#Anthologie

Decodierung: Recodierung

Toni Kleinlercher (Hg.)

// Rezension von Petra Nachbaur

10.11.00. Schön und binär codiert, ein guter Tag, um sich Decodierung: Rekodierung zu widmen, dem Reader zu einer Veranstaltungsreihe der Kunsthalle Wien, für deren „project space“ der Tiroler Künstler und Schriftsteller Toni Kleinlercher eine Lesart verschiedenster Text- , Bild- und Soundperformances kuratiert hat.
Die gleichnamige Anthologie bezeichnet Herausgeber Kleinlercher als Lesebuch, und wer die in Wien in einer „Blue Box“ präsentierten Live-Auftritte verpaßt hat, sieht bereits anhand des Programm-Folders ein Manko, das dem Buch nicht vorzuwerfen ist: Was live mit Projektionen, Internetschaltungen, DVDs usw. multimedial betrieben worden ist, kann sich zwischen zwei Buchdeckeln naturgemäß bloß in Text und Bild wiederfinden.

„und ich als Text fall immer wieder / auf und in mich selber rein und denk nanu“, gesteht Blumfelds „Verstärker“. Nanu, denkt sich die Leserin, der Leser auch anläßlich vieler Beispiele in Kleinlerchers Lesebuch. Überraschend und neuartig, manchmal auch überraschend wiederzuentdecken sind viele der Ansätze und Gedanken in Kleinlerchers Vorwort, das Rück-, Über- und Ausblick auf die kommenden Beiträge vereint.
Bei so manchem Beitrag wird das „nanu“ dann allerdings eher zum „naja“. Paul Divjaks „spätlese“ etwa praktiziert ein Verfahren, das Gerhard Rühm bereits Jahre zuvor auf die österreichische Bundeshymne angewendet hat. Das Ergebnis ist natürlich auch bei Weinhebers Gedichten amüsant, doch damit im Jahr 2000 im Kontext von „Dekodierung: Rekodierung“ Furore machen zu wollen, überzeugt nicht nur nicht, sondern gibt dem ganzen Überbau einen leichten Anstrich von Hype. (Aber vielleicht ist der Titel des Textes ja selbstironisch.)
Überhaupt sind nicht alle Beiträge im selben Ausmaß zeitgemäß. Bisweilen entsteht der Eindruck, was früher mit Kategorien der Rezeptionsästhetik oder der Intertextualität gefaßt worden ist, komme nun mit zeitgemäßem Konzept, aber anachronistischer Realisierung angetrabt – dieser Eindruck mag, wie gesagt, auch daran liegen, daß für die Buchveröffentlichung zahlreiche Mittel der multimedialen Präsentation eben nicht geeignet sind.

Dennoch ist die Anthologie weit mehr als das Buch zum Event, mehr als bloße Dokumentation oder Katalog. In anschaulicher Weise werden literarische Vorgangsweisen, Muster der Textproduktion im Spannungsfeld von Ent- Ziffern, Ent-Schlüsseln, Knacken einerseits, Aufladen, Be-Schriften, Knicken andererseits – auf Sender- wie auf Empfängerseite! – präsentiert.

Dekodierung und Recodierung sind dabei nicht etwa inhaltliche Themen oder Motive in narrativer Prosa, wie dies in Haruki Murakamis „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ der Fall ist – dort finden Ver- und Entschlüsselungen durch unüberschaubare Machenschaften „des Systems“ im Gehirn des Helden statt.
Im vorliegenden Lesebuch wird die Codierung (hin, her, quer) selbst vorgeführt und praktiziert: Petra Ganglbauer lädt den inhaltlichen Akku ihrer streng anaphorisch gehaltenen Parataxen-Kette durch Spiegelung derselben auf. Christian Steinbacher führt in seiner „Zierleiste“ durch eine Reizworterzählung der anderen Art: Seine bekannten Quadratanordnungen aus jeweils zweiteiligen Kreuzworträtsel-Aufgabenstellungen werden ergänzt durch einen Fließtext, der die Aufgaben einfließen läßt, ohne sie aufzulösen. In die entgegengesetzte Richtung führt Kilic/Widhalms Beitrag, übrigens die einzige literarische Koproduktion dieser Zusammenstellung – hier ließe sich auch beim Verfahren der Textproduktion zu zweit überlegen, wie die Aufgaben von De- und Recodierung verteilt sein könnten. Ein stark rhythmisierter Prosatext wird geknackt, indem seine „Hauptwörter“ einer synonymisch/lexikalischen Umschreibung unterzogen werden. Mit Methoden der Transfers, der „Übersetzung“ arbeitet auch Lisa Spalts Beitrag „Hl. Kümmernis. Eine Coverversion“. In ihren Bild/Text-Anordnungen werden semantische Codierungen betrieben durch den Wechsel zwischen verschiedenen Sprachen, zwischen Wort und Visualisierung. „Pupille“ wird vom Mündel zum Augenstern und re/tour.

„Coverversion“ ist nicht nur Bestandteil von Spalts Titel, sondern ebenso von Kleinlerchers „*andid“; auch „Remix“ oder „Sampling“ finden sich als Gattungsbezeichnung. Diese aus der Popkultur stammenden Begriffe verweisen auch auf den interdisziplinären Charakter der Zusammenstellung von Kleinlercher, der nicht nur SchriftstellerInnen, sondern auch Fachleute aus dem Bereich der Komposition, der mathematischen Spieltheorie, der Literaturtheorie, der Philosophie zu seiner Veranstaltungsreihe eingeladen hatte. Dieses Konzept ist mit Sicherheit in den Live-Acts, auf andere Art nicht weniger stark in der Buchpublikation aufgegangen.

Besonders hervorzuheben sind die Beiträge des Herausgebers selbst und von Thomas Feuerstein, beide sowohl im Bereich der Bildenden Kunst als auch als Autoren tätig. In diesen Texten wird nicht nur das Verfahren der Textgenerierung in einem konzeptuellen Einstieg beleuchtet, sondern ihnen gelingt auch die Kombination hoher sprachlicher Dichte mit politischer Haltung, mit politischem Statement, so erfreulich im Ansatz wie überzeugend in der Lösung, nachgerade in einer Gesellschaft, in der derzeit so manches auf fragwürdige Weise „recodiert“ wird.
Wir alle erinnern uns an die Dechiffriermaschine „Lektor“ aus Ian Flemings „From Russia with Love“. Der Lektor oder die Lektorin dieser Anthologie hat sehr gute Arbeit geleistet, wenn auch manche unfreiwillige „Recodierungen“ stattgefunden haben, etwa Scherstjanois Neu-Codierung ins weibliche Geschlecht durch den Vornamen „Valerie“ im Inhaltsverzeichnis.

Seit dieses Lesebuch in meinem Postkasten lag, hat sich auch so manches Ingredienz meines Alltags verselbständigt. Ein großes „J“ etwa dreht sich, dehnt sich seither und will mir ein ums andere Mal weismachen, daß „Tafelsalz“ „CODIERT“ sei. Etwas wie Salz ist diese Anthologie allerdings auch, in der – gerade in Zeiten post-frankfurtischer Lethargie – oft so faden Buchstabensuppe, eine zeitgemäße, vielseitige und ambitionierte Würze des Lesens.

Toni Kleinlercher (Hg.) Decodierung:Recodierung
Ein Lesebuch.
Wien: Triton, 2000.
256 S.; geb.
ISBN 3-85486-066-8.

Rezension vom 10.11.2000

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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