#Roman

Der Fallmeister.

Christoph Ransmayr

// Rezension von Alexander Kluy

Eine kurze Geschichte vom Töten.

So viel Sprachmacht und Beschwörungsgewalt dürfte keinem anderen österreichischen Schriftsteller der Gegenwart derzeit zur Verfügung stehen. Was Christoph Ransmayr, seit einiger Zeit wieder in Wien ansässig, mit Der Fallmeister, seinem neuesten, pünktlich zu seinem 67. Geburtstag erschienenen Roman vorlegt, ist nicht nur – womit der Untertitel lockt – eine „kurze Geschichte vom Töten“, es ist ein Wortrausch, eine Studie zu Ambivalenz und emotionaler Blindheit, und es ist in ausgreifenden, komplexen, hochmelodiösen Satzkaskaden eine geradezu klassische Etüde über einen Ich-Erzähler, der sich erst im Finale als überraschend anders erweist. Woraufhin ein neuer Strudel sich eröffnet und das auf 220 Seiten geschilderte Geschehen, das mit Wasserwirbeln und fünf Toten einsetzte, mit sich fortreißt und gänzlich andere, neue kaleidoskopische Reflexionen beschert.

Die Welt ist in Der Fallmeister alles andere als hell. Europa hat sich nach Jahrzehnten der Kriege und Konflikte politisch atomisiert und ist in noch kleinere Miniaturstaaten zerfallen als selbst zu Zeiten des mitteleuropäischen Fleckenteppichs im 18. Jahrhundert. Manche dieser „Fürstentümer“, „Kommissariate“ und „Grafschaften“ sind so klein, dass sie binnen eines halben, höchstens eines ganzen Tages zu durchwandern sind. Und da ist noch der Weiße Fluss, zu identifizieren als die Traun, und dann die Donau, die durch unzählige hypernationalistische Schrumpfländer und Staaten-Flecken strömt mit mehr als drei Dutzend Sprachen. Hier, in einem abgelegenen Tal, ist der Vater des Ich-Erzählers Kurator eines fluvialen Freiluftmuseums. Er lässt sich als „Fallmeister“ anreden und pflegt den nostalgischen Glanz, den dieser alte Begriff verströmt; er verehrt obsessiv die Vergangenheit und verabscheut die Gegenwart. Fallmeister, heißt es zu Beginn, das sei einst die Bezeichnung für den Schleusenwärter am Fluss gewesen, ein honoriger Ehrentitel. Der Fallmeister verantwortete in der Praxis die Lenkung der Boote in den Gassen des Großen Falls, „die wie wasserführende Balkone an die Felswände gebaut waren. So konnten die Salzschiffer in ihren Langbooten den Großen Fall in treppenförmig angeordneten Kanälen umfahren.“

Der Vater verantwortet als Fallmeister allerdings auch den Tod von fünf Langbootpassagieren, die in den Kanälen umkommen. Das macht ihn noch bitterer als die Jahre zurückliegende Deportation seiner Frau zurück in ihr Herkunftsland, auf eine kleine dalmatinische Insel. Am ersten Jahrestag des Unglücks, das vielleicht keines war, sondern, wie der Ich-Erzähler mutmaßt und zu rekonstruieren sich anschickt, Mord, wird der Fallmeister dabei gesehen, wie er sich mit einem Boot den Wasserfall hinunterstürzt. War die Schuld zu viel, waren die Selbstvorwürfe zu groß? Da ist Ransmayrs Protagonist schon weltweit unterwegs, als Hydroingenieur eines Wasserunternehmens, das global agiert und die Kleinstaaterei mit ökonomischer Brutalität und Erpressung erfolgreich für sich nutzt. Trinkwasser und Energieversorgungssysteme sind in einer Welt, die in Folge stark gestiegener Meeresspiegel überflutet wurde, mehr wert als Gold. Er ist an einem Fluss in Brasilien ebenso tätig wie in Kambodscha. Dort erreicht ihn die Nachricht seiner Schwester Mira, er solle ihr beistehen beim Ausräumen des Fallmeisterhauses. Die digitalen Kommunikationswege sind allerdings so fragmentarisch und zensiert, dass er kaum antworten kann; und auch nicht will; noch weniger will er dorthin zurückkehren; zu mühsam sind internationale Reisestrecken. Mit Mira, die mittlerweile in Norddeutschland an der Elbemündung mit einem „Reichsgrafen“ zusammenlebt, verbindet den Ich-Erzähler eine inzestuöse Liebesbeziehung. Da ihm seine Firma sämtliche beruflichen Qualifikationen streicht – seine Alma Mater Rotterdam wurde von ihr, weil feindliche Stadtrepublik, als wertlos disqualifiziert –, kündigt er, woraufhin er in einer automatisierten Replik die Offerte erhält, einen Verwaltungsposten in abgeschiedener Landschaft zu übernehmen – die Stelle als Fallmeister eben dort, wo er aufwuchs.

Drei Monate Urlaubszeit liegen vor dem Antritt der Stelle. Diese will er nutzen, um seine Schwester Mira, von der er träumt, nach der er sich sehnt, die er liebt, wiederzusehen nach langer Zeit. Er reist umständlich nach Norddeutschland und trifft sie, die in einem Turm mitten im knietief überfluteten Watt wohnt. Die umgebende Region ist Kampf- und Bürgerkriegszone. Als er Mira, die an der Glasknochenkrankheit leidet, in der letzten Nacht seines Besuches amourös bedrängt, bricht er ihr dabei, ohne es zu wollen, das Genick. Es gelingt ihm, dies als Unfall zu drapieren. Um Trost in seinem emotionalen Elend zu finden, will er die lang nicht mehr gesehene Mutter auf ihrer Heimatinsel besuchen. Dieses Eiland, einst ein kleines Paradies an der Adria, ist fast zerstört, kaum mehr bewohnt, der vor Zeiten als pittoreske Sehenswürdigkeit gerühmte Süßwassersee ist auf Generationen hin vergiftet und tot. Er findet seine Mutter – und dazu jemanden, den er niemals in ihrer Nähe erwartet hätte. Final ist dieser Roman der Wahrnehmung inmitten destruktiv katastrophaler Atmosphäre eigentlich ein Buch über an eigener Opakheit scheiternde Gefühle und über einen Untergeher, der avancierte Technik beherrscht, aber für das eigene Leben keinerlei Techniken erworben hat außer jenen des Selbstbetrugs und des verblendeten autohypnotischen Existierens.

Roman.
Frankfurt am Main: S. Fischer, 2021.
224 S.; geb.
ISBN 978-3-10-002288-2.

Rezension vom 29.03.2021

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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