#Prosa

Das weibliche Element.

Manfred Rumpl

// Rezension von Emily Walton

Würde man ein Leben in Lieben erzählen, könnte die Geschichte in etwa so aufgebaut sein, wie Manfred Rumpls aktuelles Buch. Das weibliche Element ist der Titel des Erzählbands, der sechs Geschichten enthält, die sich nur um eines drehen: um die Liebe. Der Protagonist blickt in seine Vergangenheit, auf seine Beziehungen zurück. Gefühlsduselige, gar schmalzige Passagen sind aber nicht zu erwarten. Rumpl (Jahrgang 1960) seziert eher die Gefühle und analysiert jede Regung, die seine Figur empfindet. Kurz: Das (Ver)Lieben wird in Sprache übertragen.

Anatol Hofer heißt der Protagonist dieses 213-seitigen Buchs. Eine Figur, die auch als Rumpls „Alter Ego“ bezeichnet werden kann, zumal sie sehr autobiografisch angelegt ist: Beide Männer sind Schriftsteller, haben ein ähnliches Alter, lebten in Wien und Graz. Und auch die Geschichten sollen – laut Autor – autobiografisch gefärbt sein.
Anatol kann den Frauen nicht widerstehen. Immer wieder zieht ihn eine Frau in ihr Gravitationsfeld: Zunächst ist es ein Mädchen aus der Schule, das alles andere für Anatol unwichtig erscheinen lässt. Später dann kommt Vera, die Freundin des guten Freundes Toni. Beinah ungewollt verliebt er sich in diese Frau und er erlebt zugleich wie seine eigentliche Freundin für ihn immer mehr zu einer Art Schwester wird. Übrigens: Das Entlieben spielt in diesem Buch eine ebenso große Rolle wie das Verlieben. In vielen Geschichten hat Anatol auch damit umzugehen, dass er Beziehungen hat zu Frauen, die er nicht (mehr) liebt. Während die Freundin nervt, empfindet er immer wieder ein Verlangen nach einer anderen: So kommt es etwa auch in jener Geschichte, in der Freundin Maria in Triest studiert und Anatol seine Nachhilfeschülerin begehrt. Nicht nur das, er fühlt sich außerdem zu einer alleinerziehenden Mutter, die als Prostituierte arbeitet, hingezogen. Verantwortungsvoll ist dieser Held nicht, Leidenschaft lenkt ihn.

Falsch wäre es aber, in Anatol einen geistlosen Weiberhelden zu sehen. Im Gegenteil: Als mäßig erfolgreicher Schriftsteller, der sich auch für die Philosophie stark interessiert, erscheint er als besonders sensible, feinfühlige Figur. Er ist ein Lebenskünstler, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt und erst mit Ende zwanzig Philosophie studiert. (Auch hier gibt es Parallelen zu Rumpls Biografie.) Als ambitionierter Schriftsteller achtet Anatol auf Details. Manchmal wird er dabei auch ausschweifend, manchmal sagt er aber mit einem Satz alles. Etwa, wenn er den holprigen ersten Sex beschreibt: „Unsere ersten Male waren ein wenig so, als versuchte man ein Cello durch einen besetzten Zug zu schleppen.“ (S.118)

Anatol Hofer ist übrigens für erfahrene Rumpl-Leser kein Unbekannter. Bereits in den Neunzigern tauchte er auf – in Rumpls Buch „Anatol Hofers Trotz“.
Der Protagonist liebt nicht nur Frauen, sondern auch die Literatur. Gelungen sind hier die Referenzen an literarische Werke: So lässt Anatol etwa eine seiner Frauen Djuna Barnes aus dem Regal ziehen. Solche Verweise sind gut dosiert, wirken nicht gezwungen oder belehrend. Die Liebe zur Kunst ist ebenso zentral wie die zu den Frauen.

Der Stoff – die Liebe – sorgt automatisch für Tempo: Selten lässt sich die Liebe vorherbestimmen, somit ergibt sich der Spannungsbogen fast automatisch: Rumpl gelingt es zu zeigen, wie plötzlich, sprunghaft, überraschend die Liebe ist – und dass sie nicht immer ein Happy End hat.
Es empfiehlt sich allerdings, zwischen den Geschichten zu pausieren, um die Beziehungen auf sich wirken zu lassen. Und um nicht mit den Frauen durcheinander zu kommen.

Sechs Stories.
Wien: Luftschacht, 2012.
216 S.; geb.
ISBN 978-3-902373-96-0.

Rezension vom 16.05.2012

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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