligten zu unvorhergesehenen Handlungen.

Matthias Grubers Debüt ist freilich nicht so düster, wie es die nackte Beschreibung des Plots vermuten lässt; vielmehr gelingt es dem Autor, seinen Figuren eine gewisse natürliche Leichtigkeit mit auf den Weg zu geben. Arielle ist denn auch nicht eine aufgrund ihrer Erkrankung permanent von ihrer Umwelt ausgegrenzte Unperson, sondern durchaus in ein differenziertes soziales Gefüge eingebunden und akzeptiert; ihre wichtigsten Bezugspersonen außer ihren Eltern sind Aljosa, der Sohn des Müllplatzbetreibers Heinz, der sich über seine geschlechtlichen Befindlichkeiten alles andere als im Klaren ist und gern in Berlin Kunst studieren würde, und Yasmin, ihre gutaussehende Mitschülerin, mit der sie analogen und digitalen Mädchenträumereien nachhängt.

Arielle, die den kitschigen Disneynamen einer Comic-Meerjungfrauen-Figur nicht zufällig trägt, fühlt sich von klein auf zum Wasser hingezogen. Ihre Mutter hatte sie als Kleinkind in einer psychotischen Phase einmal in der Badewanne untergetaucht: „Du warst ganz ruhig. Nicht einmal die Augen hast du zugemacht. Du hast mich einfach durch die Wasseroberfläche angesehen.“ (S. 287) Die Episode führt freilich dazu, dass der Vater Arielle künftig von der Mutter fernhält und sie häufig bei Heinz und Aljosa auf dem Müllplatz unterbringt, wenn er beruflich unterwegs ist. Doch Arielles Affinität zum nassen Element bricht sich auch in späteren Jahren immer wieder Bahn; im Schwimmbad versucht sie mit erstaunlichem Erfolg, unter Wasser lange die Luft anzuhalten. In einer Naturkundeausstellung, die sie mit Yasmin besucht, stößt sie auf den Ichtyostega, das erste Geschöpf, welches einst das Wasser verließ und auf dem Land leben konnte – der titelgebende Erste seiner Art. Mit ihm fühlt Arielle so etwas wie eine gegengleiche Verwandtschaft. Die immer heißer werdenden Sommer, ihre körperlichen Besonderheiten und die trotz aller Verbundenheit mit Familie und Freunden empfundene Einsamkeit lassen in ihr die Vorstellung aufkeimen, dass das Wasser vielleicht das bessere Element für sie wäre.

Matthias Gruber hat viel Empathie für seine Figuren. Auch die weniger sympathischen Vertreter seines Romanpersonals wie etwa den Lokalpolitiker Idelberger oder die leicht völkisch angehauchte Blase, die sich bei Heinz auf dem Müllplatz zum Bier trifft, schildert der Autor nicht als grundschlechte, wohl aber schrullige Charaktere und schreibt ihnen eine stets hintergründige Komik ein – etwa wenn sie ausgerechnet nicht die österreichische, sondern die auf den ersten Blick ähnliche rot-weiß-rote lettische Flagge hissen müssen, weil Heinz versehentlich im Internet die falsche bestellt hat. Nicht nur die Protagonistin, sondern alle handelnden Figuren haben ihre Macken und Fehler, die auf ihre jeweils individuelle Art und Weise die Begriffe von Schönheit, Freundschaft, Lebensklugheit und Freiheit immer wieder relativieren und das Lesepublikum an diesem ständigen Transformationsprozess teilhaben lassen.

Am Ende bleibt vieles offen in diesem Roman, er konstruiert wie alle aufrichtige Literatur keine Lösungen, sondern Entwicklungen und gibt sich an keiner Stelle mit unterkomplexen Verkürzungen zufrieden. Matthias Gruber ist mit Die Einsamkeit der Ersten ihrer Art tatsächlich ein berührendes Buch mit einem sich ins Fantastische wendenden Schluss gelungen, ein Plädoyer für alles So-aber-auch-anders-sein-können und eine augenzwinkernde Abrechnung mit der Hohlheit digitaler Pseudo-Beziehungen.


Marcus Neuert
, geboren 1963 in Frankfurt am Main, Studium der Kulturwissenschaften an der FU Hagen, lebt und arbeitet nach langjährigen Stationen in Hessen und Baden-Württemberg als Autor, Musiker, Literaturkritiker und Kulturarbeiter in Minden/Westfalen und Coswig bei Dresden. Für seine Texte, die in zahlreichen Anthologien und Literaturzeitschriften sowie in mehreren Einzelpublikationen veröffentlicht wurden (zuletzt: Imaginauten. Ein Morbidarium in 21 Erzählungen. Free Pen Verlag, Bonn 2018 sowie fischmaeuler. schaumrelief. anagrammatische miniaturen. edition offenes feld, Dortmund 2021), erhielt er u. a. Auszeichnungen bei PostPoetry NRW (2014 und 2022), beim Ulrich-Grasnick-Lyrikpreis (2017) und beim Lyrikpreis Meran (2021). Weitere Infos unter marcusneuert.jimdo.com.

Roman.
Salzburg: Verlag Jung und Jung, 2023.
304 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag.
ISBN 978-3-99027-280-0.

Homepage des Verlags mit Link zu Leseprobe und Autoren-Kurzbiografie

Rezension vom 14.11.2023

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Informiert
bleiben

Sie können 3 Newsletter abonnieren:

  • Literaturhaus Wien News
  • Literaturhaus Wien Veranstaltungsprogramm
  • Österreichische Exilbibliothek News

Bitte schicken Sie uns eine entsprechende Nachricht mit dem Betreff „Newsletter bestellen“. Für Abbestellungen bitte im Betreff „Newsletter abbestellen“ schreiben.