#Roman

Die Ablenkung

Elena Messner

// Rezension von Veronika Hofeneder

Nach Flüchtlingsnotstand, Gesundheitskrise und Kulturmisere nimmt Elena Messner in ihrem aktuellen Roman Die Ablenkung die Missstände in der Fleischindustrie genau unter die Lupe. In drastischen Bildern und kraftvoller Sprache legt sie schonungslos deren international operierende Machenschaften offen.

Die Protagonistin und Ich-Erzählerin Jana Dolenc arbeitet für die Umweltbehörde: Sie sammelt und archiviert Indizien, die Vergehen in der Fleischindustrie belegen, jedoch aus „Ressourcenmangel, Legitimitätsproblem, Überlastung“ (S. 5) weder zu weiterführenden Untersuchungen geschweige denn zu Anklagen führen, was Jana, die ihre Arbeit aus tiefster Überzeugung tut, zunehmend frustriert: „Die Kür war meine Arbeit an Abkürzungen und Abkürzungsdatenbanken, so viele Institutionen mussten zitiert werden in geringer Zeichenanzahl in den Datensätzen. […] An dieser Transformation von Wissen war nichts Schlechtes. Sie war wichtig. Aber: Da gab es kein Vorwärts. Nur Repetition. Technische und sprachliche Wiederholung. Ich baute nichts auf, ich entwickelte nichts, ich bezog mich nur auf bereits Bekanntes. Ich tat das immer Gleiche und zwar immer wieder.“ (S. 10f.)

Als einer der schon lange im Visier der Behörden stehenden Fleischbarone, Mark Schulze, unter Mordverdacht steht, sieht Jana die Chance gekommen, ihre jahrelangen Recherchen endlich auch wirksam zu verwerten. Gemeinsam mit der Kommissarin Nivia und dank der deutlich unterschiedlichen Arbeitsweise der Mordkommission beginnt eine spannende Ermittlung, deren Tempo und Pouvoir endlich effektive Auswirkungen zu zeitigen scheint und so Janas Jagdinstinkt anstachelt : „Die Mordkommission organisierte unsere Reise in nur wenigen Stunden. Ich war sprachlos, gelinde gesagt. In meiner Behörde hätte dieser Vorgang drei Wochen gedauert und dann obendrein monatelange Diskussionen über Ressourcenverschwendung zur Folge gehabt.“ (S. 96)

Messner versteht es geschickt, die unterschiedlichen Ebenen des Kriminalfalls, der tief in die globalen Netzwerke der auf Masse und Profit ausgerichteten Fleischindustrie blicken lässt, zu verbinden und – in gewohnt schonungsloser Manier – gesellschafts- und wirtschaftspolitische Missstände eindrücklich darzustellen. Idealerweise kommt es letztendlich sogar zu einer Anklage wegen Verbrechen gegen die Natur, die Zerstörung natürlicher Lebensräume und Ökosysteme – ein Thema, das auch außerhalb der fiktionalen Welt zunehmend an Brisanz gewinnt.

Bei aller ethischen Dringlichkeit kommt der Roman aber in keiner Zeile moralinsauer daher – so ist Messners Protagonistin keine asketische Aktivistin, sondern weiß kulinarische Genüsse zu schätzen. Sie isst gerne Fleisch „ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Essen wie damals im Dorf, wo man die Kuh kannte, die man fraß. […] Ich dachte an die Momente der Sehnsucht, die bloße Lust: das Zustechen in das weiche, salzige Fleisch, das Anlegen des Messers und danach das Einschneiden. Ein Glücksgefühl angesichts des herrlichen Dunkelrots, das mit dem Messer aufgerissen wird, nicht zu viel, nicht zu wenig. Das Rindfleisch wie ein Versprechen auf Ewigkeit, die Dicke des Fleisches, seine Weichheit, die roten Schichten, die sich offenbarten, wenn man weiterschnitt.“ (S. 111)

Solche immersiv-sinnlichen Erlebnisse Janas kontrastieren dabei dystopisch-verstörende Beschreibungen von infolge exzessiver Massentierhaltung verwüsteten Landstrichen: „Das Land, das sich vor uns ausbreitete, war zerstört. Nicht wie Natur sich selbst zerstört, durch Trockenheit oder durch Sturm. Es war restlos vernichtet. Ein Sumpf. […] Er war grau in einer Absolutheit, die nicht in Worte fassbar war. Abgegrast? Verödet? Unfruchtbar gemacht? Man konnte wirklich nur sagen: Er war grau.“ (S. 109)

Der Roman lebt von harten Gegensätzen, auch die Figuren werden in ihrer Zerrissenheit und Ambivalenz gezeigt und irritieren einander durch unerwartete Reaktionen. Emotionen wie Euphorie, Erschöpfung, Hoffnung, Unlust, Wut, Neugierde oder Ekel fungieren als Kapitelüberschriften und geben dem Text eine klare Struktur.

Die stärksten Passagen sind jene, die von der farbenprächtigen Flora, der intakten bzw. zerstörten Fauna sowie den menschlichen Urbedürfnissen und -instinkten handeln. Neben der packenden Krimihandlung – und Janas (nahezu tatortreifer) persönlich-emotionaler Verstrickung darin – ist der Roman nämlich vor allem eine Hommage an die Natur, die Kraft ihrer Unberührtheit und das Potenzial des achtsamen Umgangs mit ihr. Deswegen ist es auch nicht kitschig, sondern nur folgerichtig und völlig plausibel, wenn Jana ihren Antrieb benennt: „Vielleicht ist mein inneres Gesetz gerade der tiefsitzende Urinstinkt, der viele Menschen dazu bringt, das, wovon man lebt – Tier und Natur –, zu lieben und es gerade deswegen schützen zu wollen, eben weil man davon abhängig ist.“ (S. 170)

Messner hat mit Die Ablenkung einen Roman geschrieben, der kraftvoll und deutlich benennt, was ist und was sein sollte, und durch seine Radikalität und Klarheit gleichermaßen verstört wie berührt. Ein Buch, das nicht kalt lässt und gelesen werden muss!

 

Veronika Hofeneder ist freie Literaturwissenschaftlerin und Lehrbeauftragte am Institut für Germanistik der Universität Wien; Mitherausgeberin der Werkausgabe von Vicki Baum (Wallstein, 2025), https://vicki-baum-digital.univie.ac.at/. Forschungsschwerpunkte: Literatur und Kultur der 1920er- und 1930er-Jahre, Österreichische Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts, Literatur von Frauen, Literatur und Individualpsychologie, Feuilletonforschung. https://www.germ.univie.ac.at/veronika-hofeneder/

Elena Messner Die Ablenkung
Roman.
Wien: Edition Atelier, 2025.
184 Seiten, Halbleinen mit Lesebändchen.
ISBN 978-3-99065-137-7.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin sowie einer Leseprobe

Rezension vom 19.09.2025

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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