#Lyrik

Der neue Palmström.

Bernd Remsing

// Rezension von Astrid Nischkauer

Erstes Buch.

Als ich’s am wenigsten gedacht,
da bin ich plötzlich aufgewacht
und lag in einem Blumenmeer,
die Gloriette grüßte von oben her.
[…]
Stöhnend fiel ich auf den Bauch,
um dann auf allen Vieren
zu vomitieren.
Ja, das auch.

Wie lebendig und vielfältig die Lyrikszene im deutschsprachigen Raum und insbesondere in Österreich ist, merkt man unter anderem daran, dass man auch als höchst Interessierte und Involvierte immer wieder Neues entdecken kann. Und damit meine ich nicht nur neue Gedichtbände, oder neue Dichter und Dichterinnen, sondern sogar neue Verlage, die an sich nicht neu, aber eben einem selbst bislang noch nicht untergekommen sind. Eine solche Neuentdeckung war für mich der Linzer Verlag „Potato Publishing“. Schon der Name ist überaus sympathisch, weckt Assoziationen an die Kölner „parasitenpresse“ oder die steirische „edition kürbis“. Wir haben es hier mit einem jener ganz besonderen und wunderschönen Büchlein zu tun, von denen es nicht viele, aber zum Glück immer wieder welche gibt. Gefertigt in mühsamer Handarbeit, ähnlich wie bei „hochroth“ unter Einbeziehung des Dichters. Der neue Palmström. Erstes Buch ist nicht nur der erste Teil eines größeren Ganzen (drei zusammengehörige Bücher sollen es werden), sondern zugleich auch „das erste Buch“ Bernd Remsings.
Begleitet werden seine Gedichte von sehr feinen und humorvollen Illustrationen von Michael Oskar Wlaschitz, der zugleich auch der Verleger ist.

Bereits mit dem ersten Gedicht, „Die Macht der Worte“, versucht Bernd Remsing seine Leser reimend zu beschwören – um sie dann dazu zu bewegen, den umseitig abgedruckten und vorausgefüllten Zahlschein fertig auszufüllen:

Sie merken, wie Ihr Selbst zerbricht,
wie aus ihm ein andrer spricht.

Ihr Wollen und Ihr Denken
beginne ich nach Wunsch zu lenken!
Schon erfasst Sie das Bestreben,
mir Ihr Vermögen hinzugeben.

Der neue Palmström ist erfrischend anders als das, was man von zeitgenössischer Lyrik in der Regel kennt und gewöhnt ist. Neben Witz und Reim wäre da noch als dritter Aspekt der Außergewöhnlichkeit das erzählende Moment. Es stimmt, viele zeitgenössische Gedichte lassen sich unter den Sammelbegriff „erzählend“ subsumieren, bei Bernd Remsing nimmt das Erzählen aber ganz andere Formen an, da in seinen Gedichten richtiggehende Figuren auftauchen, die dann auch noch in Konflikt mit einer Erzählerfigur geraten, dabei unterbrochen werden von Zwischenrufen der werten Leserschaft etc., was man alles vielleicht aus Romanen kennt, aber kaum aus Gedichten. Ich muss mich korrigieren: man kennt es kaum aus zeitgenössischen Gedichten, Morgensternleser jedoch werden schon so manches und manchen wiedererkennen. Denn Bernd Remsing erfindet seine Figuren nicht neu, sondern fand sie in Gedichten Morgensterns und schenkte ihnen in seinen eigenen gewissermaßen ein Weiterleben. Wie es vonstattenging, dass Morgensterns Palmström sich nun unvermutet in Gedichten Bernd Remsings wiederfindet, wird im Gedicht „Palmströms Erwachen“ erklärt:

Als dann der erste Weltkrieg begann,
geschah’s, dass Palmström sich besann:
Und kurz entschlossen legt er sich nieder,
den Krieg zu verschlafen, war ihm doch lieber.

Um sicherzugeh’n, schlief er gleich hundert Jahr
und erwachte grad jetzt, weil er neugierig war …
„Halt!“, rufen gleich vernünftige Leute,
„Sie wagen zu sagen, er schlief bis heute?

Für all jene, denen Palmström bislang noch kein Begriff war, verweist Bernd Remsing gleich im ersten Gedicht, in dem Palmström auftaucht, in einer Fußnote auf Christian Morgensterns Figur. Als nächstes folgt dann gar ein Gedicht Christian Morgensterns, das klar als solches gekennzeichnet ist, womit Bernd Remsing für alle offen nachvollziehbar macht, dass er mit Christian Morgenstern schreibt bzw. ihn weiterschreibt. Vieles, wie die Reime, den Tonfall, die skurrile (Schein-)Logik und eben die Figuren Morgensterns greift Bernd Remsing in seinen Gedichten auf. Doch er wiederholt damit eben genau nicht, was Morgenstern bereits geschrieben hat, sondern macht gewissermaßen da weiter, wo Morgenstern aufgehört hat, und transferiert den morgensternschen Duktus und seinen Figurenkosmos in die Gegenwart. Und selbstverständlich bleibt das Erwachen Palmströms in einem zeitgenössischen Gedicht Bernd Remsings nicht folgenlos:

Korf bemerkt’s und ist entsetzt:
Er wurde in der Zeit versetzt.
Dies, weil Palmström an ihn dachte,
als der aus seinem Schlaf erwachte.

Im weiteren Verlauf entwickelt sich dann eine Diskussion zwischen Korf und der Dichterfigur, da Korf diesem heftige Vorwürfe macht, durch ihn unfreiwillig in der Zeit versetzt worden zu sein. Damit nicht genug, wird der Ton zunehmend rauer, die Dichterfigur rechtfertigt sich damit, dass Morgenstern seine Figuren Palmström und Korf einfach liegen gelassen habe „im ersten von den großen Kriegen“. Worauf sich nun Morgenstern selbst zu Wort meldet und empört losdonnert:

„Du postmodernes Irrgelichter,
was bist du schon, wärst wohl gern Dichter?“

– Was die Dichterfigur wiederum nicht auf sich sitzen lassen kann, und kontert:

„Morgenstern, so geht’s wohl nicht!“,
so ich, „Du sprichst durch mein Gedicht,
mein Gedicht, mein Reim, mein Haus!
Drohst du mir, werf’ ich dich raus!“

Wir ahnen es schon, wenn sich zwei streiten, freuen sich – in diesem Fall die Figuren Palmström und Korf, da Palmström seinen beiden Dichtern einen Vertrag zur Unterschrift vorlegt, der sie von nun an verpflichtet, ihre Figuren täglich weiter zu schreiben – der eine im Jenseits, der andre im Diesseits.

Der Mittelteil des Bandes widmet sich Palmström und Korf, die wir dann für die letzten drei Gedichte jedoch wieder sich selbst überlassen. Im „Klagelied der Kettensäge“ haben wir es mit einer Kettensäge zu tun, die „fein’re Züge“ in sich fühlt und statt ständig nur zu zersägen lieber Kleider nähen würde. Sie hofft auf die Evolution und auf einen Wäschetrockner namens Eugen. Während die Kettensäge allen Widrigkeiten zum Trotz weiterhin voll Willenskraft und Zuversicht ist, lässt sich das Schicksal des Protagonisten des nächsten Gedichtes als tragisch bezeichnen, begegnen wir darin doch einem Plastiksack, der schon seit Jahren an einem toten Ast hängengeblieben ist:

Oh, Plastiksack, dein Los ist hart!
Einst warst du weiß und frisch und zart.

Die Illustrationen von Michael Oskar Wlaschitz reagieren immer auf die Gedichte und greifen Details daraus auf, wie den fertig auszufüllenden Zahlschein am Beginn, ein tragbares Radio, die Kettensäge mit dem Wäschetrockner Eugen (die auch das Cover zieren), oder den armen hängengebliebenen Plastiksack gegen Ende. Damit heben die Illustrationen einen Aspekt der Gedichte Bernd Remsings besonders hervor, den ich daher abschließend nochmals eigens anführen möchte: ihre Dinghaftigkeit. Denn Objekte und Gegenstände spielen eine wesentliche Rolle in ihnen und werden am Ende des Bandes sogar zu Protagonisten, wie die singende Kettensäge. Der Band schließt dann, „Comme il faut“, wie es sich gehört, mit einem Haiku dieses Titels.

Nun wäre noch die Frage zu klären, wo man dieses außergewöhnliche Buch bekommen kann, was eben nicht ganz einfach, doch sehr lohnenswert ist. Man könnte die Linzer Buchhandlung ALEX kontaktieren. Oder es über die Seite des Verlags versuchen: potatopublishing.at.

Gedichte.
Mit Illustrationen von Michael Oskar Wlaschitz.
Linz: Potato Publishing, 2022.
39 S.; brosch.

Rezension vom 09.06.2022

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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