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Die Ahnenpyramide

Ilse Tielsch

// Rezension von Theo Döllgast

Heimat, was ist das? In Ilse Tielschs Familienepos durch vier Jahrhunderte hindurch ist dies das Thema, vom Urahn, der 1580 als Siedler nach Böhmen „ins Land gerufen“ wurde – in Heimat anderer Leute hinein – bis zu ihrer eigenen Vertreibung aus demselben Land, 1945. Die Autorin bemüht sich nicht um eine geschlossenes Konzept von Heimat, sie nähert sich vom Praktischen her: Heimat ist, „wo du das Recht hast zu leben, sterben, begraben zu werden“ (S. 201) oder „wo wir unsern unverwechselbaren Dialekt gelernt haben“, „wo mein Bewußtsein geprägt worden ist“ (S. 234) oder „wo man den Kindern sagen kann: Das ist eure Heimat!“ (S. 201). Am besten aber wird Heimat vom Verlust her klar, vom Heimweh nach etwas zeitweise oder ganz Entschwundenem.

Das ist das eine Grundthema von Ilse Tielsch: Verlust von Heimat. Als Sechzehnjährige aus Auspitz in Südmähren vertrieben, lernt sie vom Vater: „Man kann, ohne seine Wohnung zu verlassen, zuerst österreichischer, dann tschechoslowakischer, dann deutscher, dann überhaupt kein Staatsbürger mehr sein.“ Die Autorin macht ihr Vertreibungstrauma zu ihrem Lebenskapital. Sie sammelt alles, was an Dokumenten, Bildern, Erinnerungen noch greifbar ist und stellt ihre verlorene Heimat wie ein weitläufiges Museum dar (manchmal so weitläufig, daß der ermüdende Betrachter den einen oder anderen Saal ausläßt). Es erscheinen die Orte ihrer Kindheit, Eltern, Großeltern bis zurück in die Hussitenkriege, alles zusammen im habsburgischen Reich als der „großen Heimat“, die schließlich „in viele kleine Heimaten“ (S. 189) zerfällt. Aber auch die Sehnsuchtsheimat wird besucht, Orte, „wo ich selbst nie gewesen bin“ (S. 287): wo man Glasperlen wickelt, Flachs anbaut, Leinen färbt. So entsteht ein dichtes kultur-, sitten-, sozialgeschichtliches Gemälde. Immer wieder greift sie bei alten Fotos „zur Lupe“, stellt die Schärfe auf gewünschte Tiefen ein, tritt selbst ins Bild und bewegt sich in der Vergangenheit, als könne sie die Vorfahren erleben wie frühere Inkarnationen. Ihre Berichte von dort sind anschaulich, lehrreich und genau; was nicht belegt ist, ergänzt sie wie ein geschickter Restaurator.

Mit dieser feinfühlenden Methode geht sie ans zweite Grundthema: die Ahnenpyramide. Ähnlich wie „Heimat“ sich aus unzähligen Erlebnissen zusammensetzt, ist das „Ich“ eine Überlagerung von Merkmalen, Prägungen, Charakterzügen einer langen Ahnenkette. „Ich spiele ein Zusammensetzspiel“ (S. 201). „Ich suche mir aus den Gesichtern derer, die vor mir gelebt haben, mein eigenes Gesicht zusammen, aus dem, was ich über sie erfahren habe, meinen Charakter, meine Talente, meine Aversionen, ich denke darüber nach, wo sie gescheitert sind, wo ich selbst gescheitert bin, finde Ähnlichkeiten, Überschneidungen, Parallelen, stelle fest, daß sich Katastrophen und Unglücksfälle wiederholt haben, erschrecke vor diesen Wiederholungen, merke, daß das Wort KETTE plötzlich eine andere Bedeutung für mich gewinnt, erschrecke vor dieser Bedeutung.“ (S. 117). Mit dem gleichen Gespür wie für die Fakten kann sie sich in die Befindlichkeit von zwölf Generationen versetzen. So zeichnet sie weder ein „sanftes Bild“ (S. 254) noch führt sie Anklage, und dies bei ihren Vor-Ichs wie bei den Zeitumständen: Unter den Ahnen sind Choleriker, Selbstmörder, Kleinliche, und die Zeitumstände präsentieren hämische Volksgenossen in der Nazizeit, brutale russische Soldaten, gnadenlose tschechische Behörden. Sie hadert nicht mit ihrem Schicksal, weder politisch noch privat. An der Spitze ihrer Pyramide steht sie auf dem sicheren Ahnenfundament, die Namenskästchen sind ihr die Zellen ihres Wesenskörpers. Diese Verankerung in der Tiefe hilft, „daß wir nichts, was unsere eigene Existenz angeht, überschätzen, […] nicht unsern eignen Anfang, aber auch nicht unsern eignen Tod.“ (S. 116) Lebenshilfe aus der Ahnenforschung.

Ilse Tielschs Stil ist jeweils gut angemessen: nüchtern beim Historischen, beherrscht im Emotionalen, liebevoll im Persönlichen, als schriebe sie ein Privatvermächtnis. Vorbildlicher Stil auch im Sinn zukünftigen Umgangs mit allgegenwärtiger Vergangenheit in Europa: die Grenzen anerkennen, aber sie gleichzeitig überschreiten.

Die Ahnenpyramide ist der erste Teil der Romantrilogie über das Schicksal der Sudetendeutschen, die mit dieser Neuauflage nun wieder vollständig ist.

Die Ahnenpyramide.
Roman.
Graz, Wien, Köln: Styria, 1998.
425 Seiten, gebunden.
ISBN 3-222-12580-5.

Verlagsseite mit Informationen über Buch und Autorin

Rezension vom 19.11.1998

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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