#Roman

Der längste Sommer

Walter Klier

// Rezension von Spunk Seipel

„Und was ist, wenn dir einmal nichts mehr einfällt?“, fragt die Mutter Walter Klier, als er mit Anfang 20 seinen Eltern gesteht, auf eine bürgerliche Karriere zu verzichten, um als Schriftsteller zu arbeiten. Dabei hat er zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal etwas veröffentlicht oder etwas Bedeutendes geschrieben. Es ist der Wunsch eines jungen Mannes, der die Zwänge des Elternhauses und der Schule abgeschüttelt hat und nun auf der Suche ist, was er eigentlich machen will.

Das ist das prägende Motiv des autobiografischen Bandes Der längste Sommer. Eine Fortsetzung der Beschäftigung des 1955 geborenen Tirolers mit seinem eigenen Leben, nachdem er in dem Band Meine konspirative Kindheit und andere wahre Geschichten aus dem Jahr 2005 seine abenteuerliche Kindheit geschildert hat. In Der längste Sommer beschreibt er, „[w]ie es denn war, damals, als man gerade nicht mehr so richtig jung war“. Es ist ein Entwicklungsroman, der zeigt, wie ein junger Mann seine künstlerische Identität findet und festigt.

Klier, wie so viele andere, weiß eher, was er nicht will, als das, worauf er sich konzentrieren will. Eigentlich steht ihm alles offen, aber gerade diese Freiheit ist ein Problem. Klier kann sich nicht wirklich entscheiden, weshalb vieles, was er in diesen Jahren beginnt, eher wie ein Versuch wirkt als eine künstlerische Bestimmung.
Viele seiner Neigungen scheinen nicht zusammenzupassen. Der junge Mann eckt an und steht sich oft selbst im Weg. Kann ein Bergsteiger, ein Kritiker, ein Student, ein Herausgeber einer Satirezeitschrift, kann so einer ein guter Autor sein? Nichts von all dem scheint in eine Schublade zu passen, in die ihm doch so gerne andere stecken möchten und die ihm selber durchaus auch als sinnvoll erscheinen, um Erfolg haben zu können.

Gerade seine Versuche, ein Autor werden zu wollen, beschreibt Klier nicht ohne Humor. Es sind vor allem seine eigene Trägheit und Zweifel, die ihn am Schreiben hindern. Sein ruhiger, schildernder Stil mit den überlangen Sätzen, in denen er bewusst auf die großen poetischen Bilder verzichtet, geben diese Trägheit und Unsicherheit auf das vortrefflichste wider.
Zu seinen eigenen Zweifeln kommt die scheinbare kulturelle Isolation in Tirol in den 1970er- und 80er-Jahren, die es ihm schwierig machen, im Literaturbetrieb Kontakte zu knüpfen und zu reüssieren.
Eher durch Zufall wird er 1982 mit 27 Jahren Kandidat für den Ingeborg-Bachmann-Preis. Klier gelingt eine gnadenlose Schilderung dieses Wettbewerbs. Er zeigt, dass es, ungeachtet aktueller Diskussionen um diesen bekanntesten deutschsprachigen Literaturwettbewerb, schon immer ein fragwürdiges Spektakel war und ist. Aber Klier teilt nicht einfach nur Kritik aus, im Gegenteil, er schildert so offen, wie man es selten von einem Künstler liest, die Selbstzweifel und die eigene Unfähigkeit bei diesem Wettbewerb der Eitelkeiten mitmischen zu können. Geradezu lustvoll schildert er nicht nur bekannte Kritiker mit ihren Allüren, sondern auch erfolgreiche Jungautoren, die gerade der Erfolg beim Wettbewerb zum Scheitern verurteilt. Klier gelingt in diesem Kapitel ein Schlüsselroman des Literaturbetriebs der frühen 80er-Jahre, der auch heute von Bedeutung ist.
Zu denken gibt ihm, dass der Literaturbetrieb „[…] mir alle Preise, Stipendien und auch sonstigen äußeren Erfolge nur in dem Maß ausfolgte, dass ich es gerade nicht bleiben ließ, immer doch noch sozusagen vorläufig weitermachte, unter dem Motto ‚Eine Runde maus ich noch mit‘ […]“. Auch hier stellt Klier die grundsätzliche Frage über die Funktionsweisen der Kulturförderung.

Aber Klier beschreibt nicht nur die Anfänge seiner künstlerischen Karriere. Gescheiterte Beziehungen, der Tod der Großmutter, körperliche Verletzungen, ein Jahr als Fremdsprachenstudent in Aix beschäftigen ihn ebenso. Es sind die prägenden Momente, die bleiben und einen Menschen formen.
Manchmal wünscht man sich als Leser, dass er diese Themen mehr vertiefen würde. Dass er zum Beispiel dem Nichtbergsteiger die Faszination für diesen Sport näherbringen könnte. Zuweilen behandelt der Autor diese Themen zu oberflächlich, zu schnell und hakt sie zu selbstverständlich ab.
Gerade das Jahr in Frankreich, dem er so viel Platz widmet, hätte noch vieles an Stoff hergeben können. Warum kann der Autor nicht mit seiner Heimat brechen, da ihm doch eigentlich die Welt offensteht? Wieso fällt es den Austauschstudenten so schwer, Freundschaften mit Einheimischen zu schließen? Schade, dass er, der Sohn eines Terroristen, der in Südtirol Bomben gezündet hat, sich nicht auf einer politischen Ebene mit seiner Zeit Frankreich und den in den 80er-Jahren noch starken regionalen terroristischen Autonomiebewegungen wie der ETA oder den Terroristen auf Korsika auseinandergesetzt hat.

Aber es sind gerade diese Fragen, die die Stärken des Buchs ausmachen. Denn Klier ermöglicht den LeserInnen, eigene Gedanken und Assoziationen zu entwickeln. Es ist ein anregender Band. Man möchte am liebsten der Mutter zurufen: Aber dem Autor fällt doch immer etwas ein.

Walter Klier Der längste Sommer
Roman.
Innsbruck: Limbus, 2013.
176 S.; geb.
ISBN 978-3-902534-89-7.

Rezension vom 11.11.2013

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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