Die dünne Schicht Geborgenheit.

Lore Segal

// Rezension von Sabine Mayr

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Die Kurzgeschichten, die Lore Segal für die Zeitschrift „The New Yorker“ verfasst hat und die nun in der deutschen Übersetzung von Ursula C. Sturm vorliegen, erzählen von den Erlebnissen der MitarbeiterInnen der Concordance Foundation in Connecticut. Unter den Koryphäen ihres Fachs einschließlich des Nobelpreisträgers Winterneet tritt Ilka Weissnix, deren Namen so gar nicht in die Welt der Wissenschaft passen will, als Protagonistin hervor. Ilka Weissnix, während der Nazibarbarei aus Wien geflohen und erst nach zehn Jahren in New York einigermaßen zu Hause, wurde von der Foundation als Lektorin für das Fach Englisch für Ausländer aufgenommen.

Trotz ihrer Bedenken, dass sich Flüchtlinge nicht als Entdecker eignen, die in der Regel zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehren, bewältigt Ilka den Neubeginn in der amerikanischen Kleinstadt souverän. Hartnäckig nervt sie in der Kurzgeschichte „Die fehlende Verwandtschaft“ unbekannte Freunde von Freunden mit Anrufen, strapaziert der vorwitzige Institutsneuling bei der ersten Einladung die Geduld ihrer Gesprächspartner mit der Frage, woher sie sich denn kennen. Dem Gefühl der Fremdheit begegnet Ilka mit einem sich füllenden Terminkalender. Erst als eine ebenfalls aus Wien vertriebene Schülerin während des Unterrichts fragt: „Which Bezirk you are coming from?“ (S. 19), erkennt sie in Gerti Grüners aufdringlichen Erinnerungen an Wien schmerzhafte Symptome der Entwurzelung und der „fehlenden Verwandtschaft“.

Ilka Weissnix wird eine enge Freundin des neuen Institutsdirektors Leslie Shakespere und seiner Frau Eliza, die mit dem vierzehn Jahre zurückliegenden Tod ihres Kindes noch immer nicht zurechtkommen. In der Kurzgeschichte „Die Vertreibung aus Elizas Küche“ erlebt Ilka mit Unbehagen, wie ihre neuen Wahlverwandten eine lästig werdende Bekannte abwimmeln und sich über ihren legendären Freund Winterneet beschweren, der nach jeder seiner vielen Trennung Manuskriptschachteln vor der Haustür der Shakesperes deponiert. Während Ilka Winterneets Einladung zu einer Reise nach Europa leichthin abschlägt, knüpft das Ende dieser Kurzgeschichte an die letzte mit dem Titel „Leslies Schuhe“ an, in der sich Leslie als Ilkas Geliebter entpuppt.

Obwohl alle Kurzgeschichten für sich selbst stehen, sind sie im vorliegenden Band zu einer lockeren und pointierten Struktur gruppiert. Von ironischer Leichtigkeit und feinem Witz ist auch die Erzählweise getragen. Mit wenigen Strichen zeichnet Lore Segal gekonnt Charaktere und Situationen, die an manchen Stellen ins Groteske kippen wie in der Kurzgeschichte „Tödlicher Wunsch“, in der Ilkas alter Freund Jimmy Carl, der mittlerweile ihr Ehemann und Vater ihrer Tochter Maggie geworden ist, bei der Organisation einer Konferenz versagt, sich deshalb scherzhaft den Tod wünscht und bald darauf bei einer Autoexplosion stirbt.

Die Anwendung der Rechtssprechung in einem Zeitalter des Völkermords ist das Thema der in der folgenden Kurzgeschichte „Die Umkehrwanze“ eröffneten Konferenz. Die anschließende Podiumsdiskussion wird von Schülern aus Ilkas Englischklasse gestört. Aus den Umkehrwanzen des japanischen Tontechnikers Matsue, der für die Nazis die Gaskammern von Dachau schalldicht gemacht hatte, dringen in Dachau und Hiroshima aufgenommene Schreie in das neue Auditorium. Paulino Patillo glaubt, seinen nach einem Besuch im amerikanischen Konsulat in La Paz vermissten Vater zu hören. Doch stellt sich bald heraus, dass dieser tatsächlich Klaus Herrmann hieß und, nachdem er als Leiter des Statistischen Reichsamtes im Naziregime eine Funktion ausgeübt hatte, die in der Nachkriegszeit einen Identitätswechsel erforderlich machte, den Namen seiner bolivianischen Ehefrau angenommen hat.

Segals paradoxe Konstellationen erinnern an dieser Stelle an Kurt Vonneguts Roman „Mutter Nacht“ oder Martin Amis‘ „Pfeil der Zeit“, während die feine Ironie, mit der sie die menschlichen Schwächen der Gelehrtenwelt vorführt, an Nabokovs „Pnin“ oder die Romane von David Lodge anklingt. Ironische Wortgewalt und soziales Feingefühl sind vielleicht die kennzeichnenden Eigenschaften ihrer Erzählkunst und mit dieser schafft Segal, wie im Titel des Bandes versprochen, Vertrautheit und Geborgenheit. Denn, wie Lore Segal in ihrer ebenfalls im Picus Verlag veröffentlichten Familiengeschichte „Wo andere Leute wohnen“ festhält: „Es ist, glaube ich, diese Art, wie sich unsere Geschichten in die Luft legen, auf die Straßen, auf die Häuser von New York, was den Fremden eingemeindet.“ (Wien 2000, S. 367).

Sabine Mayr
8. November 2004

Originalbeitrag

Short Stories.
Übers. a. d. Amerikanischen: Ursula C. Sturm.
Wien: Picus Verlag, 2004.
Reihe „Österreichische Exilbibliothek“.
168 S.; geb.; Eur 16,90.
ISBN 3-85452-481-1.

Rezension vom 08.11.2004

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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