Am Anfang und am Ende stehen die Schuppen: Zu Beginn des schmalen Bandes spazieren der Erzähler und sein Vater im Mausoleum Titos1 herum, während sie über das Pflegeshampoo Hailomar sprechen. Immer wenn er trinke oder Stress habe, kämen die Schuppen, erklärt der Sohn dem Vater. „Das habe ich ihm schon oft gesagt, doch ich sage es noch mal, es schafft eine Verbindung zwischen uns.“ (S. 10). Damit ist der Kern von Diamanten vielleicht schon grob umrissen. Es sind die Verbindungen, die verschiedenen Formen des Kontaktsuchens, die Liebe und das Geplänkel innerhalb der jugoslawisch-jüdischen Familie des Ich-Erzählers, die auf den folgenden 162 Seiten ausgebreitet werden.
Jedes der acht Kapitel handelt von einer Familienzusammenkunft. Die Leser:innen begleiten den Erzähler und seine Geschwister Ada, Benny und Blondie zu einer Hochzeit in Griechenland, zu Weihnachtsfeierlichkeiten in Wien oder ins Haus des Onkels in der Provence. Oft ist auch der charismatisch mit seinem Kugelbauch durch die Landschaft stolpernde Vater dabei. So wie der Erzähler ist auch er Filmemacher. Er ruft seine Kinder allesamt „Mačak“ – Serbisch für Kater – manchmal nennt er sie „meine Diamanten“ und manchmal Schweine. „Ich mag es, dass er seine Kinder manchmal Schweine nennt.“ (S. 172)
Und dann gibt es da noch eine abwesende Figur. Es ist die verstorbene Mutter, von deren Krankheit und Leiden wir im Verlauf der Handlung mehr erfahren. Die Rückblenden durchschneiden den vergnügt-souveränen Erzählstrom der Gegenwart so wie die Skalpelle des „bayrischen Chirurgen mit den Cowboystiefeln“ (S. 54) vor einigen Jahren den Körper der Mutter zerschnitten. Die Operationen brachten keine Heilung, sondern glichen einer allmählichen Verstümmelung.
Es sind Sätze wie Dartpfeile, mit denen David Vajda die Menschen und die Dynamiken ihres Zusammenseins charakterisiert. Sie treffen immer ins Schwarze. Da bestellt der Onkel „mit der Ernsthaftigkeit eines Anwalts Fisch“ (S. 58) und wenn bei seiner Hochzeit zum gemeinsamen Sirtaki aufgerufen wird, „hängt das Na komm, hab dich nicht so einer Gruppenaktivität schwer und träge in der Luft“ (S. 37). Diese knappen und sprachlich virtuosen Beschreibungen zu lesen, ist ein einziges Vergnügen. Bei aller Pointenhaftigkeit werden sie nie gefällig, sondern sind in ihrem Witz oft schmerzlich wahrhaftig. Vajda trifft feinste Nuancen des Zwischenmenschlichen, von denen wir vor dem Lesen noch gar nicht wussten, dass wir sie kennen und dringend einmal ausformuliert haben wollten.
So lebhaft und unerbittlich wie die Sprache sind auch die Charaktere, die da durch den Text wandeln. Diese Familie ist ein bunter Haufen von Weirdos. Fast alle machen irgendetwas mit Kunst. Beim gemeinsamen Urlaub werfen die erwachsenen Kinder unter dem Beifall des Vaters sämtliche Einrichtungsgegenstände ihres Airbnbs in den nächsten Olivenhain. Oder man „ermordet“ einander mit ausartenden pantomimischen Gesten inmitten eines prall gefüllten Balkan-Grill-Restaurants. An einem Weihnachtsabend stürzen die Geschwister auf der Houseparty einer Wiener Schauspieler:innendynastie ab, wo ein „Skandalregisseur“ (beim Lesen ist man geneigt, hier Ulrich Seidl als Vorlage zu vermuten) samt Dramaturg auftaucht und mit den Hüften wackelt. Der Dramaturg lobt den „surrealen Abgrund“ im filmischen Werk des Ich-Erzählers. Dass er dringend tiefer in diesen hinabsteigen solle, wiederholt der Dramaturg so lange, bis der Erzähler gar nicht mehr weiß, was ein „surrealer Abgrund“ eigentlich ist.
Kulturszenekritik und urbane Herumtreiberei verdichten sich zur Mitte des Buches hin. Man meint, dass sich das Beschreibungstalent des Autors gleich abnutzen und sein Witz zur Attitüde werden wird. Eine Brise Wohlstandsverwahrlosung und popliterarischer Leere weht durch die Seiten und steht in irritierendem Kontrast zum Erzählstrang über die Mutter und der existenziellen Erfahrung von Leid und Tod.
Doch gerade, als man beginnen möchte, diesen Umstand dem Buch übel zu nehmen, wandelt sich etwas. Fühllosigkeit ist wohl immer ein Teil und oft der Anfang jedes Trauerprozesses. Das erfrischend Riskante an Vajdas Erzählen ist, dass diese Leere eben nicht zur beredt schweigenden Leerstelle gerät. Diese Leere ist wirklich leer. Gerade indem der Text sich traut, in ihr zu verharren und den Schmerz auch nicht als Abwesenden herbeizuzitieren, bleibt er der Wahrhaftigkeit verpflichtet und zugleich jedem Pathos so fern, wie es nur geht.
Trotz seiner Kürze nimmt sich Diamanten Zeit. Auf behutsame Weise werden in der zweiten Hälfte die Kälte, der Schmerz, die Wut und die Überforderung schließlich doch manifest. Andere Töne mischen sich ins Erzählen. Der abgeklärte Popgestus und die Pointenhaftigkeit weichen zum Ende hin kraftvollen, schmerzlich-schönen Bildern, wie das des Sprungs von Bruder Benny ins Freibadbecken im Traueranzug nach der Beerdigung der Mutter, und man fühlt sich für Momente wie in einem Film von Paolo Sorrentino oder Xavier Dolan.
Am Ende besprechen Vater und Sohn wieder das Schuppenproblem. Diesmal am Rand einer Landstraße im völlig finsteren Wald, während sie auf die Geschwister warten. „Es hat kurz funktioniert und dann nicht mehr“ (S. 170), sagt der Vater über das viel gepriesene Shampoo Hailomar und man ist fast versucht, es als Metapher zu lesen für die Flüchtigkeit der Sprache und der Gefühle, die immer nur für Momente in der Lage sind, die großen Wahrheiten zu begreifen.
Jakob Kraner studierte Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst und Philosophie an der Uni Wien. Sein Debüt Kosmologie erschien 2022 bei Rohstoff/Matthes & Seitz Berlin und erhielt den Anerkennungspreis für Literatur des Landes Niederösterreich sowie eine Nominierung für den Deutschen Popliteraturpreis. Jakob Kraner schreibt Prosa, Essays und Theatertexte, zuletzt Versuch, irgendetwas zu verstehen (2023) und eine Jedermann-Adaption (2024 & 2025) für das Waldviertler Hoftheater. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien wie Triëdere, Schreibheft und kolik. Teil des Literaturperformance-Duos VIEIDER/KRANER und der Poesiepunkband Smashed To Pieces. Zuletzt mit einem Projektstipendium des BMKÖS ausgezeichnet. Fellow am Schloss Wiepersdorf, Brandenburg (2024) und am Literarischen Colloquium Berlin (2025).
1 Das „Haus der Blumen“ genannte Grabmahl des 1980 verstorbenen jugoslawischen Staatspräsident Josip Broz Tito befindet sich im Belgrader Stadtteil Dedinje.
