#Anthologie

Der Geräuschalchimist

Klaus Hirtner

// Rezension von Peter Stuiber

Klaus Hirtner ist wohl einem größeren Kreis kaum ein Begriff. Möglicherweise erinnern sich einige Leser der „Wiener Zeitung“ noch an seine Reportagen und Satiren oder Radiohörer an seine Features und Hörspiele. Vor beinahe fünf Jahren, am 9. Jänner 1995, ist der Journalist und Schriftsteller im Alter von 36 Jahren gestorben. Freunde und Kollegen haben nun eine Auswahl seiner Erzählungen, Gedichte, Reportagen, Reiseaufzeichungen und satirischen Texte zusammengestellt.

Den Stoff für seine Texte fand Hirtner „auf der Straße“. Ihn interessierten diejenigen, die in unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt werden: einfache Arbeiter, Arbeitslose, Alkoholiker oder Ausländer. Die Eingangserzählung mit dem Titel „Würde“ beschreibt den Alltag der Flüchtlinge in Traiskirchen. „Unsere Küchenschaben werden immer langsamer, bleiben am Tisch, auch wenn du dich dazusetzt. Aber Besuche von draußen sind ohnehin verboten, wir besuchen uns in der Regel gegenseitig, von Zimmer zu Zimmer. Niemand muß sich schämen, die Zigarette in der leeren Fleischschmalzdose auszudrücken […]“ (S. 12) Trostlos ist das Lager, gering die Erwartungen. „Es ist ein schlechter Scherz. Du suchst Freiheit und Schutz und wirst in ein Gefängnis gesteckt.“ (S. 17) Im einem Gefängnis landet auch der Afrikaner in der Erzählung „Schnee“. Wirkliche Angst hat er nur davor, erwischt zu werden, ehe er das „grüne Land“ erreicht hat. Und Angst vor dem Schnee, den es in diesen Gegenden geben soll, hat er auch. „Er war froh, als ihn die Polizisten in eine Zelle sperrten […]. Er hatte ein Dach überm Kopf.“ (S. 31)

In seinen Satiren geißelte Hirtner die Auswüchse unserer Gesellschaft, lächerliche Moden und den allgegenwärtigen Zeitgeist. Passend zur schönsten Zeit im Jahr der Text „Weihnachten: es brennt!“. Brennen müssen da vor allem die Eltern und Großeltern, und zwar in finanzieller Hinsicht. Das Ergebnis der Einkaufsorgien findet sich unter dem brennenden Christbaum wieder. „Da liegen sie nun, die materialisierten Über-Ichs; als Geschenke verkleidet unter den Nadelbäumen. Und doch nur, um nach Neujahr umgetauscht zu werden.“ (S. 298) Neben der spöttischen Schärfe mancher Texte können sich auch Hirtners Reportagen sehen lassen. Eine schönes Beispiel dafür ist die „Gratwanderung“ über den „Friedhof der Namenlosen“ am Alberner Hafen. Die Ertrunkenen – meist Selbstmörder – wurden früher dort bestattet, weil sie in den naheliegenden Auen aus dem Strom auftauchten und nur selten identifiziert werden konnten. Die Totengräber erholten sich von ihrer Arbeit im benachbarten Wirtshaus, das nach der letzten Ruhestätte benannt ist. „Und daß auch heimatliche Gefühle und Liebe zu diesem Ort entstehen können, bewies der einstige Wirt Isidor Bethie. Seine Verbundenheit war eine irdische in jedem Sinn – der Friedhof der Namenlosen ist seine letzte Ruhestätte.“ (S.182) Der aufschlussreiche Text könnte aus Gerhard Roths „Reise in das Innere von Wien“ stammen.

Hirtner war im übrigen kein Wiener. 1958 in Steyr / Oberösterreich geboren und in einem Arbeiterbezirk aufgewachsen, kam er zum Studium in die „große Stadt“ und erwarb sich hier schon bald umfangreiche Kenntnisse der Lokalgeschichte und des Dialekts, die manchen gebürtigen Wiener wohl beschämt hätten (und sicherlich haben). „Sperrstund is“ gibt davon eine Ahnung. Auf amüsante Weise wird hier auf die kulinarischen Eigenheiten Wiens eingegangen und deren sprachliche Auswirkungen untersucht. „Einen noch höheren Stellenwert als das Essen genießt das Trinken. […] Da sich der Wiener aber nicht gerne als Alkoholiker bezeichnen läßt, wendet er verschiedene Methoden der Rechtfertigung an. Bei Biertrinkern ist an heißen Sommertagen die meteorologische Methode besonders beliebt. Zwaradreißig Krügel im Schottn heißt soviel wie: Zweiunddreißig Grad Celsius.“ (S. 304) Wer wissen will, was „angstrudelt“, „schledern“ oder „Schweigl“ bedeutet, sei jedenfalls auf das Hirtner-Lesebuch verwiesen. Man wird darin neben Amüsantem aber auch viel Nachdenkliches finden. Sollte es beim Lesen einmal zu trist werden, kann man ja noch immer „ein Achterl bipperln“.

Klaus Hirtner Der Geräuschalchemist
Ein Lesebuch.
Hg.: Birgit Schwaner, Beppo Beyerl und Gerald Jatzek.
Wien: Löcker, 1999.
317 S.; brosch.
ISBN 3-85409-318-7.

Rezension vom 10.12.1999

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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