#Roman

Der Paketzusteller

Richard Schuberth

// Rezension von Alexander Peer

Wer nach der Lektüre dieses Buchs noch auf Social Media aktiv ist, dem ist Mut nicht abzusprechen. Schuberths Roman Der Paketzusteller dekonstruiert die Verhaltensweisen auf diversen Plattformen gnadenlos und attestiert den kommunikativen Verfahren dezidiert neurotische Züge. Diese Zwangshandlungen sind Resultate verpasster Chancen oder gescheiterter Lebensentwürfe vor dem Hintergrund eines die Aufmerksamkeitsökonomie entfachenden Kapitalismus, dessen Urheber immer ungreifbarer werden. Das Buch ist allerdings nicht etwa eine substanzlose soziologische Studie, sondern vielmehr ein Bildungsroman jenseits zölibatärer Verklemmtheit mit verblüffenden Wendungen.

Fühlt man sich von Literatur ertappt? Leider immer seltener. Bei diesem Buch kann man es nicht vermeiden. Denn die sarkastisch übersteigerten Abgesänge auf den Homo Vanus, den leeren, nichtigen Menschen, treffen einfach jede und jeden ins Mark. Dabei passt die Diagnose nicht nur auf den im vermeintlich geschützten virtuellen Raum agierenden Menschen und seine digitalen Alter Egos, sondern auch auf den im analogen Alltag handelnden.

Die Hauptfigur ist nicht der titelgebende Protagonist mit prekärem Job, sondern Gerhild Pfister. Eine studierte Künstlerin, deren großer Erfolg so lange ausgeblieben ist, dass sie nicht mehr an ihn glauben kann. Durch ein väterliches Erbe ist sie immerhin vom schlimmsten Sturz in Verarmung verschont, doch sonst mehrfach marginalisiert. Zwar ist sie 48 Jahre alt, aber das ist nicht der Grund, warum an einer Zukunft zu zweifeln ist: Ihre Krebsdiagnose inklusive rapider Metastasierung stimuliert begreiflicherweise ihre Verbitterung, die sie in täglichen Tiraden im Netz abzubauen versucht, aber mitunter durch chronischen Zynismus noch weiter steigert.

Insbesondere das virtuelle Tête-à-tête mit dem Schöngeist Bobby Margulies bedeutet unverzichtbare Nahrung für ihre misanthropisch befeuerten Endorphine. Gleichzeitig braucht auch Gerhild Entspannung. Deshalb verteilt sie gelegentlich Zuckerl. Etwa an die Posterin mit dem denkwürdigen Namen Biffzebuke Schwein-Igl, die es versteht, mit teils schwülstigen Softporno-Darstellungen im Stil eines David Hamilton insbesondere männliche Poster zwischen kühner Erwartung und verhinderter Erfüllung wirkungsvoll an der Leine zu führen. Mit Bobby Margulies und Biffzebuke Schwein-Igl hat es eine besondere Bewandtnis, wie sich im Verlauf des Romans erweisen wird.

Beim Lesen werde ich den Verdacht nicht los, dass Schuberth aus tiefster Aufklärungsabsicht zur Romanform greift, um seine essayistische Brillanz besser unters Volk zu bringen. Seine sprachlichen Kapriolen sind fantasievolle wie schmerzlich wahrhaftige Kleinkunstwerke, die manche Erfolgs-Kabarettisten bass erstaunen und vor Neid verglühen ließen. Aus etlichen Passagen sei eine willkürlich gewählt, die diese Suada auf das digitale Zeitalter eindringlich dokumentiert:

„Legt eure Ohren an Facebook und Twitter an, und ihr hört eine endlose Kakofonie provinzieller trendiness und weihevollen Eingeweihtseins. Jüngere Menschen verwenden diese Sprache [Anm. des Rezensenten das „Digitenglisch“] ungezwungener und auch nicht so exzessiv. Nein, es sind die angegilbten, angerunzelten Youngsters, die ums Goldene Kalb einer imaginären hipness tanzen. Wie Frühpensionisten in Skatertracht, wie lasziv fingerlutschende Omis in Lolitakleidchen, wie Bette Davis als medusenhaft überschminkte Baby Jane mit Masche im Haar, wie die jung gebliebenen Silberrücken aus Lebensversicherungswerbungen, die sich ungefragt zu 20-Jährigen am Donaukanal setzen, um sich von denen die eigene Lässigkeit akkreditieren zu lassen, so wirken sie allesamt mit ihrem alerten Sprech.“ (S. 62)

Bei all den demaskierenden Engführungen, die der Roman im Stakkato zu bieten hat, mag man manches Mal den Eindruck gewinnen, dass dabei eines verlorengeht: das Erzählen. Wie ein Kommentar dazu lässt sich ein Kommentar aus den im Buch ausgebreiteten Facebook-Dialogen herauspicken, der auf Seite 85 auftaucht und einem weniger wohlwollenden Rezensenten womöglich die willkommene Munition für die Attacke auf die vermeintliche Selbstgefälligkeit des Buchautors geliefert hätte, tatsächlich aber dem Phänomen der paralysierenden Social Media Kommunikation den mit spitzem Nagel versehenen Finger in die klaffend blutende Wunde unserer verfluchten Geworfenheit steckt:

„Es wirkt redundant, wie jemand, der so trunken von seinen witzigen Einfällen ist, dass er nicht merkt, dass die Platte hängen geblieben ist und in der Sache nichts Neues mehr kommt.“ (S. 85)

Dabei erzählt das Buch sehr viel. Gerhild mag es sich zwar in ihrem Social Media Elfenbeinturm bequem eingerichtet haben, aber dann tritt doch der einfache Mann von der Straße in ihr Leben. Es ist Haydar, der Paketzusteller. Ihn hat Gerhild eingangs rassistisch beschimpft. Doch wo große Ablehnung herrscht, kann sich auch starke Anziehung einstellen. Schneller als man lesen kann, sind die beiden intim. Die sozialromantische Falle vermeidet Schuberth geschickt. Es ist keine märchenhafte Auflösung, sondern bloß das Brecheisen für den Panzer, der sich um Gerhild gelegt hat. Der Ägypter Haydar erweist sich als gar nicht so bildungsfern und entzieht sich migrantischen Klischees mühelos. Leider hält der erotische Furor nur kurz. Haydar tut seinem Namen alle Ehre und erweist sich als echter Löwe, dem eine Löwin nie genug ist.

Während in der ersten Hälfte des Romans digitale Distinkionsgewinne und die Enttäuschung über die nicht verwirklichten demokratischen Möglichkeiten, die mit dem Netz verknüpft wurden (ein kurzer Exkurs führt gar zur von Konrad Becker 1994 gegründeten und 2004 eingestellten Wiener Netzkulturplattform Public Netbase), erzählerisch ausgebreitet werden, dominiert in zweiten Hälfte der Sog der Ereignisse. Es wäre zu viel der Schematisierung, würde man behaupten, dass Teil 1 im Virtuellen und Teil 2 im Realen spielen, aber der Roman ist offensichtlich als Bildungsroman gebaut, der vom Auflösen eines Eskapismus erzählt. Nicht nur einmal habe ich an Gottfried Kellers Der grüne Heinrich denken müssen. Da wie dort geht es um eine gescheiterte Künstlerexistenz, da wie dort macht sich mieselsüchtige Menschenskepsis breit, da wie dort ändert eine sexuelle Begegnung die Selbstwahrnehmung, wobei man Keller getrost in die Schule Schuberths schicken möchte, damit der auch einmal so pralle Bettszenen hinbekommt wie der Verfasser des Paketzustellers.

Für Heinrich ist es zu spät. Für Gerhild noch nicht. Obwohl sie ihren einzigen Lebensmenschen Ferry auf drastische Weise verliert, und auch den Verlust Haydars überwinden muss. Dafür verfasst sie den Essay „Im letzten Paket werde ich geschickt“ über die Ausbeutung des neuen Sub-Proletariats durch Lieferdienstkonzerne oder solche, die es werden wollen. Die Absagen verschiedener Fachmagazine sind eine Galerie ideologischer Verbohrtheit, und macht klar, wie sehr man im Eiertanz begabt sein muss, um beim identitätspolitischen Diskurs mitwippen zu können, ohne mit Eiern beworfen zu werden. Überraschenderweise kommt die Lösung von außerhalb. Es ist jedoch kein Deus ex Machina, sondern ein französisches Magazin, das ganz begeistert Gerhilds Essay abdruckt und ihr zu ungeahnter Popularität verhilft; wäre es nur einmal im wirklichen Leben auch so!

Spielerisch baut Schuberth falsche Fährten auf und balanciert eine Geschichte auf dem schmalen Grat tragikomischer Kippbilder aus, die in ihrer grotesken Zuspitzung gar einen dezent fiktionalisierten Bestsellerautor namens Richard Melasse einbezieht, der ebenso als Paketzusteller in Günter-Wallraff-Manier Hinterhof-Recherche betreibt, seinen Text darüber aber monatelang schuldig bleibt. Der Roman geizt nicht mit neologistischen Bausteinen wie „Abspritzagonie“ oder „Präventiventfriedungen“, aus denen das digitale Haus unserer Gesellschaft errichtet wird. Welches Schicksal Gerhild tatsächlich erfährt, muss man schon selbst lesend erkunden. Heutzutage muss es wohl so heißen: Spoiler alert! Verraten sei immerhin, dass dieser stilistisch versierte Roman glaubhaft vermittelt, dass es für die Öffnung hin zu anderen nie zu spät ist – selbst für gescheiterte Künstlerinnen und Künstler nicht.

 

Alexander Peer, geb. 1971 in Salzburg, Studien in Germanistik, Philosophie und Publizistik. Peer lebt heute als freier Autor in Wien. Zahlreiche Beiträge zu Literatur, Philosophie und Architektur. www.peerfact.at
Bücher (Auswahl): Die Kunst des Überzeugens (Goldegg, Jänner 2025) 111 Orte im Pinzgau, die man gesehen haben muss (Emons Verlag, April 2022), Gin zu Ende, achtzehn Uhr, Der Klang der stummen Verhältnisse, Bis dass der Tod uns meidet sowie Land unter ihnen (alle Limbus Verlag) sowie Ostseeatem (Wieser Verlag 2008).

Richard Schuberth Der Paketzusteller
Wien: Drava Verlag, 2025.
340 Seiten, Hardcover.
ISBN 978-3-99138-114-3

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor

Homepage von Richard Schuberth

Rezension vom 15.12.2025

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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