#Roman

Das Phantom.

Michael Stavaric

// Rezension von Harald Gschwandtner

Es ist keine ausgeprägte interpretatorische Finesse vonnöten, um bei, ja im Grunde bereits vor der Lektüre von Michael Stavarics Roman Das Phantom an Thomas Bernhard zu denken. Schon die Verlagsvorschau hatte das Buch als eine „Liebeserklärung“ an Bernhard angekündigt. Nun lässt auch der Klappentext keinen Zweifel daran, wie dieser Roman gelesen und eingeordnet werden will: als Variation über die Frage, wie es „im Kopf einer Bernhard-Figur“ aussieht.
Entsprechend listet Stavarics Danksagung am Ende des Buches den Autor gleich an erster Stelle, und das Motto des Buches stammt aus Bernhards 1970 erschienenem Roman Das Kalkwerk. Das Phantom ist als Bernhard-Buch gedacht und affichiert, auch wenn der Autor im Romantext selbst nur einmal namentlich genannt wird.

Damit steht das neue Buch von Michael Stavaric, zweifellos einer der vielseitigsten Autoren der österreichischen Gegenwartsliteratur, nicht nur in der Tradition des großen Solitärs. Das Phantom steht auch in einer Reihe mit jenen Texten, die sich seit Jahrzehnten mit Sprachmacht, Figuren und Motiven Thomas Bernhards, aber auch mit der biografischen Person des Autors beschäftigen.
Es existiert eine Vielzahl an Büchern und kürzeren Erzählungen – auch über den deutschsprachigen Raum hinaus –, die Bernhards Verdammungsurteile imitieren oder persiflieren, sich am Sprachmaterial der Bernhard’schen Satzungetüme abarbeiten, verschüttete Facetten seiner erzählten Welten herausarbeiten oder Handlungsstränge weiterschreiben. Ausgehen von Barbi Markovic gehört zu den gelungensten und vergnüglichsten Beispielen dieses Genres; in Österreich wären, unter vielen anderen, Thomas Mulitzers Tau oder Mario Schlembachs Dichtersgattin zu nennen, die auf je eigenwillige Weise den literarischen Bernhard-Kosmos erweitert haben. Gar nicht einfach, auf diesem vielbespielten Feld einen neuen und originellen Zugang zu finden.

Das Phantom ist die Bilanz eines Lebens, ein Rückblick in Szenen und Bildern, die sich angesichts einer gesundheitlichen Notsituation einstellen. Thom, der Protagonist, auf dessen Perspektive das Buch ganz fokussiert ist, konstatiert gleich im ersten Satz (der kürzeste des gesamten Textes): „Ungeheuerliches geschieht.“ Er hat plötzlich ein eigenartiges „Gefühl im Mund“, „wie Insekten auf einer Windschutzscheibe“, und er berichtet von Ohnmachten, bei denen die Augen nach innen kippen, „als würden sie höchstpersönlich im Kopf nachschauen wollen, was zum Teufel denn los sei“.
Das Phantom ist die (auch sprachlich) radikale und schmerzhafte Introspektion eines Menschen, dessen Leben von Kränkungen und Niederlagen gezeichnet war und ist, von verunglückten Liebesgeschichten und verpassten Chancen. Thom steigt, „im Angesicht des Todes“, in die Abgründe der Vergangenheit hinab und setzt dabei das „kolossalste Gedankenkarussell“ in Gang. Er ist kein liebenswürdiger Tollpatsch, der im Leben zu oft die falschen Abzweigungen genommen hat, sondern ein wütender Menschenfeind – gebaut nach dem Modell Bernhard’scher Misanthropen, die ihre persönlichen Verletzungen mit sprachlichem Furor nur ungenügend kaschieren können.

Mit seiner ersten Freundin, Veronika Grünspan, war Thom einst „nach ein paar formidablen Gläsern Colarot“ über Literatur ins Gespräch gekommen. Die Unvereinbarkeit der Lebenswelten und Weltanschauungen – Vroni stammt aus einer Salzburger Familie mit „nationalbürgerlich-katholischem“ Background – hatte der anfänglich „harmonischen Verschränktheit unserer Seelen“ jedoch bald ein Ende gesetzt. Ebenso ist Thoms liebevoller Zuneigung zum Fräulein Gretchen, die in seinem Stammlokal kellnert, kein Happy End beschieden. Als er bei einem Preisausschreiben gewinnt und sie zu einer romantischen Reise nach Hallstatt (das manchmal „Hallstadt“ oder „Hallstat“ heißt) einlädt, sind seine Avancen im dortigen Beinhaus nicht von Erfolg gekrönt. Wer hätte gedacht, dass Thoms Idee, „das Fräulein Gretchen spontan zu umarmen“ und ihr just am Friedhof einen ersten „Kuss aufzuhauchen“, nicht auf Zustimmung der Angebeteten stößt?

An vielen Stellen legt Stavaric nicht nur sprachliche, sondern auch motivische Fährten zum Werk von Thomas Bernhard, zur Ursache etwa oder zu den Billigessern; beinahe auf jeder Seite blitzen Allusionen und intertextuelle Verweise auf, richten den Roman auf sein literarisches Vorbild aus. „Ich weiß nicht, ob mir die Kindheit und Jugend als mildernde Umstände hätten angerechnet werden können, da sie doch alles weitere förmlich bedingten“, heißt es gegen Ende. Das Phantom steht in der Tradition der autofiktionalen Texte Bernhards, die sich auf die Suche nach den Ursachen der eigenen Existenz begeben, welche nicht zuletzt im unüberwindbaren ‚Herkunftskomplex‘ zu finden sind.

Ein erzählerischer Kniff des Romans besteht in seiner zeitlichen Strukturierung. Die Handlung setzt am 24. März eines nicht näher bezeichneten Jahres um 10:44 Uhr ein und findet schon eine knappe halbe Stunde später, um 11:10 Uhr ihren Abschluss. Die mäandrierende Gedankenarbeit Thoms, der wir auf verschlungenen Pfaden folgen, läuft viel schneller und hochtouriger ab, als wir davon lesen können. Das Karussell des Denkens und Meinens und Verurteilens und Selbstgeißelns und Erinnerns dreht sich mit einer solchen Geschwindigkeit, dass man kaum hinterherkommt. Der zeitliche Rahmen, den der Autor seinem Text gibt, verweist auf den Ausnahmezustand, in dem sich der Protagonist befindet.

Stavarics Roman zelebriert die Umständlichkeit eines Erzählens, das um sich selbst kreist; sprachliche Strukturen werden ostentativ wiederholt, die Möglichkeiten der Superlativbildung genussvoll zelebriert („in den tumultischen, gar tumultischsten Stoßzeiten“). Die literarische Manier des Textes und die Manie seines Protagonisten puschen sich gegenseitig hoch.

Das Phantom erreicht nicht die literarische Stringenz und psychologische Dringlichkeit der Prosa von Thomas Bernhard. Obwohl Thom sich – glaubt man seinen Ausführungen – an der Schwelle zum Tod befindet und die geschilderten Ereignisse und Erlebnisse des Erzählers zweifellos tragisch sind, hinterlässt der Roman oft den Eindruck eines bloß literarischen Spiels, einer erzählerischen Fleißaufgabe. Lustvoll und gefinkelt, anspielungsreich und literaturgesättigt, beweist Das Phantom zugleich die Wandelbarkeit des Autors Michael Stavaric. Ein spannendes Bernhard-Experiment, allerdings mit Abzügen in der Haltungsnote.

Roman.
München: Luchterhand Literatur Verlag, 2023.
320 S.; geb.
ISBN 978-3-630-87673-3.

Rezension vom 07.06.2023

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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