#Prosa

Der Tote im Bunker.

Martin Pollack

// Rezension von Anne M. Zauner

Martin Pollack ist der Sohn von Dr. Gerhard Bast, Enkel des Dr. Rudolf Bast, Spross einer angesehenen Juristenfamilie – gepflegte Bürgerlichkeit überall, würde man meinen, nicht weiter der Rede wert und schon gar kein Buch. Doch die Idylle wird schon beim leisesten Anstupfen brüchig, denn da ist einmal der falsche Name, Pollack, da sind die Schmisswunden im Gesicht des leiblichen Vaters, und hört man in der Bastfamilie nicht heute noch das Echo der „Grenzlanddeutschen“, die lange aus der „Untersteiermark“, die seit 1918 zu Slowenien gehört, nationalistisch herauflärmten?

Martin Pollack wollte es genauer wissen und ist zu einer Erinnerungsodyssee aufgebrochen. Vor allem wollte er mehr über seinen leiblichen Vater erfahren, den er nie kennengelernt hat. Seine mit dem Kunstmaler Hans Pollack verheiratete Mutter hatte sich nämlich einst auf ehebrecherische Weise mit dem schneidigen Dr. Gerhard Bast eingelassen und ein Kind von ihm bekommen. Sie ließ sich dann noch 1945, als das Ewige Reich schon aus allen Fugen krachte, scheiden, um den strammen Nazi zu heiraten. Aber der Krieg schrieb viele Schicksale neu. Aus der Respektsperson wurde auf einmal ein Geächteter, die Schmissnarben im Gesicht waren plötzlich Schandmale. Dr. Gerhard Bast musste sich verstecken, andere Identitäten annehmen, ständig den Wohnsitz ändern. Schließlich wurde er 1947 von einem Schlepper in der Nähe des Brennergrenzübergangs ermordet – ein Toter in einem aufgelassenen Bunker, nach dem kein Hahn krähte.

Soweit die Fakten. Ein halbes Leben später geht Martin Pollack dem Bastschen Schicksal nach. Der Gerhard war ein Idealist, hat er in der Bastfamilie seit jeher gehört. Vor allem die Großmutter beharrte darauf, er hat ihr „Wir-waren-alle-Idealisten“ noch im Ohr. Doch die Geschichte weist den Vater als Kriegsverbrecher aus, der gegen Kriegsende sogar als Leiter der berüchtigten Sonderkommandos im Osten zum Einsatz kam, Chef der Linzer Gestapo war und ein SS-Sturmbannführer der ersten Stunde. War er auch ein Judenhasser? Martin Pollack stößt bei seinen Recherchen immer wieder auf große weiße Flecken. Und was war mit Großvater Rudolf Bast, an den Martin Pollack im Unterschied zu seinem Vater durchaus Erinnerungen hat, den er sogar mit aufrichtiger Kinderliebe geliebt hat. Darf man denn Nazis lieben? Milde walten lassen? Der Autor erspart sich die unangenehmen Fragen nicht oder die Ambivalenzen des eigenen Schicksals, die ihn eine Zeit lang sogar überlegen lassen, den Namen des Vaters als Makel zu tragen.

Unerbittlich rührt er den braunen Sud auf, schreibt vom sturen Festhalten an Klischees, den heimlichen Gedanken, die in stillen Dämmerstunden verteidigen, was nicht zu verteidigen ist, von verstohlen zusammengesteckten Köpfen und unheiligen Schulterschlüssen. Wie passt dann aber der Slowene Gospod Drolc ins Bild, der eine Bast geheiratet hat, ihren Besitz erbte, und in der deutschnationalen Familie trotzdem willkommen war? Was mit Cousin Guido, dem Halbjuden, nachdem die Schwester des Großvaters schändlicherweise einen Juden in Zagreb geheiratet hatte? Mit besagtem Halbjuden hat SS-Sturmbannführer Gerhard Bast 1940 am Vorabend von Hitlers Überfall auf Jugoslawien nachweislich eine feuchtfröhliche Nacht durchzecht. Zählte denn die Familie mehr als das Ewige Reich?

Martin Pollack stellt viele Fragen und nur selten bekommt er eindeutige Antworten. Ein paar Fotografien vom Vater sind übrig geblieben und das Tourenbuch des begeisterten Bergsteigers, in dem viel übers Wetter steht und seine Wanderrouten, aber fast nichts über sich selbst. Die Berge waren seine einzige deklarierte Leidenschaft, scheint es. Hat er aber die Mutter geliebt, sie ihn? Der Tote kann nicht mehr reden, sie wollte nie. Es heißt, der Vater habe versucht nach dem Krieg nach Kanada auszuwandern. Frau und Kind sollten nachkommen. Mag sein. So vieles ist ungewiss. Martin Pollack hat tausende Akten in Archiven durchstöbert, um sich ein Bild zu machen, hat Reisen nach Slowenien und in den Osten unternommen. Gefunden hat er trostlos wenig. Die Gestalt des Vaters bleibt von Anfang bis Ende ein Schattenriss.

Trotzdem ist aus Martin Pollacks Aufzeichnungen etwas ganz Besonderes geworden, denn mit seinem Buch antwortet der Autor mit einem weithin sichtbaren Nein auf die Frage, ob denn Vergangenheit nicht irgendwann Vergangenheit sein darf. Er lässt löchrig gewordene Erinnerungen und geschönte Bilder nicht als Entschuldigung gelten, auch fehlende Antworten sind kein Grund zu vergessen. Pollack zeigt eindrücklich, dass blinde Flecken eine Sprache sprechen und dass, wer wissen will, zu einer eigenen Wahrhaftigkeit kommt. Ganz ohne Pathos kommt er dabei aus, er stellt seine Fragen als Suchender und nicht als Verteidiger oder Ankläger. So ist die in ihrem deklarierten Ziel fruchtlose Suche eines Sohnes nach dem Vater doch nicht vergebens gewesen. Es ist vorstellbar, dass sie dem einen oder anderen Leser vielleicht den nötigen Impuls gibt, die eigenen Toten aus den Bunkern zu holen.

Bericht über meinen Vater.
Wien: Zsolnay Verlag, 2004.
255 S.; geb.
ISBN 3-552-05318-2.

Rezension vom 20.10.2004

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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