Die Besten 2002. Klagenfurter Texte.

Robert Schindel

// Rezension von Sabine E. Selzer

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Die Bachmann-Preis-Verleihung ist wohl nicht mehr das, was sie einmal war. Zumindest wenn man den Pressestimmen Glauben schenken will. Von Mittelmaß ist die Rede, die FAZ ortet „viele durchschittliche und einige haarsträubend schlechte“ Texte. Michael Lentz, der Sieger des Vorjahres, so wird fast einhellig festgestellt, habe offenbar auch für heuer die Themenschwerpunkte bestimmt. „Muttersterben“ hieß sein prämierter Text, und von toten Verwandten wimmle es in den Beiträgen dieses Jahres. Mag sein. Aber in den von Piper herausgegebenen Sammelband „Die Besten 2002.Klagenfurter Texte“ haben es zumindest die „haarsträubend schlechten“ nicht geschafft.

Die Entscheidung war recht knapp dieses Mal und bedurfte einer Stichwahl, bei der Peter Glaser 4 : 3 vor Annette Pehnt der Bachmann-Preis zugesprochen wurde. Letztere erhielt dafür den Preis der Jury. Glasers „Geschichte vom Nichts“ entfaltet sich zwischen Hamburg und Kairo und handelt von eigentlich recht viel. Ein Liebespaar entfleucht dem Alltag miteinander und verfängt sich in zeitgeschichtlichen Bezügen von Politik und Terror. Wenig überraschend: Der Autor arbeitet auch als Journalist.

Ganz anders der einfühlsame Text Annette Pehnts über ein vielseitig begabtes Kind, das mit der „Insel Vierunddreißig“ endlich seine Interessen und Sehnsüchte auf ein festgelegtes Gebiet lenken kann. Trotz gelegentlich märchenhaftem Ton ist es wohl nicht abwegig, hinter diesen ersten Seiten eines im Entstehen begriffenen Romans eine Satire auf die Diskussion über die Pisa-Studie zu vermuten … Die Autorin hat sich im vergangenen Jahr bereits mit ihrem Roman-Erstling „Ich muss los“ einen Namen gemacht, einem stillen Buch, das die Geschichte eines Außenseiters erzählt, der stets auf der Suche, ein Getriebener bleibt.

Sprachlich sind die „Besten“ allesamt recht konventionell. Eine Ausnahme bildet lediglich der Schweizer Raphael Urweider, der in seinem lyrisch anmutenden Prosatext „Steine“ auch stilistisch eigenwillige Wege geht. Er erhielt dafür den 3sat-Preis. Weiters konnte Mirko Bonné sich für den Ernst-Willner-Preis qualifizieren. Sein Beitrag „Auszeit“ ist eine der vielen Krankheitsgeschichten in diesem Jahr, die sich jedoch weniger um die Kranke kümmert als vielmehr um den Umgang der Familie mit ihr und ihrem Gebrechen, dessen Phasen gesteigerter Intensität eine willkommene „Auszeit“, eine Möglichkeit der Flucht vor dem Alltag bietet. Eine Neuerung in diesem Jahr war der via Internet ermittelte Publikumspreis, der überraschend an einen sehr dichten Prosatext des Innsbrucker Lyrikers Christoph W. Bauer ging: „Aus.Stummen“.

Der Sammelband „Die Besten 2002. Klagenfurter Texte“ enthält neben den prämierten Beiträgen auch einige weitere. Etwa Norbert Zährigers Text „Der Fahrer“, einen Auszug aus einer längeren Erzählung, der bedauerlicherweise leer ausging, obwohl eindeutig als Highlight zumindest dieses Sammelbandes zu verbuchen.

Weiters finden sich Auszüge aus den Bewertungsgesprächen der Jury, allerdings nicht für alle abgedruckten Texte. Es wäre durchaus interessant gewesen, nachlesen zu können, warum der eine oder andere Text eben weniger Gnade vor den Augen der richtenden Betrachter finden konnte … Aber leider finden wir Diskussionsbeiträge nur zu den ersten drei Texten, jenen von Peter Glaser, Annette Pehnt und Mirko Bonné. Zusätzlich aber auch Zusammenfassungen der Gespräche über die Vergabe der einzelnen Preise. Außerdem rundet eine Auswahl an Pressestimmen die Darstellung ab, und jene bringen großteils einen weit kritischeren Ton ein als die Juroren.

Sabine Selzer
7. November 2002

Originalbeitrag

Die 26. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.
München: Piper, 2002.
207 S., brosch., EUR 13.90.
ISBN 3-492-04448-4.

Rezension vom 07.11.2002

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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