#Prosa

Der Weg nach Surabaya.

Christoph Ransmayr

// Rezension von Claudia Holly

Der Autor von „Morbus Kitahara“ legt hier eine wunderbare Sammlung von kleinen Porträts vor, die bekannte, manchmal auch benachbarte Orte und Gegenden bis hin zu entferntesten, entlegensten Enklaven und ihre Bewohner in der Art von Momentaufnahmen festhalten und beschreiben.

Die Annäherung an die jeweilige Landschaft erfolgt immer wieder über Menschen und ihre Lebensgeschichten, die Topographie wird von Individuen nicht nur bereichert, sondern wesentlich bedingt.

Ob Christoph Ransmayr nun den Bewohnern der friesischen Hallig Hooge seine ungeteilte Aufmerksamkeit leiht und ihre Erinnerungen archiviert oder dem 25jährigen Hallstätter Totengräber Friedrich Valentin Idam auf seinen Spaziergängen folgt, die von Zitaten des österreichischen Schriftstellers Adalbert Stifter (1805-1868) durchsät sind.

Der Leser bekommt in manchen der vorliegenden Prosastücke das Gefühl von Zeitlosigkeit vermittelt, das nicht selten anachronistisch anmutet. Da existieren unzählige Individuen abseits einer schnellebigen Zivilisation, deren Antrieb im Fortschrittsglauben allein begründet scheint.

Menschen, wie etwa Josef Werwein, „ein zweiundachtzigjähriger Schreiner aus Oberbayern“, der „das Fernsehen abgeschafft“ (Ransmayr, S. 155) hat – für sich. Einwohner des sizilianischen Dorfes Chiara, die ein Dasein führen wie Jahrhunderte zuvor schon ihre Vorfahren.

Eine Reisebusgesellschaft, die ihren Erinnerungen an die Zeiten, da es noch einen österreichischen Kaiser gab, frönen, eine Ansammlung von ehemaligen Aristokraten und sogenannten „Untertanen“, die Kaiserin Zita im Liechtensteiner Exil ihre Ehre erweisen, in völliger Hingabe an vergangene Tage. Wenn Ransmayr ansonsten den Verhaltensmustern und Ansichten seiner ländlichen (Anti-)Helden verständnis-, um nicht zu sagen liebevoll begegnet, so sind die Teilnehmer an dem Ausflug nach Vaduz seinen unverschleierten Zynismen ausgesetzt.

Die Rückblicke in historisch bereits längst vergangene Zeiten haben ebenso lyrischen, gleichnishaften Charakter wie die Episoden und Erlebnisse in einem ehemals mondänen, nunmehr ausgestorbenen, vom Lauf der Zeit überholten Hotel in Südafrika. Oder die Fahrt durch Indonesien auf der Ladefläche eines Lastwagens, und nicht zuletzt die Dankrede anläßlich der Verleihung des Europäischen Literaturpreises Aristeion, das Porträt einer „menschenleer in der Wintersonne Indiens“ liegenden Stadt.

Zwar handelt es sich bei Ransmayrs Reportagen und kleiner Prosa nicht um Geschichten aus 1001 Nacht, doch die zeitlose Qualität dieser Menschen- und Landschaftsskizzen widersetzt sich in vielerlei Hinsicht dem drängenden Impetus unserer Gegenwart.

Reportagen und kleine Prosa.
Frankfurt / Main: S. Fischer, 1997.
240 S.; geb.
ISBN 3-10-062916-7.

Rezension vom 19.08.1997

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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