das offene schloss

Herbert J. Wimmer

// Rezension von Sabine E. Selzer

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Eichendorff, Tucholsky oder Wedekind, Thomas Bernhard und Franz Kafka: das Schloß in der Literatur hat Tradition und vielfältige Erscheinungsformen, als Genius loci und/oder als Symbol für Macht, Geheimnis etc.
Herbert J. Wimmer bewegt sich in einem weiten Feld der Intertextualität, wenn er seinen neuen Roman „das offene schloss“ nennt.

Zu der Reihe der Schlösser in der Literatur hat sich also ein weiteres Exemplar gesellt. Nur: so eindeutig ist die Sache nicht. Nicht zufällig ist „das offene schloss“ ein „ambivalenz roman“, in dem nichts nur eine Seite haben kann und auf gar keinen Fall nur eine Bedeutung. So werden in zwei mal siebenundsiebzig Textfeldern Modelle von Gegenwart und (gescheiterter) Kommunikation auf mehreren Ebenen entworfen. In verschiedensten Variationen wird immer wieder ein zentrales Thema aufgegriffen: die (Möglichkeit und Problematik der) Interaktion des Ich/Individuums mit seiner Umgebung.

Angefangen bei Adam und Eva bis hin zum komplexen Alltag einer Mediengesellschaft spürt Wimmer Paradoxien auf, die zum Teil aber erst als solche bewußt gemacht werden müssen. Dies geschieht in erster Linie durch Verfremdung. Deshalb nimmt der Autor das Wort konsequent beim Wort, um hinter die Maske sprachlicher Konventionen zu schauen, durch Sprachauflösung und Sprachspiel zu einer neuen Sichtweise zu gelangen.

Getragen von prinzipiellem Skeptizismus zeigt Wimmer der Kommunikationsgesellschaft ihre Unfähigkeit zu kommunizieren, ein Chaos aus Mißverständnissen, Sackgassen, Unartikulierbarkeit und die damit unweigerlich verbundene, tiefe Einsamkeit, aus der das schreibende Ich sich durch sein Schreiben zu befreien versucht (man fühlt sich schon wieder an Kafka erinnert), das ihn doch gerade wieder zurückstößt in den Prozeß der Interaktion mit seiner Umgebung.

Der Text wird auf zwei Ebenen entwickelt: einerseits auf der „Mikroebene“ kleinstmöglicher Einheit zwischenmenschlicher Beziehung, der Partnerschaft zu zweit, symbolisch dargestellt durch Adam und Eva bzw. Freund und Freundin. Die Figuren verbleiben im Nebel der Allgemeinheit, jeder kann für sich auch sein Ich einsetzen, sie repräsentieren Individualität, ohne sich in der Vorstellung des Lesers als Individuen festzusetzen, Plastizität wird ersetzt durch den Charakter des Exemplarischen, die Modellhaftigkeit des Dargestellten. Schließlich ist es jeder, der kommuniziert, interagiert, spätestens seit Watzlawick wissen wir, man kann gar nicht nicht kommunizieren, und Schreiben ist erst recht eine Art von Kommunikation.

Und andererseits ist es die „Makroebene“ unpersönlicher allgemeiner zivilisatorischer Vorgänge, auf der Wimmer seinen Text entfaltet. Dabei laufen die beiden Erzählstränge des Romans – um nicht zu sagen: Handlungsstränge, denn von einer Handlung im traditionellen Sinn kann nicht die Rede sein – nebeneinander, wechseln einander ab; jedes Textfeld ist wie eine Momentaufnahme, ein Steinchen im Mosaik des Romans.
Es zeichnen sich hier zum Teil Strukturen ab, die auch schon in frühen Texten des Autors zu finden und für sein Schaffen charakteristisch sind. Bewandert auch in literaturwissenschaftlicher Theorie, sowohl Produzent als auch Analytiker von Texten, hinterfragt er bestehende literarische Normen, löst Gattungen auf, experimentiert mit Ausdrucksmöglichkeiten.

Transformationen, Montagetechniken und der Wechsel zwischen verschiedenen Ebenen sind allgegenwärtig in Wimmers Texten. Konsequente Kleinschreibung und Sprachspiele, die zuweilen an Elfriede Jelinek erinnern und Wortbedeutungen auf den Grund gehen, Intertextualität, Neologismen, außerdem ein Wichtignehmen auch der optisch-ästhetischen Komponente von Literatur sind schon lange seine Markenzeichen. Diesen bleibt er auch im „ambivalenz roman“ treu. Aber er hat sich nun „in lange Textabläufe gestürzt“, wie Burghart Schmidt im Nachwort konstatiert, und mit einer gewissen Akribie seine Ideen ausgebreitet – nein, nicht bis zum Ende, es gibt kein Ende, es kann kein Ende geben, sonst wäre es nicht das offene schloss. So offen die Inhalte, so geschlossen ist die Form, die sich allerdings zwar beschreiben aber nur schwer interpretieren läßt und dadurch wieder zurückweist auf die allgegenwärtige Ambivalenz im Roman, was wohl von Seiten des Autors nicht ganz unbeabsichtigt gewesen sein dürfte. Er läßt uns gern Rätselraten und in seinem Spiel unsere eigenen Regeln finden. Angesprochen auf die Zahlenmystik und deren eventuellen tieferen Sinn meint er etwa nur lakonisch und reichlich kryptisch: „Zufall und Notwendigkeit“, programmatisch für einen Großteil seiner Produktion.

Sabine E. Selzer
29. Juli 1999

zwei mal siebenundsiebzig textfelder.
Mit einem Nachwort von Burghart Schmidt.
Wien: Sonderzahl, 1998.
324 S., geb.; öS 298.-.
ISBN 3-85449-137-9.

Rezension vom 29.07.1999

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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