#Roman

Der dritte Bettenturm

Stephan Alfare

// Rezension von Bernd Schuchter

Aufzeichnungen aus einem ramponierten Leben.
Die Literatur wendet sich in letzter Zeit vermehrt dem Krankenhaus zu, etwa Anna-Elisabeth Mayer mit ihrem Debütroman Fliegengewicht oder Wolfgang Hermann, dessen Faustini sich zuletzt in Behandlung begeben musste. Ebenso ergeht es Victor Flenner in Stephan Alfares neuem Roman Der dritte Bettenturm.

Doch während Mayer und Hermann eher ein Gegengewicht zum Kitsch der Ärzteromane versuchen und mit Augenzwinkern und Humor ihre Figuren glimpflich davonkommen lassen, trifft Alfares Helden die volle Wucht einer unbarmherzigen Wirklichkeit. Doch der Reihe nach: Flenner, Schriftsteller und Trinker, kehrt in seine „Höhle“, seine kleine Wohnung zurück, betrunken und schwer verwirrt und vor allem blutüberströmt, was ihn nicht weiter stört. Wie er auch alle weiteren Fährnisse, die ihm im Laufe des Romans begegnen, mit einem gleichgültigen Schulterzucken hinnimmt. Die Szene ist nur der Auftakt für Flenners leidensschweren Gang durch die Krankenhausinstitutionen, vom Koma über das mühevolle Redenlernen, das Essenlernen, das Gehenlernen, er durchläuft die ganze Reha moderner Kliniken, von der Ergotherapie über die Logopädie zur Physiotherapie, die Psychiatrie mit inbegriffen. Flenner muss sich sein Leben erst wieder erarbeiten, im Gegensatz zu seinem Namen ist er aber weder weinerlich noch bemitleidet er sich. „Der ist zäh. Glaub mir.“, sagt der Maler Jean, der zweite Held in Alfares Roman. So kommt es dann auch.

Zäh müssen auch die anderen Figuren sein, um ihr jeweiliges Leben auszuhalten, das in erster Linie (wie bei Flenner und Jean) von Alkohol und anderen Drogen, von Gewalt und Depressionen geprägt ist. Dabei spielt Der dritte Bettenturm nur zum Teil im Pennermilieu, in dem Bourbon und Wein flaschenweise geleert werden; Flenner ist Schriftsteller, Jean und seine Ex-Frau Juliette sind erfolgreiche Maler. Stephan Alfares Roman ist auch eine Art Künstlerroman und er lässt die Schattenseiten des Kunstbetriebs weit klarer hervortreten als den „Rausch“, der durch die Kunst selbst zu erreichen wäre. Alfares Figuren sind Getriebene, die irgendwie nicht anders können als an ihrem eigenen Ruin zu arbeiten, dennoch sind sie sympathisch.

Man lacht über Flenners böse Beobachtungen über die Ärzteschaft, über Jeans Hass auf die Kunstszene, Leidtragende sind aber die Kinder, die sich bei Alfares reichhaltigem Personal wie zwangsläufige Anhängsel immer wieder finden. Alfare erzählt von Vätern, die keine sind, weil sie entweder nicht da sind oder nicht fähig sind, wirkliche Vorbilder zu sein. Nur in pathetischen Reden zwischen dem zweiten und dritten Bier fühlt etwa Jean so etwas wie Verantwortung für seinen Sohn Marcel, bis er sich wieder sich selbst zuwendet.

Der dritte Bettenturm ist dabei trotz aller Tristesse gute Unterhaltung, etwa in der Rede Jeans über die Ästhetik des Malens oder in der Schilderung der Lebensgeschichte eines Penners im Obdachlosenasyl, von ihm selbst erzählt. Alfare gelingt es anschaulich, sein Sammelsurium an Figuren durch aberwitzige Situationen zu schicken und dennoch authentisch erscheinen zu lassen. Nicht zuletzt mit Witz und einer gewissen zynischen Distanz, die er seinen Helden mitgibt.
Am Ende scheint nämlich Licht im obligatorischen Tunnel, oder mit Flenner gesprochen: „Und alles dünkte ihn auf einmal lächerlich.“
Unbedingte Leseempfehlung.

Stephan Alfare Der dritte Bettenturm
Roman.
Wien: Luftschacht, 2011.
391 S.; geb.
ISBN 978-3-902373-66-3.

Rezension vom 31.08.2011

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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